Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

Charles Kurzman, jüdisch-amerikanischer Soziologe und Islamwissenschaftler, fragt genauso in seinem Buch „The missing martyrs“. Ist das mehr als Provokation?

Tatsächlich gibt es 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt und tatsächlich hassen, verabscheuen oder lehnen viele von ihnen „den Westen“ oder „Amerika“ oder andere Glaubensorientierungen ab. Hunderte Millionen sind mutmaßlich Gegner, aber aus ihnen rekrutieren sich nur wenige tausend zum aktiven Kampf und nur wenige hundert sind zum aktiven Märtyrertum bereit … Einfach mal die Perspektive umdrehen und schauen, welches Bild sich bietet.

Dabei hat das Buch einen wesentlichen Geburtsfehler – es ist zu früh erschienen, um das ISIS-Phänomen mitzudenken, es spricht von Al Qaida und den Taliban, von Hamas und Hisbollah, die neue Qualität des Islamischen Kalifats war ihm noch nicht bekannt. Trotzdem liefert es interessante Perspektiven.

In weiser Voraussicht fragte sich Kurzman, wie es sein könne, wo doch jedes einfache Auto zur Waffe taugt, daß wir nicht tagtäglich von Terrorattacken erschüttert werden? Tatsächlich beschwerte sich Al Qaida ununterbrochen über die mangelnde Einsatzbereitschaft der Glaubensbrüder. Wir bekommen meist nur Bekennervideos zu sehen, dabei sind die islamistischen Videokanäle und Printmedien in Wirklichkeit mit Publikumsbeschimpfungen zugestopft, in denen Hitzköpfe mit erhobenem Zeigefinger die Gemeinde mahnen und schelten ob der geringen Selbstinitiative: „too many Muslims are ‚scum‘ who love this world and refuse to risk martyrdom“.

Kurzman wartet als Soziologe mit jeder Menge Zahlen auf, meist Befragungsergebnisse, die ich mir hier spare, aber zu wissen, daß es mehr als 100 000 Muslime braucht, um einen aktiven Kämpfer zu rekrutieren, scheint nicht ohne Bedeutung.

Natürlich bringt er auch das klassische Argument der häufigen Todesursachen, spricht er von den 14 000 jährlichen Morden in den USA, den enormen Kosten der Terrorbekämpfung, wo man doch mit einem Bruchteil des Aufwandes durch das Verteilen von Moskitonetzen, vielfach mehr Leben retten könnte etc.  (Selbst innerhalb der Manchester Arena lag die Wahrscheinlichkeit, die Halle nicht lebend zu verlassen bei 1:1000.)

Trotzdem begreift Kurzman den Terror in erster Linie als Medienereignis. Läßt man die Medienblase weg, dann erscheint dahinter die schlechte Nachricht, daß die islamistischen Terroristen tatsächlich nach unserem Leben trachten – ganz gleich, wie wir uns zu ihnen verhalten –, aber auch die gute: „There aren’t very many Islamist terrorists, and most of them are incompetent“.

Und nun geht er verschiedene Punkte durch.

Als „radical sheik“ – eine Anspielung auf Tom Wolfes Begriff des „radical chic“, das Revolutionär-Tun bei bürgerlicher Existenz – bezeichnet er etwa die verschiedenen Freudenausbrüche, die es nach 9/11 in der muslimischen Welt gegeben hat.  Einerseits sei es unseriös, daraus die Bereitschaft zur eigenen Zerstörungstat abzuleiten, andererseits haben Umfragen ergeben, daß viele Menschen sich später für diese spontanen Äußerungen schämten, nachdem ihnen das wahre Ausmaß bewußt geworden war. Und so erging es auch vielen zynischen Westlern. Trotzdem geistert das Narrativ der muslimischen Schadenfreude noch immer durch die entsprechenden Kanäle.

Ähnlich verhält es sich auch mit der Sympathie für Bin Laden, die meist symbolisch gewesen sei, so wie im Westen Millionen Menschen mit Che Guevara-Shirts umherlaufen, ohne aktiv Revolutionäre oder Mörder zu sein. „The symbol of resistance is detached from content.“

Außerdem konstatiert er das seltsame Paradox des „loosing by winning“. Je erfolgreicher die Terroristen sind, desto weniger Anhänger scheinen sie gewinnen zu können. So hat die 9/11-Attacke zu massiver innermuslimischer Kritik geführt und zahlreiche Anhänger gekostet, so sind es vor allem die zivilen Opfer, die die ideologischen Sympathien vieler Muslime übertönen, so ist es die exzessive, unmenschliche Brutalität, die abschreckt und auch der Angriff auf Kinder in Manchester könnte ISIS langfristig schwächen. Das gilt sogar dann, wenn mit Koran und Hadith argumentiert wird – offensichtlich wirkt das mitmenschliche natürliche Gefühl stärker als alle theologische Legitimierung und „Gelehrtheit“.

Überhaupt ist die religiöse Basis der Argumentationen oft äußerst widersprüchlich. So kann es in einer Person sowohl Ablehnung des Dschihads als Mord durch Bin Laden geben, aber die gleiche Person kann dem Al Qaida-Führer eine quasi-göttliche Rolle zuordnen, ihn als einen Gottgeleiteten betrachten, denn der Zusammenfall der drei Türme des WTC sei zu groß, um von Menschen allein gemacht worden zu sein.

Auch innerhalb der Islamisten gibt es eine große Vielfalt an Auslegungen und der Großteil steht für einen missionarischen Dschihad, die Überzeugung und freiwillige Annahme des Islam ein. Auch wenn sie den globalen Islamischen Staat wollen – wie selbst die Ahmadiyya – so lehnen die meisten doch Gewalt ab. In Umfragen jedoch erscheinen sie als Anhänger des Kalifats und werden im Westen mit potentiellen aktiven Gotteskriegern gleichgesetzt. Selbst Hardliner wie al-Qaradawi oder die Hamas lehnten den Angriff auf das WTC ab.

Ähnlich verhält es sich mit dem Antiamerikanismus. So unterstützen drei Mal so viele Muslime Al-Qaidas Kampf gegen die USA, allein weniger als 10% sympathisierten mit deren Idee eines Islamischen Staates. So lehnte ebenfalls ein Großteil die harschen Methoden der Taliban ab, aber nur sehr wenige fanden den Krieg der Amerikaner gegen die Taliban gerechtfertigt.

Kurz und gut: Man kann mit statistischen Spielchen immer wieder Geschichten nach Wahl erzählen – aber die Realität ist vielfach komplexer.

Kurzman unterscheidet zwischen zwei Grundtypen von Terroristen: die Globalisten und die Lokalisten. Al Qaida steht für den globalistischen, die Taliban für den lokalistischen Ansatz.

Erste Gruppe ist in der Regel gut ausgebildet, oft mehrsprachig und besitzt wissenschaftliche Erfahrung, die anderen hingegen entstammen öfter den Koranschulen oder sind vergleichsweise ungebildet. Trotz zeitweiser Allianzen gibt es starke Differenzen zwischen diesen Gruppen. Die Globalisten wollen die Kampfzone ausweiten, wohingegen die Lokalisten genau das fürchten. Als Bin Laden bei den Taliban unter Mullah Omar Unterschlupf fand, eskalierten diese Differenzen, ja es traten auch nationalistische Vorurteile zutage. Lokalisten sehen den Gegner vornehmlich in den bewaffneten Kräften, während die Globalisten zivile Opfer suchen, was den Lokalisten wiederum als unislamisch erscheint.

Diese Differenz wurde von der Bush-Administration offenbar übersehen oder ignoriert. Bush war der Meinung, die Medressen wären die Brutstätten seiner Gegner im „war on terror“, tatsächlich aber entstammten sie meist europäischen Universitäten. Kurzman sieht fast keinen Zusammenhang zwischen Koranschulen und Terror und widerspricht damit einem gängigen Klischee. In seiner berühmten Ansprache behauptete Bush, „they hate our freedoms – our freedom of religion, our freedom of speech, our freedom to vote“, dabei spielte das fast keine Rolle, sondern es gilt: “they hate America because of its foreign policy, which they view as an onslaught against Islam”.

Diese unsägliche Vereinfachung sei im Westen weit verbreitet, meint Kurzman. So vergleiche man gern Khomeinis Iran mit den Taliban und subsumiere alles unter „Totalitarismus“, dabei habe der Iran ein weitläufiges staatliches Gebilde mit Verfassung und einer vielfältigen Öffentlichkeit hervorgebracht, in der auch Frauen eine bestimmende und wachsende Rolle spielen, wohingegen die Taliban gegen die einfachsten Rechte verstoßen und eine primitive Interpretation der Scharia vertreten.

Vergleichbare Entdifferenzierungen gebe es auch bei der Unterscheidung von „liberalem und revolutionärem Islam“. Soziologische Untersuchungen bestätigen, daß die übergroße Mehrzahl der Muslime einen liberalen Islam vertreten, daß sie die Demokratie als eine überlegene Herrschaftsform betrachten, daß sie sich die Durchsetzung sozialer Gleichheit und Toleranz wünschen und meist auch geschlechtliche Gleichberechtigung (auch wenn die Inhalte dieser Begriffe geklärt werden müßten). Zwar brächten Umfragen oft überwältigende Zustimmungsraten für die Scharia hervor, doch seien das oft „symbolic gestures of Islamic identity rather than deep-seated political opinions“. Stellt man die Frage nämlich anders, ob Glaube eine Privatsache zu sein hat, dann bejahen das die muslimischen Gesellschaften mit beachtlicher Mehrheit.

Kurzman kommt zu dem interessanten Schluß: „The possibility of culturally conservative yet politically liberal Islamic movements is terribly disturbing to Islamists. Western observers are sometimes pessimistic about the prospects of liberal Islam, but if they underestimate its potential, their Islamist opponents seem to overestimate it.

Allein die Rolle der Tele-Evangelisten spricht für diese Argumentation. Sie haben ein Millionenpublikum und selbst wenn sie illiberal argumentieren, so ist die allgemeine Tendenz der „privatization of faith“ eben eine liberale. Kurzman sieht eine überwältigende Mehrheit an liberalen Muslimen, die mediale Aufmerksamkeit bekommen allerdings die radikalen, die weniger als ein Prozent ausmachen würden.

Während für den Durchschnittsmuslim die amerikanische Außenpolitik entscheidend für seinen Antiamerikanismus sei, spielt sie bei den Fundamentalisten kaum eine Rolle. Ob die Amerikaner muslimische Zivilisten bomben oder Hilfspakete abwerfen – in den letzten Jahrzehnten wurde alles in diesem Spektrum versucht, aber das Ergebnis blieb bei den Islamisten gleich.

Oft wird unsere westliche Sicht von der Meinung einzelner einflußreicher Experten bestimmt. Bernard Lewis wird als Beispiel erwähnt und ihm wird mehrfacher Positionswechsel nachgewiesen, dem die politisch Verantwortlichen folgten. Damit wird die Politik zum Spielball einzelner Ton angebender Intellektueller. Auch andere Ansätze, spieltheoretische etwa, haben sich als wenig erfolgreich erwiesen, weil sie den Entwicklungsfaktor nicht berücksichtigen, werden aber noch immer genutzt. So sorgt das westliche Expertenwesen für die eigene Inflexibilität und Blindheit, aus der politische Fehlentscheidungen resultieren.

Das Spiel ist freilich verzwackter und dialektischer als es den Anschein hat. In seinem Klassiker „Orientalism“ hatte Edward W. Said die „eurozentrische” Sicht auf den Osten kritisiert, dabei aber übersehen, daß auch der westliche Blick auf den Osten nicht monolithisch und stereotyp ist, und wenn man es ihm unterstellt, selbigen Stereotypen aufliege …

Wollte man Kurzmans Buch in einem Satz zusammenfassen, so müßte der wohl – im zeitgenössischen Duktus – lauten: Wir folgen den falschen Narrativen.

Welche die richtigen seien und ob es überhaupt welche gibt, bleibt offen. Fakt ist, es gibt diese „sort of overgeneralization that has made people so disproportionally afraid of terrorism“. Medial aufgeblasene Ängste und Vorstellungen bestimmen unsere Gefühle. So gaben etwa 90 Prozent aller Nigerianer und 83 Prozent aller Russen, 80 Prozent aller Brasilianer im Jahre 2003 an, sie seien im Zuge der medial aufgebauschten SARS-Epidemie ernsthaft um die Gesundheit ihrer Familie besorgt, obwohl es in diesen Ländern keinen einzigen Fall gegeben hatte.

Einige seiner abschließenden Empfehlungen sind nach all dem durchaus bedenkenswert:

  1. Turn down the volume on terrorism debate.
  2. Put the threat of Islamist terrorism in perspective.
  3. Give credit to Muslims as the primary defence against Islamist revolutionaries.
  4. Instead of viewing Muslim societies as potential enemies, it may be more effective to view them as current allies.

Bei alldem scheint Kurzman entgangen zu sein, daß er die Antworten auf eine ganz andere Frage gegeben hat. Nicht „Why there are so few Muslim terrorists“ erläutert er, sondern: Why do we think there are so many?

Quelle: The Missing Martyrs: Why There Are So Few Muslim Terrorists. Oxford 2011
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2 Gedanken zu “Wo bleiben die Terroristen?

  1. Eine wesentliche Sache verstehe ich nicht: es geht doch ganz offensichtlich gerade NICHT um Zahlen. Es ist – zugespitzt – geradezu wurscht, wie viele Terroristen es gibt. Die Logik der „Einzeltäter“ funktioniert genauso, man zählt zusammen und kommt auf eine geringe Größe. Der Sinn des Terrorismus ist doch, daß ein einziger Anschlag derartige libidinöse Besetzungen freigibt, und dessen Wiederholung (die der Autor 2011 nur erahnen hätte können) ebenfalls symbolisch ist. Die „Hyperrealität“ des Terrorismus ist doch gerade das Problem. Wenn man aus dem Buch ableiten würde, das legen die zitierten Empfehlungen nahe, daß es doch eh bloß so wenige Islamisten gibt, und islamische Gesellschaften sind ja nicht bloß „potential enemies“ sondern reale.

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    • Sehe ich ähnlich – die aktuelle Zahl spielt keine Rolle, sondern nur die Wirkung.

      Es gibt im Schach eine Regel Taratkowers: „Die Drohung ist stärker als die Ausführung“. So ähnlich funktioniert Terrorismus: Terror ist die Drohung von Gewalt, wörtlich: Schreckensbotschaft. Aber sie kann nur dann wirken, wenn es jemanden gibt, der sich bedroht fühlt. Und an diesem Empfinden kann man arbeiten. Das wäre eine Aufgabe der Medien einerseits, die die Drohung bisher verstärken, als auch jedes Einzelnen. Und bei dieser Selbsterziehung kann die statistische Wahrscheinlichkeit als Psychotrick durchaus helfen.

      Bis dahin gilt, was Abdel-Samad gesagt hat: „Die Terroristen haben euren Lebensstil längst geändert “ – das ist als hard fact zu akzeptieren. Der Psycho-Effekt ist da, ganz gleich ob er sich empirisch begründen läßt oder nicht.

      Wiederum sollte man die ernsthaften Gegenargumente – teilweise von Kurzman vorgetragen – wahrnehmen und durchdenken … Das war Ziel dieser Buchkritik. Der wesentlichste Ertrag scheint mir zu sein: Der Islam ist nicht Terror – aber der Terror ist im Islam. Er ist darin angelegt, aber er wird sehr selten – gemessen am Umfang der Religion – verwirklicht.

      Bei alldem dürfen wir nicht vergessen: der Terror ist ein Sekundärphänomen; an ihm wird Europa nicht zugrunde gehen.

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