100 Jahre Nørgaard

Es gibt alle paar Jahre ein seltsames Jubiläum zu feiern. Nicht das Hundertjährige an sich, sondern die Art und Weise. Hundertjährige gibt es bald fast mehr als Neugeborene, aber nur wenige strahlen noch Energie, Stolz, Aufrichtigkeit, Wachheit, Lebens- und Denklust aus.

Ernst Jünger war so einer, von dem man glauben konnte, er sei unsterblich – was er auch ist. Oder Hans Georg Gadamer, der trotz Gehprobleme bis zuletzt durch eine seltsame Neugier überraschte oder Carl Friedrich von Weizsäcker, wenn ihm auch das Jahrhundert verwehrt blieb …

Und Lise Nørgaard gehört auch dazu – zu den Aufrechten, Hundertjährigen und Unsterblichen. Sie feiert heute ihren 100. Geburtstag und ganz Dänemark feiert mit und Europa tut gut daran, sich anzuschließen, denn Lise Nørgaard ist ein europäisches Ereignis.

Man mag es anfangs nicht glauben, daß eine gelernte Sekretärin zu solchem Ruhm gelangen kann. Dann begann sie für die lokale, später die große Presse zu schreiben und später Bücher, und so beeinflußte sie das ganze Land.

Ihr erster humoristischer Roman „Med mor bag rattet“ (Mit Mutter am Steuer) wurde zu einem feministischen Mani-Fest, es folgten „Volmer – Porträt einer Gesellschaftsstütze“ im Stile der englischen Jungenstreichliteratur und kleinere Erzählungen. Alle lesenswert, alle leicht und tief zugleich. Im Alter lieferte sie dann großartige biographische Arbeiten, die das Leben Dänemarks auf wunderbar unterhaltsame Weise Revue passieren lassen.

Aber ihre größte Bedeutung erlangte sie mit den Drehbüchern. Selbst in der DDR war „Oh, diese Mieter“ (Huset på Christianshavn) ein Riesenerfolg. Darin wird in 84 Folgen – Nørgaard schrieb einige davon – das Zusammenleben einer proletarisch geprägten Hausgemeinschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte, geschildert und bei aller Diskrepanz steht am Ende immer wieder der Zusammenhalt. Diese Serie wurde zum Inbegriff der inneren Kohärenz des dänischen Volkes.

Die Kultserie ist trotzdem ein wenig in den Hintergrund geraten, denn mit „Matador“ gelang Nørgaard – zusammen mit dem legendären Regisseur Erik Balling (Olsenbande) – der ganz große Wurf.

„Matador“ ist die dänische Fernsehserie geworden, die das Volk – ähnlich dem Svenskekampen, dem ikonischen Länderspiel gegen Schweden – vor dem Bildschirm vereint. Dreieinhalb von fünf Millionen saßen einst, um die neue Folge zu sehen. Anläßlich des Jubiläums wird sie gerade zum achten oder neunten Male ausgestrahlt und findet noch immer ein Millionenpublikum.

Erzählt wird in einem großen Komplex an Geschichten, der Kampf zweier Familien in einer fiktiven Kleinstadt in den 30er und 40er Jahren. Mads Andersen-Skjern, der aus einem innermissionarischen Milieu stammt, greift mit seiner Boutiqueeröffnung die alten Machtverhältnisse in der Stadt an, zuvorderst die Varnæs-Familie, eine alte Bankerdynastie. Dänische Geschichte wird aufgearbeitet. Aber die eigentliche Bedeutung der Serie ist eine andere:

Sie stammt aus der Tradition des Kollektivromans, einer Erzählgattung, die in Skandinavien eine große Geschichte hat. In ihr steht nicht mehr das Individuum im Zentrum, sondern eine Gruppe, eine Gemeinschaft, ein Dorf, eine Stadt, ein Kollektiv … eine gemeinsame Identität. Diese wurde nicht nur beschrieben, sondern auch bestärkt. Deswegen lieben es die Dänen, die Filme wieder und wieder zu sehen – selbst die DVD-Box wurde viele Millionen Male verkauft und steht auch bei mir an einem Ehrenplatz –; es ist nicht nur Nostalgie, die Serie wirkt auch wie ein gemütliches Lagerfeuer, um das das ganze Volk sich scharrt, um die Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit zu feiern.

Aber diese Zeiten sind in Wahrheit vorbei. Zeugnis dessen sind die nach Osten ausgerichteten tausenden von Satellitenschüsseln in den Vororten der Städte.

Sollte Lise Nørgaard sich doch eines Tages als sterblich erweisen, dann wird mit ihr eine Welt untergegangen sein.

kleine große Frau: Lise Nørgaard – Bronzeplastik in Roskilde mit Fan

siehe auch:

Alles über Hans Kirk (dem „Erfinder“ des Kollektivromans)

Volk oder Völk

PS: Einen Tag vor ihrem 100. Geburtstag wurde die bekannte Statue in Roskilde mit roter Farbe übergossen.

Sehr schöne Hommage im DR: Længe leve Lise

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