Von einem, der das rechte Wort nicht fand

Ein Märchen

Mitten im Gebirge, den Ort kennt heute niemand mehr, steht eine alte Eiche, wohl tausend Jahre alt, die in vielen Zungen flüstert, wenn der Wind in sie fährt. Bei Unwetter und Sturm kommen die Tiere des Waldes und suchen Schutz unter ihrem dichten Laubdach oder kriechen in ihren hohlen Stamm.

Von den Menschen halten es daselbst nur wenige aus. Es spukt dort, sagen die einen, wildes Getier treibt sich da herum, die anderen. Einer aber kam von diesem Ort nach vielen Tagen zurück. Er hatte das alte Lied der Eiche belauscht. Man hielt ihn für verrückt und verjagte ihn bald aus dem Dorf. Man sagt auch, er sei später Dichter geworden und hatte folgende Zeilen gefunden:

Sieh dir die Liebenden an,

wenn erst das Bekennen begann,

wie bald sie lügen.

Die Geschichte, die er von der Eiche zurückbrachte, erzählt man sich freilich noch heute am abendlichen Feuer:

Es war einmal eine Mutter, die hatte zwölf Kinder. Das dreizehnte aber wurde ihr besonders lieb, ein zierlicher Knabe mit hellen Augen und bleicher Haut, durch die die Adern schienen. Sie nannte das Kind Georg, allein der Junge hörte nicht auf diesen Namen, denn es war nicht seiner. Sprach sie so zum Kinde, dann schaute es sie mit großen Augen unverständig an, als blickte es durch sie hindurch. In seiner Brust aber schlug ein weites Herz.

Der Junge, den die Mutter Georg nannte, war still und verschlossen. Den Lärm im Haus flüchtete er, nur selten sah man ihn mit den anderen Kindern des Dorfes spielen. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, ja viele hielten ihn für einfältig, und das war er wohl auch: einfältig. Nie konnte ihm jemand etwas Böses nachsagen, aber das genau geschah, als der Junge in seinem vierzehnten Lebensjahr stand. Ein Bub aus der Klasse zieh ihn des Diebstahls, eine Kleinigkeit nur, ein Ball, ein Stecken, was immer es war, der Verdacht ward ausgesprochen. Lehrer und Priester versuchten ein Geständnis zu erlauschen, doch ernteten sie nur Schweigen. Am Abend sprach die Mutter eindringlich auf den Jungen ein. „Bist du’s gewesen, Georg?“, fragte sie mit sanfter Stimme, der Junge aber brachte es nicht über die Lippen, zu sagen, daß er’s nicht wahr. Es hätte bedeutet, einen anderen einer Lüge zu bezichtigen und mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Wie gebannt schaute die Mutter auf des Jungen Lippen, die erlösenden Worte zu hören, die nicht kamen. In seine Augen wagte sie nicht zu schauen, so viel Offenheit ertrug sie nicht. So schlug das Wort, das nicht kam, eine erste Wunde.

Viele Jahre trug die Mutter die Enttäuschung mit sich herum. Etwas war in ihr zerbrochen. Dann starb der Vater plötzlich. Beim Fällen erschlug ihn ein Baum. Die Männer brachten ihn abends auf einer Bahre herein. Die Mutter schrie auf, die Kinder weinten, nur Georg saß reglos in der Ecke und starrte ins Feuer. In all dem Jammern und Klagen hörte man von ihm kein bekümmertes Wort. „Bist du denn gar nicht traurig, Georg?“, fragte die Mutter mit Tränen in den Augen. „Kannst du denn nicht trauern?“ Wieder sah die Mutter gebannt auf des Jungen Lippen, die erleichternden Worte zu hören, die nicht kamen. In seine Augen wagte sie nicht zu schauen, so viel Schwere ertrug sie nicht. So schlug das Wort, das nicht kam, eine zweite Wunde.

Sie sah all ihre Kinder das Haus verlassen und schließlich blieb ihr nur ihr Georg. Aber auch er wuchs zum Manne heran und es nahte die Zeit, wo er auf eigenen Füßen stehen mußte. Die Mutter fürchtete den Moment, die Vorstellung eines leeren Hauses wurde ihr zum Alp. In ihrer Verzweiflung sprach sie eines Abends zu ihrem Sohn: „Georg, nun bist du groß und wirst bald in die Welt ziehen. Gern möchte ich dich hier behalten, warst du mir doch immer der liebste von allen.“ Mit großen Augen schaute ihr Georg sie an. Dann stellte sie die Frage, die sie so lange im Herzen trug: „Liebst du mich denn nicht?“ Noch einmal starrte die Mutter gebannt auf des Jungen Lippen, die entscheidenden Worte zu hören, die nicht kamen. In seine Augen wagte sie nicht zu schauen, so viel Wärme ertrug sie nicht. So schlug das Wort, das nicht kam, eine dritte Wunde.

Mehr konnte ihm die Mutter nicht verzeihen und in einem Anfall rasender Wut verwies sie ihn des Hauses. Als er ging, stand sie noch lange bitterlich weinend in der Tür und sah ihm nach.

So ging der Junge, den alle Georg nannten, auf Wanderschaft. Er war ein guter und fleißiger Arbeiter, sprach nicht viel, aber tat, was man ihn hieß. Im Sommer verdingte er sich beim Müller. Als alle Ernte eingefahren und alles Korn gemahlen war, sagte der Müller zu ihm: „Georg, du bist ein tüchtiger Bursche. Gern möchte ich dich hier behalten. Du kannst gern bleiben, wenn es dir hier gefällt.“ Erwartungsvoll schaute der Müller auf den Mund des Jünglings, die freundlichen Worte zu hören, die nicht kamen. Da schwoll sein Kopf rot an und wütend rief er: „Dann scher dich zum Teufel, du undankbarer Kerl!“

Im Winter verdingte er sich beim Köhler. Als alles Holz gebrannt war und die ersten Gräser durch den Schnee lugten, sagte der Köhler zu ihm: „Du bist ein fleißiger Geselle. Gefällt es dir hier, so kannst du bleiben.“ Aber auch dieses Mal konnte er das eine Wort nicht sagen und wurde erneut davongejagt. Und geradeso erging es ihm im Frühjahr beim Bauern, nachdem alle Saat ausgebracht war und alle Pflänzchen sprossen.

Einmal jedoch war da ein Mädchen. Sie diente als Magd, war rank und schlank wie eine Gerte und wunderschön dazu. Sie hieß Marie. Die beiden trafen sich am Rain und gingen lange Wege. Marie zupfte verlegen Grashalme, mit denen sie Georg am Ohr kitzelte. Sie lachten viel und rannten über die Felder, sie spielten, sie purzelten, sie waren glücklich und einmal küßten sie sich sogar. Danach schauten sie sich mit großen Augen verwundert an und Marie sagte: „Ich liebe dich, Georg. Liebst du mich auch?“ Wie gern hätte er ihr es gesagt und er sagte es ihr auch mit seinen Augen, aber sie schaute nur auf seinen Mund, die erhofften Worte sprechen zu hören. Aber wieder fand er nicht das Wort. In seine Augen aber wagte  Marie nicht zu schauen, so viel Innigkeit vertrug sie wohl nicht.

Konnte er denn nicht einfach sagen: „Ja, ich liebe dich?“ Nein, stattdessen nannte er ein anderes Wort, eines, das noch nie zuvor ein Menschenohr gehört hatte; es klang wie ein inniges Sehnen oder ein tiefes Verlangen, aber es gab keinen Sinn. Das Mädchen schrie gekränkt auf, schlug ihm mit der Faust gegen die Brust und rannte davon. Am nächsten Tag verließ er den Ort, und als er ging, stand sie noch lange bitterlich weinend in der Tür und sah ihm nach. Noch lange hatte sie das Wort im Ohr, welches sie nicht verstand, und irgendwann begriff sie wohl, was es bedeutete, aber da war sie selbst schon Mutter und manches Jahr war dahingegangen.

Ja, so stand es um den jungen Mann, den man Georg nannte. Er fand nie das rechte Wort. Und wenn er es fand, dann verstand es keiner. So schuf er sich seine eigene Sprache, erspürte neue Bedeutungen und fand längst vergessene Wörter oder schuf gänzlich neue. Wie konnte man denn ein einmaliges Gefühl, „Liebe“, „Trauer“ oder „Unschuld“ nennen? Ein Wort, das jeder in den Mund nehmen durfte, konnte das sein unverwechselbares Gefühl zur Mutter, zum Vater oder gar zu Marie benennen?

Immer weiter zog sich Georg in den Wald zurück, denn wenn er auf andere Menschen traf, dann geschah allemal dasselbe. Jemand wollte das Wort aus seinem Munde hören, das er nicht sagen konnte, und den Blick in seinen Augen, den verstand man nicht. Bald lebte er als Einsiedler im dichtesten Wald, den Namen Georg, der nie seiner war, führte er nicht mehr. Seine einzigen Gefährten waren die wilden Tiere. Sie schauten nicht auf seinen Mund, sondern lasen seine Augen und verstanden sein Herz. Sie kannten auch seinen richtigen Namen.

So wurde er alt und dem Wald immer ähnlicher. Wenn ein Wanderer sich in die Gegend verlief, dann sah der ihn gar nicht, so klein und unauffällig war er geworden. Ein langer Bart lief ihm am Kinn hinunter, die Kleider waren zerschlissen, glichen einem Tier oder einer Pflanze.

Eines Nachts erwachte der alte Mann aus einem Traum. Um ihn herum war es taghell, daß seine Augen brannten. Draußen blies der Sturm, doch drinnen in seiner Hütte aus Laub war es still und strahlend hell, als ob ein Stern vom Himmel hineingefallen wäre. Dann ertönte eine mächtige Stimme, lauter als tausend Donnerschläge und doch sanft wie das Zwitschern eines soeben geschlüpften Zaunkönigs. Sie klang wie die herzliche Stimme seiner Mutter, wie die zärtliche Stimme Maries, wie die Stimmen seiner liebsten Tiere. Und diese Stimme fragte ihn die Frage aller Fragen und er sagte mit Herz, Augen und Mund: „Ja, ich liebe dich!“

So ging er ein in die ewige Natur und wo er gelegen hatte, da wuchs die große Eiche, wohl tausend Jahre alt.

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3 Gedanken zu “Von einem, der das rechte Wort nicht fand

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Es ist erstaunlich, wie sehr doch manche Menschen, die sich gewöhnlich zugleich ihres großen Einfühlungsvermögens rühmen, von anderen überschwengliche Bekenntnisse erwarten. Sie hätten doch schließlich deren Verhalten. Sie sollten eher denen misstrauen, die solche freigiebig ablegen.

    « Toutes les fois que je vois de l’engouement dans une femme, ou même dans un homme, je commence à me défier de sa sensibilité. Cette règle ne m’a jamais trompé. »

    Nicolas de Chamfort, Maximes et Pensées, VI, Nr. 346
    Online etwa hier: https://fr.wikisource.org/wiki/Maximes_et_Pens%C3%A9es_(Chamfort)/%C3%89dition_Bever/6

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