Die alte Leidkultur

Angesichts der von Thomas de Maizière gerade tumb angestoßenen Leitkulturdebatte gestatte ich mir einen Artikel aus dem letzten Jahr noch einmal aufzuwärmen.

Da sich die Zahl der Leser in letzter Zeit erfreulicherweise erhöht hat und da unter der Leserschaft – soweit zu sehen ist – auch ein „großer Austausch“ stattgefunden hat, kann es in Zukunft Zweitdurchläufe einiger Beiträge geben. Die Stammleser mögen das bitte verzeihen.


Die alte Leidkultur

An Salvör hatte er ein furchtbares Unrecht getan, das nie wieder gutgemacht werden konnte. Dieses war etwas Unerhörtes in seiner Familie; all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr; dies hier war bestimmt, es mußte so sein. (Kristmann Gudmundsson: Morgen des Lebens)

Haldor war der charismatischen Salvör versprochen, eine Frau, zu der er aufblicken konnte. Aber dann lief ihm die kleine Maria über den Weg, die ihn anhimmelte und seine Lüste befriedigte. Als er sie zur Frau nimmt, weiß er, daß er nun ein Leben lang gegen die gekränkte Salvör wird kämpfen müssen und ihr irgendwann unterliegen wird.

Derart gestrickt sind die archetypischen Konstellationen der klassischen nordischen Literatur, die zu lesen noch immer lohnt, denn sie geben uns Einblick in eine Seelenverfassung, die uns heute so fremd wie anziehend vorkommt. Der Isländer Kristmann Gudmundsson war neben Hamsun, dem Großmeister, Johan Falkberget, Gunnar Gunnarson, Olav Gulvaag und einigen anderen ein Meister darin.

Haldor bezahlt mit scheinbar unendlichem Leid: er verliert Menschen, Körperglieder, Eigentum – aber seine Würde verliert er nie! Im unnachahmlichen Ton der Skandinavier liest man: „Etwas bang war ihm, als er merkte, daß es zu Ende ging, das ließ sich nicht leugnen, aber er ermannte sich: es war doch wohl immer noch so viel von ihm vorhanden, daß er das Sterben fertig brächte!“

Oder erinnern wir an einen allzu schnell vergessenen erschütternden Bestseller des Rumänen Constantin Gheorghiu: „25 Uhr“. Es ist die Passion eines jungen Bauern, der durch eine kleine Intrige ins große Mühlwerk der Geschichte gerät, in dutzende Lager in Rumänien, Deutschland, Ungarn, der Besatzungszone gelangt, stets aufrichtig und genau deswegen immer wieder der Verlierer. Ein einfältiger Mensch auch er, der den Glaube an das Wahre jedoch nie verliert und nur so seine Haltung bewahren kann.

Die Leitthemen dieser Bücher sind das Leid. Heute würde man sagen: die Menschen sind traumatisiert. Werden sie deshalb Terroristen oder laufen Amok? Zerbrechen sie? Werden sie depressiv oder leiden an Ausgebranntsein? Weit gefehlt. Diese Männer finden Halt im Leid, sie wissen noch, was Demut ist, sie sind in einer schon gottlosen Zeit, noch immer in feste Zügel eingespannt, die ihnen den Weg weisen. Gudmundsson bringt es paradigmatisch auf den Nenner: „ … all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr …“ Sie stehen in einer Tradition, in einer Geschichte und selbst wenn beide Autoren den Knackpunkt beschreiben – „Aber er konnte nicht mehr“ –, ihre Helden in just jene historische Situationen versetzen, in denen die Moderne zerstörerisch in die jahrtausendealten Gefüge einbricht, haben sie noch genügend Substanz – Väter, Geradlinigkeit, Pflicht, Demut, Glaube, Treue und Tradition – in sich, um nicht umzukippen.

Wenn wir in Deutschland, Europa und der Welt gerade Zeugen blutiger Taten derangierter junger Männer werden, denen man schnell das Etikett der psychischen Labilität anheftet – Orlando, Nizza, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach, Berlin, London, Paris, Stockholm …, alles scheinbar (auch) Psychiatriefälle –, dann hat das auch mit dem Verlust dieser Zügel, mit der vaterlosen Gesellschaft, mit dem Kippen aus der Tradition zu tun. Disziplin und Härte sind verpönt, die edukative formgebende Funktion des Militärdienstes etwa wird einem ideologischen Pazifismus geopfert, die Freiheit muß absolut sein.

Man könnte meinen, deutsche und nahöstliche Täter darf man nicht in einen Topf werfen, München und Ansbach seien inkommensurabel. Trotzdem gibt es in der Zügellosigkeit eine wesentliche Gemeinsamkeit. Selbst wenn die tatsächlichen Flüchtlinge Leid und Autorität en masse erfahren haben sollten, so sehen sie sich hier doch plötzlich mit einer konturlosen Freiheit konfrontiert, die ihnen jeglichen Halt nimmt.

Bereits in meinem ersten Erfahrungsbericht über die Arbeit mit „Flüchtlingen“ hatte ich die Bedeutung der Autorität betont. Damals sahen mich zwölf unsichere Augenpaare an und schrien förmlich nach Direktive, nach Leitung und Orientierung – empfangen wurden sie stattdessen von Pfarrern und Willkommenshelfern mit einer Unzahl von Angeboten, aus denen sie wählen sollten. Bei mir dagegen gab es ein Entweder-Oder, entweder mitmachen oder gehen und noch heute sind sie dankbar dafür.

Wer einmal wissend in diese Augen geschaut hat, der begreift, daß Leid nicht per se Stärke schafft. Im Gegenteil. Diese jungen Männer haben sich meist freiwillig selbst aus dem väterlichen und traditionellen Kontext herausgerissen, der zudem auch in Syrien und Eritrea längst nicht mehr so stark ist, wie er noch vor Kurzem gewesen sein muß. Oft bleibt nur noch ein aufgeweichter Religionsfaden, der ein wenig Halt bietet. Indem wir ihnen psychische Labilität zuschreiben, anstatt sie mit Entschluß und Konsequenz an die Hand zu nehmen und ihnen alternativlose Alternativen zeigen, machen wir sie zu Blindgängern, die insbesondere dann scharf werden können, wenn ihnen von anderer Seite ein Religionssurrogat, eine Scheintradition, eine Pseudoväterlichkeit, Sinnversprechen und eine Ewigkeitsgarantie angeboten werden.

Literatur:
Gudmundsson, Kristmann: Morgen des Lebens. München 1934
Gheorgiu, Constantin Virgil: 25 Uhr. Stuttgart 1958
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