Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

Dabei glaubte ich doch – in der Selbstwahrnehmung –, ein ausgeglichener, vermittelnder, verhältnismäßig ideologiefreier Schreiber zu sein. Weder – als kurze „Denkbiographie“ – das marxistisch-dialektische Herkommen (von der leninistischen Periode abgesehen) oder Nietzsches Perspektivismus noch die intensive postmoderne Phase der Alldekonstruktion und auch nicht die weit umfassende Fundamentalontologie schienen für Ja-Nein-Dichotomien gemacht. Und nun das!

Mit der Frage „Was ist links oder rechts“ öffnet man eine Büchse der Pandora. Sie ist vermutlich gar nicht letztgültig zu beantworten. Störend an ihr ist ganz augenfällig jedoch die primitive zweiwertige Logik. Das Leben ist nicht so! Die Kategorien sind zu einfach, um die komplexe Realität auszudrücken. Aber das trifft auf alle Begriffe zu – wie ich im Beitrag „Sprache und Sein“ – ein produktives Paradox“ aufzuzeigen versucht habe.

Es gibt nicht den Linken oder Rechten, beide stecken voller intrinsischer Vielfalt. Können die Begriffe sich also begründen?  Sind sie sinnvoll? Ich werde sie jedenfalls auch in Zukunft verwenden.

Die Beschreibung der gesellschaftlichen Realität im Zuge des postmodernen Denkens – das heute von vielen „Rechten“ kategorisch abgelehnt wird (womit man sich vieler Einsichten beraubt) – hatte auch die Einsicht in die Zerstörung des Begriffes des „Individuums“ als Ertrag, des „Unteilbaren“. Der postmoderne Mensch ist ein Dividuum geworden, es mangelt ihm eine einigende Identität, er ist viele, vereint in sich zahlreiche Widersprüche und „leidet“ (im ontologischen Sinne) unter einem Mangel an „Vertikalspannung“, an transzendenter, traditionaler und thematischer Ausrichtung. Sinn und Ziel seines Seins sind nicht mehr vorgegeben, er muß sie selbst finden und kreieren.

Aber gerade dann werden Dichotomien bedeutsam, denn sie geben Halt. Man muß nur lernen, auch in ihnen die Vielfalt zu sehen. So kann man etwa den Gegensatz von links und rechts, wie das Norberto Bobbio, der große alte Mann der italienischen Linken, zwischen „deskriptivem“, „axiologischem“ und „historischem“ Gebrauch unterscheiden. Der axiologische Gebrauch ist das eigentliche Problem, denn ihm mangelt es an Flexibilität, aber er ist auch notwendig und hat sich seit Langem bewährt, um eine sinnlose Verflüssigung der Begriffe zu vermeiden. Menschen brauchen Achsen, um nicht den Überblick zu verlieren.

Bobbio macht eine uralte Denkfigur scharf – die der Trinität/Dialektik –, wenn er ein „Drittes“ ausmacht, einen „dritten Weg“. Aber auch dieses „Dritte“ kann dreierlei sein: das Ausgeschlossene, das Eingeschlossene und das Einschließende. Letzteres ist die Synthese, die Verwindung, die Negation der Negation. An ihr sollte man sich orientieren, sie sollte man anstreben.

Es ist nicht klar und einfach: Nehmen wir zum Beispiel die „Grünen“. Sind sie rechts oder links? Heute gibt es darauf kaum noch zwei Antworten, schaut man sich aber die Geschichte des ökologischen Denkens an, dann wird deutlich, daß ihm einzig und allein eine konservative – also „rechtes Gedankengut“ – Vorstellung zugrunde liegt.

Das findet man schon in der deutschen Mystik, im deutschen Volkslied, im deutschen Märchen, im deutschen meist unübersetzbaren Begriff „Heimat“, im seltsamen deutschen Empfinden für den Wald – ich betone das Deutsche bewußt, weil es in dieser Frage entscheidend ist (es gibt natürlich auch eine nordische oder amerikanische (Thoreau) oder französische (Rousseau) oder russische (Turgenjew) … Naturmystik –, in der deutschen Romantik bis hin zu wesentlichen Teilen der deutschen Philosophie. Ludwig Klages hat sein erstes Manifest geschrieben („Mensch und Erde“), die Gebrüder Jünger widmeten sich ausgiebig dem Verhältnis von Technik und Natur, Heideggers Philosophie nach der „Kehre“ thematisiert die „Hege“, die „Besinnung“ und beschreibt den Menschen als „Hirten des Seins“ usw. Alles erzkonservative Köpfe, rein rechts.

Die große pragmatische Schrift, quasi die Geburtsurkunde der „Grünen“ war Herbert Gruhls (CDU) „Ein Planet wird geplündert“ und der Marxist Rudolf Bahro, Gründungsmitglied der jungen Partei, verfaßte die radikalste fundamentalökologische Schrift aller Zeiten – er wurde bald geschaßt, weil er zu weit „rechts“ war; es übernahmen die pur politischen Geister, die die Partei schnell in politaktionistisches Gewässer führten, das bald im Parlament versickerte.

Die „Grünen“ zeigen uns, daß das „Dritte“ – ein anderes Wort für „Mitte“ – heute kaum noch existiert, und Bahro wiederum zeigt uns, daß die Begriffe von links und rechts noch nie bindend waren. Die Mitte ist heute links, keine Frage. Linke Aktivisten (wie Softpunk Campino) oder das urlinke politische Kabarett, die linke Presse sowieso, entblöden sich heute nicht, den Merkelgesang zu singen, sie verzichten ganz offen auf Subversion und Rebellion. Die alten Paralleldichotomien wie Revolution-Konterrevolution haben ihre beschreibende Kraft verloren und werden nur noch in irrelevanten stalinistischen oder trotzkistischen oder nationalsozialistischen Zirkeln genutzt. Dort berühren sich die Extreme.

Trotz der zahlreichen Schwierigkeiten werde ich die Begriffe, ohne sie inhaltlich zu definieren, weiter benutzen, werde auf die intuitive Auffassungsgabe vertrauen und hoffen, daß sie eher öffnend, versöhnend wirken als ausschließend. Es sind bewußte Simplifizierungen, Arbeitsbegriffe und Provokationen, die allseits verstanden werden, gerade weil sie noch immer interpretationsoffen sind. Ihre polemische Kraft ist offensichtlich – man sollte sich ihrer bedienen, wohl wissend, daß sie keine differenzierende Beschreibung bieten können.

Ich hefte sie mir nur zu Verkleidungszwecken an und ganz und gar argumentationstaktisch motiviert. Ich sehe mich weder als Linker noch als Rechter und bin doch beides oder besser noch: ein Drittes. Ich stelle mich auf die Seite der Vernunft, der Wahrheit und auch der Wahrscheinlichkeit und wenn diese – wie es scheint – mehrheitlich rechts stehen, voilà, dann bin ich eben rechts.

Und mit Selbstbewußtsein und Stolz!

Lange habe ich gerungen, um an diesen Ort zu gelangen. Man muß den Begriff – wenn man ihn denn behalten will – endlich entdämonisieren, heraus aus der Fascho-Ecke, wo er nichts zu suchen hat: Nicht links-rechts ist das Problem, sondern das dahinterliegende vermeintliche gut-böse. Rechtssein ist möglich, ist normal!

Aber: „Was ist Wahrheit?

Literatur: Norberto Bobbio: Rechts und Links. Gründe und Bedeutung einer politischen Entscheidung. Berlin 1994

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