Der Clash zweier Denkstile

„… die Entideologisierung … hat den symbolischen Wert der Kultur insgesamt und des philosophischen Diskurses sehr massiv nach unten gedrückt, weil sie praktisch nur noch die Bedeutung von Waren haben … Sie haben keine grundlegende Relevanz, weil sich die Fundamente der Gesellschaft nicht mehr auf einem Diskurs gründen.“ (Boris Groys)
„Es muß darum gehen, diese mysteriöse Tendenz der menschlichen Seele, sich zu opfern, einzubinden in moralische Prinzipien, die uns erlauben, zu unterscheiden, was ein legitimes Opfer ist und was ein illegitimes Opfer ist. Und dafür brauchen wir praktische Vernunft.“ (Vittorio Hösle)

Aus der akademischen Ecke kommt, wenn es um Sloterdijk geht – vom Karlsruher Kreis abgesehen – fast nur Schweigen oder Häme. Da werden dann auch Ersatzduelle interessant. Eines fand vor 10 Jahren zwischen Boris Groys, wohl einem Sloterdijk geistig nahestehenden Philosophen, den Sloterdijk selbst auch häufig diskutiert und zitiert, und dem einstigen Shootingstar der traditionellen deutschen Philosophieszene, Vittorio Hösle, statt. Daraus ist ein kleines Buch entstanden: „Die Vernunft an die Macht“. Da ich beide Autoren in ihrer Entwicklung verfolgte, entstand eine kleine Rezension des lang erhofften Dialogs:

Darauf hat man lange gewartet: eine direkte Auseinandersetzung zweier philosophischer „Schulen“, wie sie gegensätzlicher nicht sein können. In der roten Ecke Boris Groys, ein in der Tradition Nietzsches und des französischen Poststrukturalismus stehender Denker, Medientheoretiker, Ästhetikprofessor, nicht zufällig an jener Hochschule, die Peter Sloterdijk leitete – in der blauen Ecke Vittorio Hösle, mit Hegel aufgepäppelt und allem Guten, was die deutsche Aufklärungsphilosophie bis zu Habermas zu bieten hat, ein Letztbegründungsfanatiker, Transzendentalaprioriker, hochpolitisierter Moralphilosoph („Moral und Politik“), ein analytisches Schwergewicht, aufgrund weitestgehender Medienabsenz und überseeischer Lehrtätigkeit leider in Deutschland nur in Fachkreisen bekannt. Beide kommen mit Sekundanten, selbstgezüchteten und trotzdem selbstdenkenden Eigengewächsen – man könnte auch Knappen sagen, denn ein ritterlicher Zweikampf sollte es werden und wurde es auch.

Hösle schwingt, wie immer, in aller Stringenz, logisch hergeleitet, erstens, zweitens, drittens, argumentativ souverän und fein organisiert, eine Lanze für die praktische Vernunft, die westliche Demokratie, die Menschenrechte, den Liberalismus und all das, während Groys in typisch chaotischen Denkbewegungen sich für die Differenz, das Andere, die Bewegung, das Paradox, das Neue, das Nichtfeststellbare stark macht. Alles läuft wohlwollend zivilisiert ab; erst ganz zum Schluß, wenn es um die Utopie geht, erhitzen sich die Gemüter etwas, insbesondere Groys scheint die political correctness etwas gegen den Strich zu gehen.

Es gibt wohl zwei Gewinner, für jede Position einen – kommt ganz darauf an, auf wessen Seite man steht. Und während Hösle, wie schon vor 20 Jahren („Philosophie der ökologischen Krise“), die ökologische Frage zur Kernfrage allen politischen Denkens erhebt, kann Groys sich den erschreckenden Satz erlauben: „In Bezug auf die Erderwärmung habe ich einfach keine Meinung“. Und während Groys mit den Vor- und Nachteilen des Kommunismus jongliert, will Hösle den liberalen Rechtsstaat, und zwar nicht aus Eigeninteresse, sondern „als Ausdruck einer moralischen Vernunft“. Der eine will, daß wir uns am Zopf der Vernunft aus dem Sumpf der Vernunft ziehen, der andere glaubt, daß im neoliberalen Kapitalismus alles vernünftige Reden nichts bringt, denn dieser verarbeitet Geld und nicht Sprache. Aussicht auf praktischen Erfolg hat wohl keiner, aber das ist ja auch nicht die Aufgabe der Philosophie …

So hat man zumindest Groys und Hösle in a nutshell, leider viel zu wenig davon, denn von den 100 Seiten beinhalten nur 60 das eigentliche Gespräch; die andere Hälfte füllt ein durchaus hilfreicher Dialog der beiden Sekundanten Marc Jongen (!) und Luca Di Blasi.

Das Büchlein ist nicht nur ein intellektueller Hochgenuß, es bietet auch einen guten Einstieg in beider Werk und Denkart und regt zur jeweiligen Vertiefung an – ganz nach Gusto.

Die direkte Auseinandersetzung mit Sloterdijk steht indessen noch immer aus.

Boris Groys/Vittorio Hösle: „Die Vernunft an die Macht“. Wien 2011. 120 Seiten

Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag – siehe auch:

Sloterdijk, ohne zu lachen

Makabres Paradox

Sloterdijks Kunst des Philosophierens

Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Zur Sloterdijk-Debatte

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