Der Müllsack

Am frühen Morgen werde ich von einem seltsam scharrenden und klirrenden Geräusch vor dem Fenster geweckt. Gewöhnlich ist es in der südungarischen Kleinstadt, in einer Nebenstraße, auch tagsüber ruhig. Ich stehe mit verquollenen Augen auf, schaue aus dem Fenster – aber anstatt, wie erwartet, ein Tier, sehe ich einen älteren Mann vor unserer Haustüre knien und den Müllsack durchwühlen.

Einmal pro Woche wird hier der Müll geleert. Es klappt wie am Schnürchen. Wenn es nach uns ginge, dann würden alle vier Wochen genügen. Da wir den Müll trennen, uns gleich nach dem Einzug auch einen Komposter in den Garten gestellt haben, bleiben pro Woche ein, zwei Tütchen Restmüll. Im Gegensatz zu unserem ungarischen Nachbarn haben wir auch die gelbe Tonne bestellt. Sie ist für Glas, Plastik, Papier, Metall, alles durcheinander. Betrieben wird sie von einem Privatunternehmen und vermutlich und hoffentlich gibt es irgendwo eine Sortieranlage. Die Entsorgung kostet nichts.

Unsere schwarze Hausmülltonne müssen wir mit unserem Nachbarn teilen. Oft ist sie randvoll, weil er einfach alles hineinstopft.

Auch heute steht der Deckel offen vor Überfüllung, daneben liegt ein blauer Müllsack und vor dem hockt nun ein älterer Mann mit Rucksack auf dem Rücken und kramt darin herum. Er mag vielleicht um die Fünfzig sein, gehört aber wohl zu jenem Typ Mensch, den man hier nicht selten trifft: frühzeitig gealtert durch Arbeit, Armut und Alkohol.

Der Sack hat jetzt einen langen offenbar aufgeschnittenen Schlitz. Akribisch durchwühlt er den Müll, wohl Altkleider, nimmt jedes unter die Lupe und legt es dann fein zusammengelegt zur Seite. Ganz unten im Sack klappert etwas metallisch. Das hat es ihm angetan. Er klaubt kleine Metallstücke heraus, betrachtet sie in der Hand und steckt sie in die Hosentasche unter seinem dicken Anorak. Dann wühlt er weiter. Schließlich gibt er auf, legt alles wieder zusammen und stopft es in den Sack zurück. Wäre der Schlitz nicht, es wäre das übliche Stilleben.

Ich lege mich wieder ins Bett. Doch eine halbe Stunde später scharrt es schon wieder. Erneut ist er da, offenbar noch immer nicht davon überzeugt, daß Sack und Tonne keine Schätze enthalten. Er bleibt über eine Stunde. Ich dämmere dahin und werde immer wieder von den Geräuschen aufgeschreckt. Schließlich entscheide ich mich, aufzustehen und den Tag zwar übermüdet, aber vorzeitig zu beginnen.

Vor dem Fenster bietet sich ein ganz anderes Bild. Tonne und Sack sind noch da, aber offensichtlich von oben nach unten gekehrt. Ein Strohkorb, der bislang unsichtbar war, liegt nun ganz oben auf. In der Küche, mit Blick zur Straße, mache ich mir einen Kaffee. Eine Radfahrerin kommt vorbei, hält, schaut sich den Müll an, überlegt und fährt dann weiter. Kurz danach ein kleines blaues Auto, von einer jungen Frau gesteuert. Auch sie hält und schaut und fährt weiter. Eine Minute später kommt sie im Rückwärtsgang zurück, blickt scheu die Straße auf und ab, steigt aus und greift sich den Korb, wirft ihn hastig auf den Rücksitz und fährt eilends davon. Sie glaubte, unbeobachtet davongekommen zu sein. Sie hat sich wohl geschämt.

Und so geht es weiter. Noch einige Blicke werden den Müllhaufen streifen. Ich gehe hoch in mein Zimmer und schreibe diesen Text.

Gerade war die Müllabfuhr da. Die Tonne ist leer, den Sack, der nun zerfleddert, aber halbleer ist, haben sie liegen gelassen. Vielleicht wird es der Nachbar nächste Woche wieder versuchen. Oder es läßt sich noch was finden.

Aber so macht man das hier: Willst du etwas entsorgen, so raten uns die Ungarn, dann stelle es auf die Straße. Am frühen Morgen kommen die Zigeuner und suchen sich zusammen, was sie noch gebrauchen können. Einiges davon wird in den verschiedenen Gebrauchtwarenläden, die sie betreiben, oder auf dem Trödelmarkt wieder auftauchen, anderes in den eigenen Häusern am Stadtrand Verwendung finden und mancher Ungar findet vielleicht auch noch was.

Vor zwei Wochen legte ein anderer Nachbar ein dutzend Paar ausgelatschte Schuhe auf den Gehweg. Am Nachmittag waren es nur noch halb so viele.

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