Linke Selbstverarsche

In einem bewegenden Artikel hat eine junge hoffnungsvolle „Spiegel“-Autorin sich mehrfach selbst entblößt. Sie leuchtet nicht nur furchtlos tief in die Privatsphäre ihrer Mutter hinein, sie legt auch unfreiwillig die Crux des heruntergekommenen linken Denkens offen – natürlich nicht des ganzen linken Denkens, denn nicht alle Linken sind oder waren so …

Mama wählt nicht

Darin schreibt sie: „Mamas größter Feind sind Generalismen, sogar, wenn sie harmlos sind. Wenn ich als Kind von ,den Jungs‘ gesprochen habe, habe ich Anschiß bekommen, was besonders war, weil ich sonst nie für irgendwas bestraft wurde. ,Sind ja nicht alle Jungs gleich‘, hat sie dann gesagt. Die Türken, die Russen, die Nutten, die Penner, die Jungs, die VerkäuferInnen beim Lidl – verbotene Satzanfänge. Pauschalisieren war schlimmer als zu-spät-nach-hause-kommen, schlimmer als Zimmer-nicht-aufräumen. Mama hätte mich lieber wegen Diebstahls vom Polizeirevier abgeholt, als mich einen Satz sagen zu hören, der mit ,Diebe sind’ beginnt.“

Das ist intentional an sich recht löblich, was die Mama da lehrt. Aber es ist in dieser Form auch ziemlicher Unsinn. Nein, ich meine nicht den Quatsch mit den VerkäuferInnen, der – ich kann mir nicht helfen – irgendwie die Männer „diskriminiert“, mehr als ein „Verkäufer“ die Frauen etwa diskriminierte, denn nun wird eine besondere Betonung auf etwas gelegt, was bis dahin Sprachkonvention war.

Die Verfasserin ist noch sehr jung, man mag nicht allzu hart gegen ihre Logikpatzer angehen. Wollte man nämlich alle Generalisierungen, wie gerade empfohlen, aufgeben, dann wäre abstraktes Denken nicht mehr möglich. Wenn selbst „die Diebe“ nichts mehr gemeinsam haben, dann gibt es auch keine Diebe und keinen Diebstahl mehr, dann wären wir auf eine vorlogische Sprach- und Denkstufe abgesunken, dann hätten wir den allerersten Zivilisationsschritt rückgängig gemacht.

Die erste Crux der linken Denke, das erste Paradox, ist also: Sie verabsolutieren die Nichtverabsolutierung, sie Entdifferenzieren die Differenz, sie zerstören durch ihren Extremismus mit dem Arsch, was sie sich durch Kritik mit dem Kopf aufgebaut haben.

Daraus ergibt sich dann die zweite Crux. Sie sind nicht nur selbstwidersprüchlich, nein, sie sind auch blind gegen sich selbst und fordern die Toleranz immer nur dann ein, wenn sie ideologisch in den Kram paßt.

Die gleiche Autorin, die gerade eben ein Plädoyer gegen „Generalisierungen“ hielt, kann – ohne den Lapsus offenbar zu begreifen – im gleichen Schriftzug aufs Papier bringen: „Mama würde niemals auf die AfD reinfallen, niemals Nazis wählen.“

Man möchte das Mädel am liebsten an die Hand nehmen und ihr noch einmal einen Schuldurchgang empfehlen oder wenigstens Brechts „Lob der Dialektik“[1], aber immer öfter erwische ich mich dabei, resignierend aufzustöhnen und zu denken: fuck off, it’s useless anyway!

 

[1] Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s