Zwischen Zeilen Zukunft

Jeder hat die Geschichte aus Naumburg gehört, nehme ich an.

 

Sie schmerzt mich besonders. Die Stadt, in der das zauberhafte Nietzsche-Haus steht, der Dom, die Kaderschmiede in Schulpforta … In Naumburg habe ich Gadamer bei einer Nietzsche-Konferenz erleben dürfen und überhaupt birgt die Stadt schöne Erinnerungen, liegt mir – ähnlich Weimar oder Freyburg an der Unstrut – als Kraftort und Pilgerstätte besonders am Herzen. Daß es auch dort jetzt „syrische Clans“ geben soll, hat mich erschreckt. Wenn schon im idyllischen Naumburg, wo dann noch nicht?

Das genau ist die Frage.

Laut einem Focus-Artikel zum Vorfall, diktiert der Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang der „Mitteldeutschen Zeitung“ jenen fatalen Beschwichtigungssatz in die Feder:

„Das Risiko, hier (in Naumburg) Opfer einer Straftat zu werden, ist vergleichsweise noch immer gering.“

Diesen Satz, der beruhigen, der entwarnen soll, muß man sich wie Saale-Unstrut-Wein auf der Zunge zergehen lassen, denn er enthüllt die ganze Wahrheit. Man wird wohl vermuten dürfen, daß der Herr Oberstaatsanwalt kein „rechter Rattenfänger“ – so nannte Sigmar Gabriel die fast-französische Präsidentin – ist. Was aber meint er mit seinen verräterischen Adverbialbestimmungen?

Zum Beispiel wenn er von „vergleichsweise“ spricht? Verglichen wozu? Eine Favela in Rio, ein Township in Johannesburg, die Bronx oder was? Nein, er meint Deutschland, Westdeutschland, er meint Dortmund oder Frankfurt oder Duisburg oder Freiburg im Breisgau …

Oder wenn er „noch“ sagt. Ist das nicht das Eingeständnis einer bereits vorab gescheiterten Zukunft, die schon lange absehbar ist, die man aber noch immer beharrlich verleugnet? Wann, so darf man sich fragen, wird das „noch“ von einem „nicht mehr“, das „ist“ von einem „war“ ersetzt werden?

Noch ist Naumburg nicht verloren!

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