Was wäre wenn?

Ein Bild geht um die Welt, die kleine Welt des deutschen Polittheaters.

Martin Schulz, die Arme mürrisch vor dem Körper verschränkt – wir wissen alle, was diese Geste bedeutet –, ihm gegenüber der allseits beliebte Ralf Stegner und zwei Unbekannte fahren Zug. Zweite Klasse, Interregio – wie du und ich; das sollte die eigentliche Aussage des Bildes werden. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, Stegner macht sich eine Bionade auf und Manuela Schwesig (färbt sie ihr Haar?) schaut sich Bilder an, während der kahle Mann mit der Königsnatternimitation um den Hals konsterniert vor sich hinstarrt.

Das Bild fängt die Stimmung in der SPD kongenial ein. Es wurde übrigens vor der Wahl geschossen, da wußten die Genossen wohl bereits, daß es keine fröhliche Sause im Norden geben wird.

Der Schulz-Zug ist abgefahren. So oder ähnlich – die Presse ließ es sich nicht nehmen – lauteten die hämischen Schlagzeilen exakt jener Schreiberlinge, die Schulz noch vor wenigen Wochen zum Messias, zum Retter Deutschlands hochgejubelt hatten. Darin steckte zumindest eine Wahrheit: Deutschland muß gerettet werden – und es eilt!

Aber es wird nicht von Schulz gerettet werden. Daß man diesen Wirbel entfachen konnte, zeigt nur das starke Bedürfnis nach einer Alternative zur selbsternannt alternativlosen Merkel.

Sowohl sein Aufstieg als auch sein Fall sind signifikant und zeigen, auf welch tönernen Füßen unsere parlamentarische Demokratie steht.

Die irrealen Zugewinne der Meinungsumfragen nach der Führungsrochade in der SPD zeigen – so paradox das klingt – die Politikverdrossenheit der Menschen an. Nicht an der Politik an sich, sondern an dieser Politik. Ein Großteil der Bevölkerung, wie Merkel das Volk nennt, hat sie schlicht und einfach satt und war für einen Moment bereit, für den Erstbesten zu stimmen, der „anders“ zu sein versprach, der ihr Paroli bieten konnte, selbst wenn er das Epitome des Eurobürokratismus war. Daß damit Feuer mit Benzin gelöscht werden würde, war vielen offenbar egal, Hauptsache, es geschieht überhaupt etwas.

Hier gibt es im Übrigen Parallelen zu den Wahlen in Amerika und in Frankreich. Macron hat durchaus nicht gewonnen, sondern Le Pen (relativ), Fillon und Mélenchon (absolut) und die Sozialistische Partei Hollandes, die quasi zerstört wurde, total verloren. Übrig bleibt einer, den man für einen Moment – trotz satter Politikerkarriere in der falschen Partei – als jemanden mißverstehen kann, der nicht zum Polit-Establishment gehört und dessen schwindelerregender Aufstieg nur auf Projektionen zurückzuführen sein kann. Das wird sich sehr bald als ähnliches Mißverständnis erweisen wie bei Donald Trump. Man kann in diesem Sumpf nicht waten, ohne naß zu werden.

Frischer Wind, das ist es, was die Leute in ganz Europa, in der ganzen westlichen Welt wollen, denn sie spüren – was wir bereits wissen –, daß die Ära des Friede-Freude-Eierkuchens zu Ende geht. Sie sehen die Katastrophe mit dem bisherigen Zugpersonal kommen, der Rammbock ist bereits in Sichtweite, aber sie wollen nicht den Zug wechseln, sondern den Lokführer und wählen daher fast in Panik neue Gesichter oder glitzernde Phantasieuniformen.

Die Politiker-Darsteller machen sich das zunutze. Sie geben „Die Alternative“, selbst wenn sie, wie Schulz, nur Heizer sind, die den Zug noch mal richtig anfeuern wollen, und zwar mit gepumpter Kohle.

Was wäre also gewesen, wenn Sigmar Gabriel sein kleines schmutziges Kabinettstückchen nicht im Januar, sondern im August gespielt hätte? Was wäre gewesen, wenn unmittelbar vor der Wahl ein Schulz-Hype stattgefunden hätte? An solchen „Zufälligkeiten“ hängt in volatiler Atmosphäre mittlerweile das Schicksal der parlamentarischen Demokratie.

Man sollte sich eine ruhige Minute gönnen, die Folgen zu durchdenken.

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Ein Gedanke zu “Was wäre wenn?

  1. Leonore schreibt:

    Seit längerem (Familienpflichten! Umzug!) endlich mal wieder hier – und nach diesem Blogeintrag gleich wieder fest emtschlossen, ganz bald wieder reinzuschauen!

    Seidwalk: Welcome back!

    Gefällt mir

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