Relativierungen

Von vier Millionen Muslimen in Deutschland kamen, trotz landesweiter Beschallung aus allen Rohren, 1000 um zum FriedensmarschNicht mit uns“ gegen den islamistischen Terrorismus zu demonstrieren.[1]

Von vierhundert Identitären in Deutschland kamen, trotz landesweiter Verunglimpfung aus allen Rohren, 1000 um  für eine „Zukunft in Europa“ und gegen die Masseneinwanderung zu demonstrieren.[2]

[1] Der Sinn solcher Veranstaltungen ist ohnehin fraglich. Selbst wenn die 10 000 angekündigten Muslime – bei der heutigen Verteilung wären es dann vermutlich 30 000 Demonstranten geworden, zwei Drittel waren ganz offensichtlich links/grün-biodeutsch –, selbst wenn die alle gekommen wären, bliebe der politische Effekt – von der medial erzeugten Blase abgesehen – vermutlich sehr gering. Nur die Deutschen haben Schuld-, Sühne- und Distanzierungsrituale eingeübt und können das entsprechende Verhalten jederzeit – meist ist es irgendwas mit Kerzen – abrufen. Tatsächlich muß man sich fragen, warum der einzelne Muslim sich vom Terror öffentlich distanzieren solle? Er hat damit im tagtäglichen Leben nichts zu tun, die Gemeinsamkeit zum Islamisten liegt in fernem transzendentem Bereich. Ebenso wie man die Deutschen davon entlasten sollte, permanent Buße zu tun, sollte man dies nicht öffentlich von den Muslimen oder sonst wem fordern. Allein diese Forderung macht es sensiblen Menschen bereits unmöglich.
Wirklich wichtig hingegen ist die innermuslimische alltägliche Haltung zum Terror und zur Radikalisierung. Erfahren radikalisierte Jugendliche Wertschätzung oder doch zumindest Duldung? Erst wenn im kapillaren Bereich der muslimischen Kommunen eine glaubhafte und dauernde Ächtung stattfindet, frei von Angst, erst dann wird der Sumpf des Terrors ausgetrocknet werden können.
Die Demonstration demonstrierte trotzdem einiges: Etwa, erstens, daß es bei Lamya Kaddor eine deutliche Schere zwischen Medienpräsenz und tatsächlichem Zugriff auf muslimische Kommunen gibt: Man sieht sie allerorten im deutschen TV, aber die Muslime kennen und achten sie nicht. Zweitens, umgekehrt, wird deutlich, daß es noch immer nicht gelungen ist, die wirklich wichtigen Persönlichkeiten innerhalb der muslimischen Gemeinden zu erreichen oder aber es gibt sie nicht: dann hätten wir ein ernsthaftes Kommunikationsproblem, denn es wäre dann nahezu unmöglich, jemals eine Mehrzahl der Muslime zu erreichen. Drittens wird man vermuten dürfen, daß ein Großteil der Muslime die deutschen Medien nicht oder nicht mit Interesse verfolgt. Viertens zeigt sich erneut der äußere Einfluß der Ahmadiyya, die einmal mehr als Randgruppe das Bild des „friedlichen Islam“ für sich gekapert haben.
Das alles ändert natürlich nichts an der Vorabparole in Medien und Politik: Muslime haben ein deutliches Zeichen gesetzt. Das stimmt, sie haben ein deutliches Zeichen gesetzt. Nicht aber, wie in einigen Kommentaren und auf einschlägigen Seiten zu lesen war, ein Zeichen für die Verbandelung von Islam und Islamismus – die es gibt, aber die einerseits jenseits der Lebenswelt der meisten Muslime stattfindet und andererseits geben die Prämissen diese Konklusion nicht her –, sondern ein Zeichen dafür, daß sie von der Mehrheitsgesellschaft nicht zu erreichen sind.
[2] Was Heiko Maas bereits im Vorfeld dazu veranlaßte, von einer „extrem radikalen und rassistischen Minderheit“ zu sprechen – den Nachweis dafür (die Minderheit ausgenommen) hat er noch immer nicht erbracht. Stattdessen kann man in der neuen Sezession das wievielte (?) programmatische Manifest Martin Sellners lesen, in dem er – anhand Gene Sharps – ganz radikal und extremistisch die theoretische Notwendigkeit der Gewaltlosigkeit des Protestes begründet.
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3 Gedanken zu “Relativierungen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Thaddäus Troll berichtet irgendwo [„Deutschland, deine Schwaben“?] das folgende Erlebnis. Abflughalle des Stuttgarter Flughafens, darin auch ein Pärchen. Die junge Frau will nach Amerika fliegen, der junge Mann ist offenbar zum Abschiednehmen mitgekommen, bleibt aber maulfaul. Irgendwann sagt sie zu ihm: „Däd dir des jeds eigentlich ant doana, wenn i mid dem ganze Flugzeug rahagla däd?“
    Antwort des jungen Freundes: „Ha, scho.“

    [Für mit dem Dialekt ganz Unvertraute: „Wäre es dir denn eigentlich unangenehm, wenn ich mit dem gesamten Flugzeug runterfallen würde?“ – „Na ja, schon irgendwie.“]

    Man beachte die Dezenz und Pathosvermeidung beider, für man die Schwaben einfach lieben muss. (Dies nun von einem Nichtschwaben zu einem anderen Nichtschwaben gesagt; man will doch schließlich nun nicht selbst etwa …)

    Einer ist übrigens ziemlich aus der Art geschlagen und dafür sogar berühmt geworden, denn er hat Verse dieser Art geschrieben: „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen / Und das Erhabne in den Staub zu ziehn.“ Um eine Übersetzung der zwei Verse ins Gemeinschwäbische gebeten, fand Troll das Folgende passender: „Daß d’Leut doch immer ins Rosabeet neibronza missa.“ Down to earth sozusagen.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Irgendwelchen Gruppen abzuverlangen, sie sollten sich von den Mördern in ihren Reihen distanzieren, ist in der Tat so dreist wie naiv. Dreist, weil darin die Vorstellung zu spüren ist, die Aufgeforderten seien alle selbst in großem Verdacht, solche Kapitalverbrecher zu sein; doch selbst unter den Verbrechern sind die Mörder eine sehr kleine Minderheit. Naiv, weil ein erzwungenes Bekenntnis gar nichts wert ist, niemand außer vielleicht dem inzwischen aber verstorbenen Immanuel Kant persönlich fühlte sich daran gebunden. In dieser Forderung scheint sich bei vielen entweder wortmagisches Denken auszudrücken – wer das distanzierende Wort gesprochen hat, kann die so getadelte Tat dann schon nicht mehr begehen – oder das bloße Bedürfnis, alle sollten stets vorbehaltlos im Chor der eigenen Wolfsmeute mitheulen. Letzteres wäre mir, mit Verlaub gesagt, dann zu identitär.

    Die Prozesse, die zu den „Radikalisierungen“ führen, haben ihre soziologischen Determinanten, die Inzidenzen sind gewiss von nichts weniger bestimmt als von einem gerne unterstellten ursprünglichen bewussten bösen Willen, dem man dann auch noch durch eine offene Willenserklärung ablegen könnte. Es gibt gar keine Mörder, sondern nur Menschen, die einen Mord begangen haben.

    Individualpsychologisch und strafrechtlich mögen Motive und Umstände der kriminellen Karriere interessieren. Mit kaltem, wissenschaftlichem Blick betrachtet ist aber die Willenszuschreibung nur eine Verschleierung der Kontingenz des Lebens, welcher viele eben nie ins Auge blicken wollen. Deshalb brauchen wir, vielleicht anthropologisch bedingt, immer einen Schuldigen. Wir alle werden irgendwann vom losen Rad des Lebens zerquetscht, mancher mag dessen Lauf deshalb zuvor nicht hören oder doch wenigstens die Gewissheit empfinden wollen, man könne es zumindest „eigentlich“ lenken. « L’espérance, toute trompeuse qu’elle est, sert au moins à nous mener à la fin de la vie par un chemin agréable. » (François de La Rochefoucauld, Maximes)

    Auf großer, politischer Skala jedenfalls, also der, die uns als Staatsbürger angehen sollte, zählt einzig und allein die kalte epidemiologische Sicht: Kriminalitätsraten, mit welcher Raten brennen diesen und jenen die Sicherungen durch, gruppenspezifische Verstärkungenoder Dämpfungen usw. usf.

    Übrigens könnten sich viele der Nichtautochthonen allein in den medialen Welten ihrer Herkunftsländer und -kulturen aufhalten. Aufrufe irgendeiner Art über die deutschen müssen sie deshalb gar nicht erreichen. Wie umgekehrt viele exklusiv in letzteren lebende Autochthone wähnen, natürlich müsse alle Welt genau das sehen und es genauso sehen wie sie selbst und die liebe Moderatorin, deren Stimme bei Unglücksberichten so gefühlvoll bebt.

    ―――――――
    Ihre bedachtsam abwägende Art fällt mir übrigens auch anderswo auf. Ex un­gue le­o­nem.

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    • Sehr aufmerksam!

      Es ist ein bißchen wie mit der Liebe – oft werden „die berühmten drei Worte“ eingefordert und damit dem wirklich Liebenden unmöglich gemacht. Mehr noch, man erfreut sich dann an einer Lüge, von der man zudem weiß, daß es eine Lüge ist und daß man sie dem anderen aufgezwungen hat. Nietzsche hatte diese Erwartungserwartungen wunderbar aufgedeckt.

      Man kann es auch postmodern ironisch wenden, also die emotionale Seite ausblenden:

      „Penso all’atteggiamento post-moderno come a quello di chi ami una donna, molto colta, e che sappia che non può dirle „ti amo disperatamente“, perché lui sa che lei sa (e che lei sa che lui sa) che queste frasi le ha già scritte Liala. Tuttavia c’è una soluzione. Potrà dire: ‚Come direbbe Liala, ti amo disperatamente'“. (Umberto Eco: Postille a „Il nome della rosa“)

      In Rilkes magischen Worten:


      Sieh dir die Liebenden an,
      wenn erst das Bekennen begann,
      wie bald sie lügen
      .

      … melius est silere quam loqui

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