Eine Erfolgsstory

Hin und wieder gibt es Gespräche – ich versuche, sie zu meiden –, die einem lange drinstecken. Immer wieder schweifen die Gedanken ab, geht man die Argumente des anderen durch, bedauert, nicht schlagfertig genug gewesen zu sein.

So eins hängt mir seit zwei Tagen nach. Ein alter Freund, Schuldirektor a.D. hat seine eigene Meinung zur Lage – Irrtum, er hat die allgemein verbreitete Meinung. In Wirklichkeit erschien er mir wie ein Wiedergänger Heribert Prantls und tatsächlich abonniert er die Süddeutsche und hat sich deren Argumentation offenbar gänzlich zu eigen gemacht.

Auch engagiert er sich lobenswerterweise in der Flüchtlingshilfe. In dem kleinen bayerischen Dorf gibt es 76 Migranten und die werden alle eins zu eins betreut – er hat auch einen abbekommen, einen Eritreer, der zwar nicht schreiben, aber jetzt in einer Art Vorlehre bei einem örtlichen Unternehmen feilen kann – und machen keinerlei Probleme. Alles bestens also.

Die Tochter arbeitet derweil in Äthiopien – ein Land mit 100 Mio Menschen und einer Fertilitätsrate von 4,4, wo man Amharisch spricht, wie sein analphabetischer Eritreer, und hilft nachhaltige Landwirtschaft aufzubauen: Bewässerung, Terrassierung, Metallpflug, Arbeitsmethoden, Technikimport … alles in überschaubarem Rahmen und alles so, daß die Leute sich dort damit anfreunden können.

Freilich, es bedarf einer ganzen Reihe an westlich denkenden Äthiopiern, Aufsehern, die man sich an deutschen Hochschulen herantrainiert hat, um den Prozeß zu überwachen, denn sobald man den Rücken zuwendet, tendieren die Bauern dazu, in ihren alten Trott zu verfallen. In ein, zwei Jahren ist das Projekt beendet, dann werden die Weißen verschwinden und man muß hoffen, daß die neue Methode sich dann durchgesetzt haben wird. Er ist da zuversichtlich.

Erzählt mir aber auf Nachfrage von seinem Schwager, ebenfalls Entwicklungshelfer, der fünf Jahre seines Lebens in Peru damit verbrachte, eine Fabrik aufzubauen und am Laufen zu halten. Nach zehn Jahren kam er wieder dort vorbei, um zu schauen, wie es so geht. Dort, wo die Fabrik – oder was immer es war – stand, wucherte nun der Urwald. Ein paar Rosthaufen zeigten dem kundigen Auge, daß da was gewesen sein mußte. Was die Einsicht, fünf Jahre beste Lebensenergie, nebst Ehekrise, in ein schwarzes Loch geworfen zu haben, mit der Psyche des Aufbauhelfers gemacht hat, wurde nicht überliefert.

Für diesen Freund ist sein eritreischer Schützling schon jetzt eine Erfolgsstory. Noch zwei Jahre Vorausbildung und dann eine Lehre und dann kräftig Steuern zahlen und die eigenen üppigen Pensionsansprüche sichern – so stellt er sich das vor. Ich sagte nur:

Laß uns in zwei Jahren noch mal drüber reden, oder in fünf oder in fünfzig.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Eine Erfolgsstory

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich kannte eine Kindergärtnerin, die Feuer und Flamme für ihren Beruf war. Einmal kam es in meiner Gegenwart zu einer Diskussion mit ihrem Lebensgefährten, der dieses damals umgehende, unsägliche, und ich weiß nicht ob mehr wegen seiner präzisen Gewaltphantasien oder wegen seiner Kitschigkeit unsägliche Lied „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner einfach nicht mehr anhören mochte. Sie mit Inbrunst, er mit skeptischem Blick:

    Sie: „Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie ein Mensch überhaupt jemals gegen ein Kind ausfällig werden kann. Kinder sind doch wie unsere Gäste auf der Erde, und entsprechend müssen wir sie auch immer behandeln, freundlich und zuvorkommend.“
    Er: „Und was machst Du, wenn die Gäste über die Stränge schlagen?“
    Sie: „Das tun Kinder nie. Oder wenn sie es tun, dann doch nur, weil sie vorher schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben. Es liegt nur an uns, das es nicht dazu kommt.“
    usw. usf.

    Kein Jahrzehnt später traf ein Freund sie zufällig wieder auf der Straße und erfuhr von ihr, dass sie jetzt studiere.
    Er: „Wie, du studierst? Du warst doch so begeistert in deinem Beruf wegen des ständigen Kontakts mit Kindern?“
    Sie: „Weißt du, ich kann diese Rotznasen einfach nicht mehr sehen.“

    ————

    Es gibt Menschen, die ihre sehr hohen Ideale nicht missen wollen, so sehr sie auch selbst ahnen mögen, dass sie auf Erden nicht zu erreichen sind. Weil sie ihrer bedürfen, so wie andere einer Religion oder eines Idealstaates in Vergangenheit oder Zukunft. In den helfenden und Erziehungsberufen trifft man oft solche. Und so gibt es etwa sehr verbreitet den Typus des Junglehrers, der vehement vertritt, jeder Mensch könne im Prinzip jedes Ausbildungsziel erreichen, und wenn das dann doch nicht klappt, so liege das nur an unglücklichen Umständen im Einzelfall oder an unzureichenden eingesetzten Mitteln. Man möchte meinen, die alltägliche Erfahrung, wie schwer sich manches Mädchen mit Mathematik tut oder mancher Junge mit ordentlichem Benehmen und angemessenem Fleiß (oder mancher Skeptiker mit der unaufgebbaren Wahrheit, dass geschlechtsspezifisches Verhalten allein nur aus gesellschaftlichen Geschlechtsrollenklischees entsteht) würde sie eines Besseren belehren.

    Auf dieser Erde ist jede Ressource beschränkt, deshalb unterstehen wir immer dem Gesetz der Notwendigkeit und des vernünftigen Wirtschaftens, bei Gefahr der Verschleuderung, wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

    Und auch grenzenlose Gutwilligkeit hat meist irgendwann dann doch ein Ende. Wie geht es dann weiter nach so einem Knackpunkt? Es gibt jedenfalls etliche verbitterte alte Lehrer. Ich fürchte auch den neuen Wahn, in den sich stürzen werden, die ihren alten nicht mehr weiter halten können. Denn nüchterne Einsicht und daraufhin Maß ist gerade bei diesem Typus nicht zu erwarten.

    Erst Kinderkirche halten, dann radikales politisches Engagement für alle Unterdrückten der Erde, dann Feminismus, dann Mitglied in RAF-Unterstützergruppen, dann Tarockkarten legen, dann Biofimmel, dann Steinheilen, dann Versuchstiere befreien – die spezifischen Engagement mögen wechseln, doch die Maßlosigkeit bleibt gewöhnlich.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s