Die Fülle der Leere

Rezension: Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte – Stefan Georges Neues Reich.

Es ist doch verrückt – ausgerechnet der toteste aller Dichterhunde provoziert seit Jahren einen dickleibigen Wälzer nach dem andern: Breuer, Groppe, Kolk, Braungart, Norton, Kauffmann etc. und preisgekrönt auch noch Karlauf und Raulff. Die besten darunter – Raulff und Osterkamp – wollen George und Georges Wirkung negieren, erreichen durch ihre Qualität aber das Gegenteil. Sie sollen genauer vorgestellt werden.

All diese mehr oder weniger verdienstvollen Arbeiten bewegen sich im soziologisch-biographischen Bereich; daß George neben Kreis, Charisma und Gebaren in erster Linie ein Dichter ersten Ranges war, schien in der Zunft vergessen worden zu sein. Ernst Osterkamp füllt als einziger diese offensichtliche Lücke und er tut das anhand von nur vier Dichtungen des „Neuen Reiches“, plus zweier Exkurse, sehr tiefgründig, überzeugend und mit Verve. Die Vorabentschuldigung, dies könne zu umständlich und anspruchsvoll geschehen sein, ist überflüssige Bescheidenheit, denn die 270 Seiten lesen sich durchaus flüssig, ja regelrecht spannend!

Es stehen die drei ersten Dichtungen („Goethes lezte Nacht in Italien“, Hyperion“, An die Kinder des Meeres“) des letzten Bandes Georges zur Diskussion, plus das in der Theoriedebatte weniger bekannte Der Gehenkte“. Hart am Text, ohne den Überblick auf das Gesamtwerk zu verlieren, wird George in verdauliche Filetstückchen zerlegt und manche sperrige Gräte löst sich plötzlich in nichts auf.

„Plötzlichkeit“ ist auch die erste sinnstiftende Vokabel, an der sich Osterkamp abarbeitet. Demnach kennt der späte George kein Werden mehr, sein Neues Reich wird nicht, es ist einfach plötzlich da. Die geschichtliche Kontinuität wird zugunsten einer „Diskontinuität der Augenblicke“ abgelöst, ja Plötzlichkeit, „das ungebahnte“, zum eigentlichen Gottesbeweis.

Die geschichtsphilosophischen Konsequenzen wären ungeheuerlich, nähme man diesen Gedanken für voll. George geriert sich damit als Demiurg, der aus dem Nichts schaffen kann, und sei es einen privaten Gott, wie Maximin. „Das Neue Reich, dessen Gott Maximin ist, ist die politische Organisationsform des ewigen Augenblicks.“ So wird der Unpolitische heim ins alte Reich des Politischen gezerrt und im Übrigen die enigmatischen Zeilen „Ich bin der Eine und bin Beide/Ich bin der zeuger bin der schooss“ als „Kind seines Erzeugers und Gebärers“ genial zur Erhellung gebracht.

Ist der Kairos die Georgesche Zeit, so ist die Mitte der Ort: „das Neue Reich ist ein Reich der Mitte“. Diesen „entschiedenen Rezentralisierungswillen“ wollte George der Flüchtigkeit und Zerfaserung der technisierten, ökonomisierten Moderne entgegenhalten, „Augenblick und Mitte sind die bestimmenden Theologumena der Georgeschen Religion“, von der Osterkamp dann selbstwidersprüchlich behauptet, sie habe keine Theologumena.

Goethe und Hölderlin nun sind auf George zuweisende Gestalten; während der Paradeklassiker einen Abschluß darstellt, an dessen Pforte der Dichter dann steht, bedient er sich bei Hölderlin ganz explizit. So wird in Maximin nur eine „kunstreligiöse Übermalung“ Diotimas ausgemacht, das Freiheitsideal freilich durch eines der Herrschaft ersetzt. Auch das Weibliche wird radikal eliminiert, stattdessen der „Gegenstaat eines klandestinen Männerbundes“ entworfen, in dem der männliche, jugendliche Leib vergottet, der Gott verleibt wird. Jugendlichkeit ist das Entreebillet in den privaten Gottesstaat und da Jugend rasch vergeht, erklärt sich auch Georges stets neu entbrannte Sammelleidenschaft junger Jungenleiber.

Daß der Meister gerade diesen letzten Band dem hermeneutischen Zugriff entzogen wissen wollte, ignoriert Osterkamp mit professioneller Gleichgültigkeit und entzaubert mit nahezu unanständiger Offenheit das rückwärtsgewandte Ideal eines wiedererstehenden Hellas in deutschen Gauen als elementares Unvermögen Georges „ein Gegenbild gegen die Moderne aus eigenen Voraussetzungen zu entwickeln“. Damit wird der national-poetische Landgewinn, den George für sich in Anspruch nahm, ridikülisiert: „Die Welt hat ihre Mitte zurückgewonnen. Sie reorganisiert sich in konzentrischen Kreisen: in der Mitte einer diffundierenden Moderne der plastische Volkskörper der deutschen Nation, als deren organisierendes Zentrum der Kreis der zur ‚vollendung‘ Schreitenden, dessen geistiger Glutkern aber das Werk Georges“ ist. Georges Botschaft sei letztlich nur noch er selbst: Das Ungeheuerliche und – ja – Neue dieser Mission scheint Osterkamp nicht sehen zu wollen. Gegen einen ganzen Wortstrom über Mangel und Abwesenheit wird unbeabsichtigt deutlich: George ist virulent, aktuell und faszinierend!

Das alles sind schwere Kaliber, keine Frage; Georges Poetik entpuppt sich als hypersignifikant, als extrem dichte Dichtung und trotzdem erlaubt sich Osterkamp den Lapsus, dies mit Mißachtungsvokabeln wie „Tautologie“, „Leere“ oder „Trivialität“ zu bedenken, wo er doch eigentlich nur Zirkularität, Rekursivität, Selbstbezüglichkeit meint. Weshalb er seine vorbildliche analytische Arbeit selbstbeschmutzen zu müssen meint, läßt sich wohl nur mit einer prätentiösen Distanzierungsgeste erklären: Um ernst genommen zu werden, so glaubt man offensichtlich in akademischen Kreisen, darf man nichts mehr ernst nehmen – George zumindest nicht.

Auch muß selbstredend die Haftbarkeit des „Neuen Reichs“ fürs „Dritte Reich“ nachgewiesen werden. Bis auf eine Fußnote vermeidet er zwar den Namen Hitler zu erwähnen, aber die „Anschlußfähigkeit“ des Georgeschen Spätwerkes und sein Nichtnichtbekennen machen ihn doch schuldig. Durch solche Legitimationskapriolen verschenkt sich Osterkamp viel, spielt er unzulässigerweise mit historischen Referenzen (etwa wenn Georges „nur die säfte/noch makelfrei“ mit dem Wissen der Nachwelt von Auschwitz konfrontiert wird), wird er auch blind für gewichtige Probleme. So wird die Tatsache übersehen, daß bei George die Deutschen zwar „erkoren“ sind, dies aber durchaus keine völkische Bedeutung haben muß, sondern im einfachen biographischen Fakt begründet liegen könnte, daß George nun mal Deutscher war, sich deutscher Sprache bediente. Nur so ist die Zirkularität, auf die der Autor in hundert Anläufen besteht, konsequent und eben gerade nicht (ausschließlich?) aus politischer Ideologie gespeist. Die „ahnherrschaft“, die er 33 via Morwitz eingestand, zeigt nur seine individuelle Hybris, hat mit Hitler aber nichts zu tun. Auch daß George nie ein Wort für das Neue gefunden habe, kann nur aus moderner Sicht als Makel erscheinen, denn das Neue war für ihn gar keine relevante Kategorie.

Solche Irrwege, die letztlich immerhin zwei neue, alte Leserschaften zu erschließen geeignet scheinen – die politische Rechte und die Schwulenszene – sind bedauerlich, jedoch längst nicht genug, um in Osterkamps akribischer Studie nicht das beste George-Buch seit Jahren auszumachen!

So wie in diesem Lehr-Buch muß man Gedichte lesen, dann ist auch der Ertrag überreichlich!

Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte – Stefan Georges Neues Reich.München 2010. 292 Seiten
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