Türklingelpsychologie

(Warnung! Es gibt ihn nicht, den Deutschen, Italiener, Ungarn oder Rumänen. Trotzdem werden diese Begriffe hier der Anschaulichkeit halber genutzt – um deren Existenz zu beweisen.)

Mehrfach die Woche stehe ich vor einer verschlossenen Tür und will den Klingelknopf drücken. Anfangs wartete ich vergebens, mittlerweile kann ich das kleine handgeschriebene Schildchen darüber lesen und klopfe, statt zu klingeln.

Geschrieben steht: „Bitte klopfen Sie oder benutzen Sie den Klingelknopf draußen auf der Straße. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis“

Ein Moment der Reflexion. So geht der Ungar damit um: Wenn die Klingel nicht geht, repariert er sie nicht, sondern schreibt – nett und hilfsbereit, wie er ist – ein ausführliches erklärendes, fast entschuldigendes Schildchen darüber, daß die Klingel nicht geht.

Darin unterscheidet er sich zum Beispiel vom Italiener (oder Griechen….) Der hätte, besonders wenn er weit im Süden lebt, auf den Zettel gänzlich verzichtet, denn ob einer klingelt oder nicht, spielt eigentlich keine große Rolle. Vielleicht hätte er irgendwann die Muse gefunden, ein erklärungsfreies „non funziona“, mit Ausrufezeichen,  hinzukritzeln.

Beide wiederum sind keine Deutschen. Der Deutsche – unter obiger Einschränkung – hätte entweder sofort seinen Werkzeugkasten geholt und die Hälfte seines Tages damit verbracht, die Klingel zu reparieren und alle im Verlauf dieses Prozesses auftauchenden anderen Folgeprobleme ebenso. Verfügt er über viel Geld, wenig Zeit oder zwei linke Hände, dann hätte er eine Firma beauftragt oder – im Osten zumindest – einen Bekannten gefragt, der einen Bekannten kennt, der Elektriker ist.

Auch der Rumäne ist nicht ganz uninteressant. Als wir vor einigen Wochen in Timişoara übernachteten und besonders bewußt eine gute Pension mieteten, wurden wir überrascht. Das Zimmer war perfekt, bilderbuchartig eingerichtet, ganz so, wie es die Webseite versprach. Die Wirtin präsentierte es sichtbar stolz den deutschen Gästen. Um allerdings hinein zu kommen, mußte man mit Taschenlampe ein stockdunkles wackeliges Treppenhaus eines von außen verfallenen Gebäudes überwinden – wo einst, wohl zu Ceaușescus seligen Zeiten, Steckdosen waren, hingen blanke Stromkabel heraus: Lebensgefahr! Aus welchen Gründen auch immer, es war dem Rumänen über Jahre nicht in den Sinn gekommen, diese kleine Baustelle – von der maroden Treppe zu schweigen – in Eigeninitiative zu reparieren.

Ich mußte meinen Schwiegervater entschlossen zurückhalten, den Werkzeugkasten aus dem Kofferraum zu holen – die Folgeprobleme wären unabsehbar gewesen.

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