Migrationsunterricht in Ungarn

Ein seltsames Phänomen: seit ich in Ungarn bin, muß ich mich um nichts mehr kümmern, alles kommt auf mich zu. Aus kaum erklärlichen Gründen werden mir dauernd Vorschläge gemacht, werden Anfragen gestellt und ich kann mir heraussuchen, was ich annehme und was nicht.

Nach ein paar Stunden Ungarisch in einer Sprachschule fragte man an, ob ich nicht einen Englischkurs geben könne, später einen Deutschkurs und dann noch einen und auch privat kommen die Leute auf einen zu und man kann wählen.

Diesmal werde ich von einem Gymnasium kontaktiert, ob ich nicht in einer Deutschklasse mit den Schülern über Europa und die Migrationskrise sprechen könne. Die geheimen Kanäle, wie man ausgerechnet auf mich kommt, bleiben im Dunkeln, aber da ich selber gern wissen will, wie eine Schule in Ungarn von innen aussieht, wie die Schüler sind, sage ich natürlich zu.

Die Klassenleiterin bietet einen Kaffee an. Wir plaudern zehn Minuten in einem nett eingerichteten Lehrerzimmer. Auch hier, in Ungarn, sagt sie, ist der Niveauabfall der letzten Jahre deutlich. Warum? Sie glaubt, es liege an den Grundschulen, die die Kinder nicht mehr richtig vorbereiteten. Ich hingegen behaupte, es habe gesamtgesellschaftliche Ursachen. Aber das Thema ist zu groß, um in Eile abgehandelt zu werden.

Vierzehn Mädchen und ein Junge einer elften Klasse schauen mich wenig später in der neunten Stunde freundlich lächelnd an. Sie sind müde, natürlich, der Tag war lang und brütend heiß.

Es hilft nichts, die schweren Keulen müssen raus, will man diese Klasse zum Sprechen bringen. In fünf Minuten Einführung versuche ich ihnen die demographische Dramatik der Lage – heute gibt es 1,2 Milliarden Afrikaner, in 80 Jahren werden es 4,4 Milliarden sein und sie werden 44% der Weltbevölkerung ausmachen, die Europäer hingegen nur 5,7% –, die politischen Folgen, von der Weltpolitik bis hin zur Mikropolitik, die unmittelbar praktischen Probleme der Migration und die Wesensdifferenzen zum Islam zu entwerfen. An der Tafel entsteht ein kleines Bild, auf dem alle Ecksteine in allen Varianten miteinander verbunden sind.

Sie sitzen da und rühren sich nicht. In Deutschland gäbe es dafür nur eine Erklärung: die Schüler wären gefesselt. Von den ungarischen Schülern weiß man aus vielen Lehrergesprächen: sie sind brav, schüchtern und scheuen die eigene Meinung. Nur ein einziges Gesicht schaut mich erschrocken an, der Rest ist schwer auszurechnen.

Mit einem Witz versuche ich die Stimmung etwas zu lockern. Der junge Mann trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „This is Sparta“, darauf das Bild des spartanischen Federhelmes. Ich frage ihn, ob er wisse, was er da trägt. Er wirkt überrascht – die Frage schien ihm nie bewußt gewesen zu sein. Also kläre ich ihn auf, daß dieses Symbol heute von patriotischen Bewegungen verwendet wird, es an Leonidas und die die Helden gegen die persische Übermacht erinnert, daß es oft für den Widerstand, weiterhin für die „Reconquista“, die Rückeroberung steht, die in Europa durch Karl Martell eingeleitet wurde, daß die Spartaner für einen strengen militärischen Geist standen …

Nun beginnen doch ein paar Fragen einzutröpfeln. Sie hatten sie sich zuvor notiert und lesen sie schüchtern vom Blatt ab. Die Lehrerin muß die Klasse vorbereitet haben. Die erste Frage gibt mir Gelegenheit, von Hussain und den Syrern zu sprechen, von den Eritreern und den Somaliern und den Unterschieden, die es auf ethnischer und individueller Ebene gibt. Als ich fertig bin, liest ein Mädchen ihre Frage ab: „Kennen Sie auch persönlich Migranten?“ Ich versuche zu lächeln und erzähle noch ein paar Geschichten.

Schwer einzuschätzen, was in diesen Jugendlichen vor sich geht. Sind sie überhaupt da? Verstehen Sie die Sprache? Verstehen Sie die Inhalte? Sie sitzen – vollkommen anders als in deutschen Schulen – fast regungslos und schauen dich mit großen Augen an. Äußerlich ein Traum, so sollte Schule sein, aber innerlich – ich kann es nicht ausschließen – aber innerlich sind sie vielleicht leer. Bis auf die eine, die mit weit aufgerissenen Augen mir jedes Wort von den Lippen saugt und immer wieder nickt.

Was halten sie selbst davon? Wie sollte sich Ungarn entscheiden, frage ich sie. Das Mädchen mit der Migrantenfrage antwortet für alle: Wir wollen sie hier nicht. Sie spricht damit aus, was eine Gallup-Umfrage vor einigen Wochen landesweit erforschte: Mehr als 90% der Ungarn lehnen den europäischen Kurs ab. Warum? Sie passen nicht zu uns. Sie haben eine fremde Religion. Sie wollen nicht arbeiten …

Ich versuche zu bremsen, ermahne zur Differenzierung, man müsse unterscheiden … Es gebe auch ermutigende Fälle. Nehmen wir Hussain, der nach zwei Jahren sehr gut Deutsch spricht … und trotzdem nicht vorankommt, weil das bürokratische System in Deutschland seinen Bedürfnissen nicht gerecht werden kann oder er an den Alltagsschwierigkeiten scheitert. Dann erzähle ich von Khaled und seiner schwangeren Frau, von Salim und seiner unlösbaren Aufgabe, die Sprache zu lernen und arbeiten zu können, von Mohammed, der als psychisches Wrack zurück in die Türkei geflohen ist …

Die Zeit ist verflogen. Ich bin durchgeschwitzt und habe zu viel geredet, konnte den allzubraven ungarischen Schülern nur wenig entlocken. Das Mädchen mit den großen Augen – sie hat ganz offensichtlich verstanden, daß es ihr Leben, das Leben ihrer Generation bestimmen wird – stellt die letzte Frage: Was sollen wir denn tun?

Ich sage: Um zu wissen, was man tun soll, muß man erst wissen, was man tun muß. Und dafür ist es notwendig, sich zu informieren, allseitig, umfassend. Und wenn man genug weiß, dann sieht man auch, was man tun muß und kann und daraus ergibt sich dann von ganz alleine, was man tun soll.

Ein komplizierter Gedanke, der braven Applaus erntet – aber ich weiß nicht, ob das nur eine Zirkusnummer ist.

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