Voyeurismus

Die Gemächlichkeit dieser Schildereien paßt zu dem Habitus des Flaneurs, der auf dem Asphalt botanisieren geht. (Walter Benjamin: Charles Baudelaire)

Ein sonniges Wochenende lädt dazu ein, Land und Leute besser kennen zu lernen.

Wir fahren nach Kiskunhalas, von dort nach Kiskunfélegyháza und schließlich ins Thermalbad nach Kiskunsmajsa – und jetzt Augen zu und alle drei Städtenamen wiederholen!

In Kiskunfélegyháza steht Sándor Petőfis, des Nationaldichters, Geburtshaus. Zumindest eines der beiden.

Petőfis mögliches Geburtshaus

Fleißige Lokalhistoriker haben in meterdicken Dissertationen versucht, seine Geburt in diesen Ort zu legen, aber wahrscheinlicher ist trotzdem, daß Petöfi in Kiskőrös geboren worden ist. Auf die Frage nach der Evidenz muß die Leiterin des örtlichen Museums passen – das zu verstehen genügt sogar mein ici-pici magyarul, mein klitzekleines bißchen Ungarisch. Wir kommen uns trotzdem näher, indem wir „Nemzeti Dal“, das Nationallied, gemeinsam skandieren. Sie muß laut auflachen, als ich, der Deutsche, ihre Textschwächen korrigiere. Sie umarmt uns sofort.

Wir lassen uns in einem Straßencafé nieder. Italienisches Flair umgibt uns. Eine beeindruckende Platanenallee spendet mitten im Zentrum Schutz vor der brütenden Sonne. Man sinkt automatisch in den Sessel zurück und läßt sich treiben. Diese kleinen ungarischen Städte sind wunderschön und man weiß nicht mal, warum. Nichts Spektakuläres, keine Sensationen, Unikate, Weltneuheiten … sie liegen einfach in der unendlichen Ebene, sind da und leben vor sich hin.

Das Klappern von Stöckelschuhen zieht den Blick auf eine attraktive reifere Dame im Minirock. Sie kann es sich leisten. Dieser Typus, den man hin und wieder sieht, stellt das äußerste Extrem dar. Auch in dieser Frage gibt es nichts Exorbitantes. Viele Frauen betonen ihre Weiblichkeit auf vollkommen unspektakuläre Art und Weise und ohne je anzüglich oder aufreizend zu wirken. Die meisten Menschen sind dezent, aber individuell gekleidet. Sauberkeit geht vor Auffälligkeit. Dieses Land und diese Menschen strahlen eine große Bescheidenheit und Einfachheit aus. Sie wollen nicht auffallen, sie wollen nicht provozieren, sie brauchen die „Individualität“ nicht und erlangen sie just dadurch.

Auch am anderen Extrem sieht man das. Selten sind aufwendige Tätowierungen oder Piercings zu begutachten, zerschlissene Jeans, Punkfrisuren, martialische Um- oder Gehänge, Hosen in den Kniekehlen, Dreadlocks … all das sieht man kaum, zumindest nicht in den Provinzstädten.

Auf den Deutschen mögen die Ungarn kühl und abweisend wirken. Sie lächeln nur spärlich. Ob an der Kasse oder am Tresen, es gibt keine aufgesetzte Freundlichkeit. Man meint, als Mensch und nicht als „Kunde“ oder als Geldbörseninhaber wahrgenommen zu werden. Noch nie sind wir betrogen worden, obgleich unsere Naivität schon mehrfach einfache Gelegenheit gegeben hätte. Bis auf den letzten Fillér wird herausgegeben, Zahlen, die in Cent gar nicht mehr ausdrückbar sind. An der Toilette im Café steht etwas von 100 Forint (30 Cent), aber die Bedienung lehnt die kleine Münze ab – das galt wohl nicht für Gäste.

Vor allem Westdeutsche haben manchmal Schwierigkeiten mit dieser Mentalität. Unter ihnen gibt es immer wieder Klagen ob der „Unfreundlichkeit“ – sie wollen die Show, sie wollen freundlich betrogen werden, sie kennen es nicht anders. Tatsächlich regieren die Ungarn auf Ost und West oft verschieden – sie spüren die historisch nahe und ferne Mentalität. Uns hingegen geht das Herz auf: es ist wie in Zeiten, als man sich noch Eins zu Eins begegnen konnte. Wir kennen sie noch, die Tiefenwärme zwischen den Menschen, die sich nicht egal sind und dann helfen, wenn es notwendig ist und nun wärmen wir uns in ihr.

Sie ist wie Rotlicht, sie geht unter die Haut, sie ist fast so warm und eindringlich wie das braune Wasser im 40 Grad warmen Thermalbecken.

Mineralhaltiges Thermalbad in Kiskunhalas

Dort liege ich bis zur Nasenspitze versunken und betrachte die Menschen. Viele, vor allem die Männer, tragen dicke Bäuche vor sich her und einige sind unsäglich fett. Stiernackig und breitbeinig schlendert ein weißhaariger Mann mit langem Magyaren-Schnauzer vorbei. Sein Bauch läßt die knappe Badehose fast verschwinden – er muß sein bestes Stück seit Jahren nicht mehr gesehen haben.

Auch in dieser Hinsicht ist Ungarn dem Westen drei Jahrzehnte hinterher. Schon in den alten Reiseführern wird das ungesunde, fleischlastige, fettige und natürlich scharfe Essen erwähnt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Ungarn liegt fast sechs Jahre unter der deutschen. Der Alkohol, wie in Rußland, kann es nicht sein – man sieht keine Wodkaleichen im öffentlichen Raum. Also ist es das Essen – neben der Armut, der schlechteren medizinischen Versorgung … Auch die Fitneßbewegung nimmt wohl erst Fahrt auf, allerdings rasant: vor allem Bodybuilding scheint verbreitet zu sein, nimmt man die zahlreichen Läden mit Eiweißprodukten ernst. Aber das ist die Jugend. Mit ihr kommt die Unruhe ins Land, die Smartphones, die Ohrhörer. In Kiskunfélegyháza begegnete uns ein Trupp mit tragbarem Kassettengerät auf der Schulter – alles scheint 30 Jahre zurück zu sein.

In der Sauna sitzt man in Badebekleidung. Wie überall auf der Welt schauen die Männer auf die Hintern der Frauen, diese wiederum werden selten aufreizend zur Schau gestellt – manche Frauen können sie einfach nicht verstecken. Nirgendwo riecht es nach Testosteron. Das gemischte Baden ist weitgehend entsexualisiert.

Irgendwo, kommt mir schließlich in den Sinn, habe ich diese Gesichter und diese Bäuche in großer Menge gesehen, nicht in der fernen Ostvergangenheit, sondern kürzlich, neulich, irgendwann und irgendwo in der neuen Zeit. Und dann fällt es mir ein: es sind die Pegida-Gesichter, die Dresdner Gestalten. Was die Presse als haßverzerrt beschreibt, habe ich als skeptisch und zurückhaltend erlebt, mit viel innerer Wärme. Ja, es sind die Sachsen der mittleren und älteren Generation, die den gleichaltrigen Ungarn so ähneln.

Lyra, Schwert und Sachse am Fuße des monumentalen Petőfi-Denkmals in Kiskunfélegyháza

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3 Gedanken zu “Voyeurismus

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Polen, Böhmen, Ungarn: Alles Länder, die auf meiner Reiseziellandkarte eingetragen sind, nicht zuletzt wegen der Landstriche außerhalb der großen Städte; einen eindruck davon kann man auch ind er Mark Brandenburg bekommen, und es ist immer wunderbar.
    Es ist übrigens mein Verdacht, daß die Bemühungen der EU-Strippenzieher, den ehemaligen „Ostblock“-Staaten Flüchtlingskontingente aufzuzwingen, ganz wesentlich zum Ziel haben, die Verhältnisse dort auch in dieser Hinsicht möglichst den aus Westeuropa bekannten anzugleichen – auf daß der hiesige Landesbewohner keine unvorteilhaften Vergleiche mehr ziehen kann, wie Sie es in Ihren Texten immer wieder mal tun. Man könnte hierzulande sonst ja auf die unschöne Idee kommen, daß man sich so einiges hätte ersparen können, wenn man nicht usw.

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    • “ … und es ist immer wunderbar.“

      Und trotzdem wollen die Menschen, die jungen vor allem, weg. Wir waren gerade ein paar Tage in der Schomodei. Ruhe und Idylle pur, doch leider fast nur noch für alte Menschen. Großartige Gehöfte und Bauernhäuser, oft von deutschen Siedlern erbaut im typischen schwäbischen Stil … aber leider oftmals leer und in verschiedenen Stufen des Verfalls. Für jemanden mit Unternehmensgeist und Enthusiasmus eine lohnende Aufgabe. Ich kenne mittlerweile auch deutsche Bauern, die es hier noch mal versuchen – aber auch die alle schon 60.

      Die Jugend will oft weg. Selbst florierende und sichere Güter, mit denen man sichtbar Geld verdienen kann – wie etwa das größte Weingut der Gegend – werden nicht mehr weitervererbt und suchen Käufer, weil die Kinder in der Schweiz oder in D leben, das Handwerk nicht mehr verstehen oder eben nicht wollen. Offensichtlich scheinen oder meinen sie auch etwas gewinnen zu können und nehmen dafür den Verlust der Tradition und der funktionierenden Sozialgefüge hin.

      Sollten sich Ihre Pläne konkretisieren, dann lassen Sie bitte die Chance des Kennenlernens nicht ungenutzt!

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Ich könnte mir vorstellen, daß so manche doch auch wieder einmal zurückkehren werden, entweder, nachdem sie in der Fremde ihr Glück gemacht haben, oder eben auch, wenn nicht. In Deutschland gibt es solche Rückzugsgebiete ja kaum mehr; hin und wieder liest man aber doch auch von diesen „alten Hof im Dorf der Familie gekauft und wieder instand gesetzt“-Geschichten. Man muß so etwas vielleicht auch als eine Art Reserve ansehen, als etwas, das auch nach ein oder zwei Generationen noch nicht verloren ist, sondern die Zeit hat, zu warten. Aber vielleicht ist das auch zu ideal gedacht..
        Mal sehen, wann uns die Neugier tatsächlich einmal in diese Gegenden zieht, wenn die Zeit dafür da ist, dann mache ich mich bemerkbar..

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