Erfolg eines Mißerfolgs!

Rezension: Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister – Stefan Georges Nachleben.

Ulrich Raulff reitet im Wechselgalopp zwei ganz unterschiedliche Steckenpferde: Stefan George (Raulff ist Vorstandsmitglied der Stefan-George-Gesellschaft) und Michel Foucault (als Übersetzer und Herausgeber). Zumindest seiner George-Arbeit – „Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben“ – merkt man die poststrukturalistische Schule an, in ihrer versuchten Subversivität ebenso wie in den heimlichen Dekonstruktionsversuchen eines scheinbar monolithischen Kreises.

Nur George hatte unter den erstrangigen Poeten des letzten Jahrhunderts ein Nachleben und das hat er dem Kreis, seinen Jüngern, zu verdanken. Doch entpuppt sich bei genauerer Hinsicht die post-mortem-Geschichte als die eines Zerfalls, den zu beschreiben es einiger methodischer Kapriolen, der Nutzung „schmutziger Quellen“, viel Imagination und Mißtrauens bedarf. So gelingt es Raulff aus einer Überfülle an Material ein doch gut lesbares Buch zusammenzubasteln, ohne der Versuchung zu erliegen, durch einen roten Faden, durch eine ordnende unsichtbare Hand zu viel Struktur, und damit Botschaft, hinein zu tragen. Daß das Buch also mitunter wirr wirkt, ist vermutlich intendiert und kann angesichts der Vielfalt auch fast nicht anders sein.

Es sind dabei vor allem drei Hauptfragen, die Raulff bewegen: Was ist das Geheimnis des „Geheimen Deutschlands“, wie ist Georges Schweigen zum frühen Nationalsozialismus zu deuten und welchen Einfluß übten und üben seine Apostel im Nachkriegsdeutschland aus?

Erstens: ein Geheimnis in Form einer „mitteilbaren Lehre oder kryptischen Substanz“ habe es nicht gegeben, das eigentliche Geheimnis sei das Haben und Gehabe eines Geheimnisses gewesen.

Zweitens: George inszenierte sich selbst als „Dezisionist der Ambiguität“ und machte sich letztlich durch sein mystisches Schweigen schuldig.

Und drittens schließlich verteilten sich die äußerst heterogenen Jüngerscharen wie unterirdische Schwarmbeben auf dem ganzen Globus und versuchten durch gelegentliches internes Rumpeln und Pumpeln den Lauf der Welt zu beeinflussen. Dies gelang ihnen der Natur der Dichte entsprechend besonders beeindruckend in Deutschland!

Hier entpuppt sich nun die Subversivität des Werkes, gewollt oder ungewollt, denn was als Zerfallsgeschichte angekündigt wurde, offenbart sich, wenn man sein Ohr nur nah genug an die Richterskala hält, als eine verblüffende Influenz- und Virulenzgeschichte des bundesdeutschen Kultur-, Politik-, Erziehungs-, Medien- und Universitätsbetriebes bis in die heutige Zeit! Hundert Jahre nach Veröffentlichung der wesentlichen Werke Georges, zumeist in Kleinstauflagen und nie dem Mainstream angehörend, ist das doch eine beeindruckende Leistung.

Bezeichnenderweise fehlt die Philosophie in Raulffs Rechnung, als hätte es einen Heidegger, Klages oder Gadamer nie gegeben (Lediglich Adorno erhält einige Aufmerksamkeit – das ist jedoch schon wieder eine ganz andere Geschichte). Aber auch eminente Kreis-Namen wie Karl Wolfskehl oder Norbert von Hellingrath kommen allzu kurz weg, von ephemeren Figuren wie Rudolf Pannwitz, Alfred Schuler u. a. ganz zu schweigen. Wie diese seltsamen Lücken zu erklären sind, bleibt des Autors Geheimnis, das gelieferte Material macht diese Defizite allemal wett.

Was allerdings wirklich stört, das ist (neben der fürchterlichen Umschlaggestaltung) die oft laxe und lapidare Sprache, das sind die zahlreichen Neologismen, Anglizismen, die Anleihen aus der IT-Welt. Da ist von „cooler Mystik“ oder „One-World-Sound“ die Rede, da wird „gecoacht“ und „self-fashioning“ betrieben etc., letztlich ein Vokabular benutzt, das prinzipiell fragwürdig scheint, im Kontext George aber regelrecht impertinent klingt. Und das soll es natürlich sein, denn Raulff will sich jedes Verdachtes entledigen, er könnte der Faszination Georges erlegen sein, also glaubt er, den Text immer wieder mal diskursfremd brechen zu müssen – Foucault läßt grüßen. Nur so ist die Nutzung solch despektierlicher wie unpassender Vokabeln wie „Metastase“ entschuldbar, wenn es um die entsprechenden Zirkel „Eingeweihter“ geht.

Zugegeben, am Gesamtbild ändern diese Schönheitsfehler nichts. Ein unbedingt notwendiges, materialreiches und vor allem einfühlsames Buch – selbst der Meister kommt an den gelungensten Stellen mit seinen Ängsten, Sorgen, Vorlieben, Idiosynkrasien, Schwächen und Voreingenommenheiten menschlich herüber –, das übrigens viel voraussetzt und für George-Novizen nicht ganz einfach zu lesen sein dürfte.

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben. München 2009. 544 Seiten

Siehe auch: Die Fülle der Leere

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s