Europas eigenartiges Ende

“Day by day the continent of Europe is not only changing but is losing any possibility of a soft landing in response to such change. An entire political class have failed to appreciate that many of us who live in Europe love the Europe that was ours.” Douglas Murray

Es tut mir leid, Douglas Murray, daß ich Ihr herausragendes Buch „The strange death of Europe“ nicht – wie es verdient wäre – ausführlich bespreche. Mir fehlt, um ganz offen und ehrlich zu sein, mittlerweile die Kraft!

Wenn ich das Buch nun, nach der Lektüre – die mich schwer mitgenommen hat – erneut durchblättere, die Unmengen an Anstreichungen sehe, die Ausrufe- und Fragezeichen, die Anmerkungen, die Ankreuzungen – die meist auf weitere Quellenverweise aufmerksam machen –, wenn ich die Momente der Aha-Erlebnisse Revue passieren lasse oder das innere Nicken bei den meisten Ihrer Gedanken, auch das gelegentlich fragende Kopfschütteln, wenn ich mich also erneut in die Intensität der Lektüre zurückversetze, dann weiß ich, daß eine angemessene Buchbesprechung viele Stunden in Anspruch nähme, höchste Konzentration, vielmaliges Nachschlagen, Nachdenken, Formulieren und Umformulieren, Recherchieren und Rekapitulieren … verlangte und alles unter hoher persönlicher Anteilnahme … und dazu, lieber Douglas Murray, bin ich gerade zu müde.

Ich weiß, damit tue ich Ihrem Buch unrecht. Sie haben es geschafft, in wunderbar geschliffener Sprache, wie man sie heute kaum noch von Journalisten lesen kann, die große Summe zu ziehen, und Sie haben dabei selbst persönlich sehr viel investiert. Sie sind durch Europa gereist, um die zentralen Orte des Migrationswahnsinns – von Sizilien bis Schweden, von London und Paris bis Berlin, immer wieder Berlin! – zu besuchen, sich selbst ein Bild zu machen, mit den Betroffenen auf allen Seiten zu sprechen; Sie haben versucht, die europäische Literatur einzubeziehen; Sie scheuen selbst Abstecher in die Philosophie nicht und Sie haben Ihr Buch aufwendig in einen großen Syllogismus gegossen – was viel schreiborganisatorische Arbeit bedeutet –, der von der multikulturellen Grundannahme über die realpolitische Tatsache bis hin zur Konklusion führt: Das Ende und das Nachende: Was hätte sein können.

Sie sagen es in Ihren letzten Kapitelüberschriften selbst: „Tiredness“, „We’re stuck with this“, „Controlling the backlash“, „The feeling that the story has run out“,„The end“,„What might have been“,„What will be“.

In allen wesentlichen Ihrer Beschreibungen gebe ich Ihnen recht, muß ich Ihnen recht geben – leider! Nichts wünschte ich mehr, als daß wir – Sie und ich – irrten, aber das Material, das Sie präsentieren, ist überwältigend. Nur noch ein Gott kann uns retten.

Ihnen geht es wie mir: Sie lieben Ihr Land, Sie lieben Europa, Sie lieben diese überreiche jahrtausendealte Kultur, die Vielfalt der europäischen Kulturen, in denen Sie sich sicher und vollkommen natürlich bewegen, aber Sie sehen ebenso, daß wir die letzten Tage und Ausläufer erleben.

All das wird aktiv und bewußt zerstört und die Zerstörung ist so übermannend brutal und schnell, daß Gegenwehr aussichtslos zu sein scheint. Kluge Menschen huldigen einer wahnwitzigen Utopie, die aller Erfahrung – der wissenschaftlich erforschten wie der empirischen – fundamental widerspricht. Sie legen die Sucht nach Selbstzerstörung in ihrer Struktur offen, die weit tiefer geht als der deutsche Selbsthaß. (In Deutschland würden Sie deswegen, wie Rolf Peter Sieferle etwa, dafür an den medialen Pranger gestellt werden.) Und Sie zeigen, was kommen muß, was kommen wird! Ob wir es wollen oder nicht.

Sie haben ein großes Buch geschrieben, Douglas Murray. Zu groß für mich. Es zu besprechen bräche mir das Herz.

Douglas Murray: The strange death of Europe. Immigration, Identity, Islam. London/Oxford 2017. 343 Seiten

siehe auch: 

Rolf Peter Sieferle: Das Migrationsproblem

Das Buch des Jahres (Lothar Fritze)

Worum es geht

 

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3 Gedanken zu “Europas eigenartiges Ende

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Danke für die Empfehlung! Ich weiß jedoch nicht, ob ich das Buch lesen werde; ich bin ingesamt zu deprimiert angesichts der Entwicklung, und fürchte, da im wesentlichen nur mir im groben Bekanntes oder Vertrautes zu lesen. Meinen Abschied von Europa nehme ich u.a. mit diesen beiden Büchern eines Landsmannes von Murray: https://www.amazon.de/dp/B0049MPHV2/ref=cm_sw_r_cp_dp_T1_KAJqzbWWXRBY2
    und (in meinem Sommerurlaub)

    Vielleicht kennen Sie sie schon. Es lohnt die Lektüre! Vielleicht können nur oder am besten Briten so etwas schreiben?
    Kleine persönliche Bemerkung: Ich kommentiere hier etwas weniger, nehme aber alles wahr. Mir fehlt teils die Zeit, teils die Energie, da hat sich die Resignation schon weit eingefressen; in der Hinsicht kann ich den Gestus Ihrer Besprechung gut verstehen.
    Ein wenig Kurzweil verschaffe ich mir seit einiger Zeit auf Twitter, auch das lenkt etwas ab. Erlaube mir, gelegentlich auch auf Ihr Blog zu verweisen.

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    • So sind wir also Brüder im Geiste und in der Stimmung. Kann Ihre Reserviertheit sehr wohl nachempfinden – man muß sich wirklich fragen, schon aus Gründen der Psychohygiene, wie oft und wie viel man sich mit solchen Büchern versorgt. Sie haben natürlich recht: es steht überall mehr oder weniger das gleiche drin. Wie auch nicht: Wahrheit ist nun mal Wahrheit, darüber hinaus geht es nicht.

      Vielleicht sollte man sich daher auf andere analytische Ansätze und vor allem auf niveauvolle Widersprüche konzentrieren und Bücher wie den Murray jenen überlassen, denen die Augen erst noch geöffnet werden müssen.

      Danke für den Tip! Sie wissen ja, wie ich es mit Empfehlungen habe. Es kommt letztlich immer auf den Ratgeber an und da man sich so einen Korrespondenten wie KD als jemanden vorstellt, der einem eigentlich sympathisch sein müßte, den man gerne mal kennenlernen würde, werde ich mir die beiden Titel näher anschauen (da es durch Ungarn ging ohnehin interessant).

      Die alten Briten sind sicher prädestiniert für diese Art Literatur. Ad hoc fällt mir Leonard Woolf über Ceylon ein, noch mehr aber seine fünfbändige Reise durch sein Leben.

      Ein ganz heller Geist war Tiziano Terzani, den man unbedingt kennen sollte. Man erwartet von einem Italiener gar nicht solch reflektierte Ruh, aber Terzani war im Herzen Mystiker:

      https://www.amazon.de/Buonanotte-signor-Lenin-Tiziano-Terzani/dp/8850235860/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1497515793&sr=1-1&keywords=tiziano+terzani+lenin (das beste – da habe ich Rußland kapiert – und China; von hier kann man sich zu allen anderen durchklicken, auch auf deutsch)

      Grüße in die unbekannte Ferne!

      Feel free to share!

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Na, dann werde ich mir vielleicht noch mal den Woolf zum Lektürestapel packen, obwohl da ohnehin schon recht viel liegt. Aber was wäre man denn auch ohne einen anständigen Stapel?
        Der Fermor hat mein Englisch-Vokabular passagenweise ziemlich ausgetestet, ähem, erweitert, da sind Sie vielleicht besser aufgestellt. Wie gesagt, es lohnt sich, unter anderem, weil er eben über das Europa vor dem ersten Untergang schreibt – von welchem man heute vielleicht sagen muß, daß der von „Europa“ noch mehr übrig gelassen hat, als es beim jetzigen der Fall sein wird.
        Gruß in die Puszta! Das erste Buch ließ mich bei Györ zurück.

        Seidwalk: Győr? Dann muß wohl Band 2 auch noch her.

        Kurt Droffe: Unsinn: Ließ mich auf der Brücke von Gran zurück, an einem katholischen Feiertag, mit Magyaren, Magnaten und Prälaten in Festgewändern..

        Seidwalk: Das ändert nicht viel – Esztergom wollen wir im Sommer besuchen. Paßt also!

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