Homo Phobienensis

Einer der Gründe, weshalb ich den deutschen Fußball nicht verfolge, ist das unsägliche Kommentariat. Jeder, der „Match of the Day“ kennt oder die Reporterlegenden Jonathan Pearce, Martin Tyler, Clive Tyldesley, John Motson, Guy Mowbrey, Jon Champion, Peter Drury oder Tony Gubba und deren Stimmbreite, Sprachwitz und Spielintelligenz zu schätzen gelernt hat, kann sich nur angewidert vom deutschen Reporter- und Expertentum, mit Ausnahmen natürlich, abwenden.

Mehmet Scholl gehört nun zu den ganz wenigen Ausnahmen. Nicht nur ist er ein das Metier weit überragender heller Kopf – seine großartige Fußballerkarriere steht als ein frühes Lebenswerk ebenso wie seine Expertise über allem Zweifel  –, er zeigt auch verdächtig viele Nebeninteressen. Daß er damit den Schnitt der Zuschauer überfordert, kann kaum überraschen.

Mit seinem genialen Witz über Cristiano Ronaldo erbrachte er den glänzenden Beweis.

„Vielleicht kommt Cristiano Ronaldo ja wirklich in den Knast. Dann mache ich mir Sorgen, daß er als ‚Miß September‘ endet.“

Eine bessere punchline in zwei kurzen Sätzen wird man selten finden.

Für Scholl könnte seine Intelligenz das baldige Ende seiner dritten Karriere bedeuten, denn – man kann es kaum fassen! –, denn es brach mal wieder ein shitstorm los, der schnell in die Redaktionsstuben unserer Saubermedien schwappte. Homophobie ist diesmal das Triggerwort.

Um Mehmet Scholl tobt ein Expertenstreit

Ich will das gar nicht groß kommentieren und analysieren. Mir kommt – wenn man die Fußballersprache durchgehen läßt –, angesichts all der Scheiße, einfach nur noch das Kotzen.

Gerade haben sich überraschende Gäste bei uns verabschiedet, auf ihrer Tour ans Schwarze Meer. Lehrer. Sie berichten ganz nebenbei, lachend, ohne es als Problem zu erfassen, wie sie von ihren Kindern – alle selbst schon Eltern – bei den Familienzusammenkünften belehrt werden: „Was, ihr trinkt schon wieder Wein? Ihr habt doch erst gestern …“, „Mama, das heißt nicht Zigeunersteak – das Wort will ich nicht mehr hören!“, „Negerkuß sagt man nicht!“, „Müßt ihr schon wieder Fleisch essen?“, „Hast du gerade ,‘schwul gesagt?“ usw.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um die Atemluft gebracht!

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Ein Gedanke zu “Homo Phobienensis

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich hoffe, den Miss-Teil des Scherzes verstanden zu haben. Das soll wohl sagen, er werde „im Knast jeden Abend eine Tanzkarte“ (Mrs. Stone) haben. Aber was motiviert spezifisch den Monatsnamen September? (Bitte keinerlei Fußballkenntnisse voraussetzen.)

    Seidwalk: Vermutlich nur Sprachgefühl – ein Zusatzpunkt für Scholl.

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