Der große und der kleine Marx

Heute vor 199 Jahren wurde Karl Marx geboren, neben Luther wohl der wirkmächtigste Denker der letzten Jahrhunderte. Ähnlich Luther ist die Bilanz seines Denkens aus der Retrospektive sehr gespalten, die Wertungen werden am Leitfaden der eigenen Überzeugungen gezogen.

Vermutlich werden im nächsten Jahr eine ganze Reihe an gewichtigen Marx-Biographien erscheinen, mutmaßlich wird das Niveau oft mittelmäßig sein, man wird sich hier und da besonders Marx‘ Liebesleben widmen, seinen Affären, dem illegitimen Sohn mit Helena Demuth, seinen Furunkeln, den billigen Zigarren und auch seinen Charakterschwächen. Heute, nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus wird uns deutlich: Marx war ein Mensch. Die Geschichte seines Lebens wurde vielfach erzählt. Ich möchte hier drei klassische und sehr unterschiedliche Biographien plus ein Marxsches Kuriosum vorstellen:

P.N. Fedossejew: Karl Marx. Biographie. Berlin (Ost). Dietz 1983. 890 Seiten

So, endlich fertig, nach drei langen Wochen! Das muß niemanden wundern, satte 800 Seiten in erztrockenem Parteijargon wollen erstmal bewältigt sein. Selbst aus der historischen Perspektive ist der Unterhaltungswert gering, ganz im Gegensatz zum Mitteilungswert. Am originellsten noch die unfreiwilligen Selbstparodien, denn immer wieder wird dem Leser – und hätte ihm sicherlich auch „damals“ schon – die unglaubliche Diskrepanz zwischen urmarxistischem Denken und realsozialistischem Sein deutlich. Ob das sowjetische Autorenteam etwa einen subversiven Gedanken hegte? Egal, das ist Schnee von gestern.

Weshalb – ist man in der Lage, von der Phraseologie zu abstrahieren und die vielen kleinen historischen Klitterungen zu durchschauen – weshalb man dieses Buch noch immer lesen kann, liegt exakt im Vorteil des Betondenkens: äußerste Ordnung, Systematisierung, Vollständigkeit.

Mit dem Fleiß eines Bibliotheksbeamten sucht und strukturiert das Autorenteam und schlägt im politisch übervollen Leben Marxens eine Schneise, die auf überraschende Weise das Problem der Gleichzeitigkeit und Vielfältigkeit löst. Nirgendwo dürfte man sich durch das Wirrwarr der Beschlüsse, Ereignisse, Kongresse, Orte, Werke, Briefe, Erinnerungen … besser durchfinden als beim Autorenkollektiv des Institutes für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU. Wer also gute Nehmerqualitäten hat, wer die Dürre der sprachlichen Wüste nicht scheut, dem werden unverhoffte Einblicke gewährt und das biographisch verhältnismäßig ausgewogen: während die meisten Marx-Biographien sich auf eine Facette Marxens konzentrieren, wird hier der Politiker wie der Philosoph, der Ökonom und der Naturwissenschaftler, der Freund und Feind, der Mensch und die Ikone dargestellt, mit Ecken und Kanten, wie gesagt, und geschönt und verhunzt, aber immerhin!

Boris Nicolaevsky: Karl Marx. Eine Biographie. Frankfurt 1982. 418 Seiten

Ein wesentliches Werk in der Geschichte der Marx-Biographik, nicht zuletzt wegen seiner ausgesprochenen Lesbarkeit. Die Autoren verzichten auf Philosophiererei, bauen einfache, schnelle Sätze, schreiben spannende biographische Prosa. Hervor tritt Marx als Politiker, werden seine Auseinandersetzungen mit den Linkshegelianern, seine politischen Kämpfe in der 48er Revolution beschrieben, das Ringen um den Bund der Kommunisten, die Internationale Arbeiter-Assoziation, die Pariser Kommune, die Internationale …, es werden Marx‘ Gegenspieler – Ruge, Bauer, Weitling, Proudhon, Bakunin etc. – porträtiert und das mitunter nicht zu knapp, es werden historische Konstellationen entworfen, die individuelles Verhalten einordnen und begreifbar machen. Dafür verschwinden aber auch schnell zwanzig Jahre harten Arbeitens, bedeutender Lebenszeit, in wenigen Sätzen, während minutiös Kabinettsfechtereien aufgezeichnet werden.

Mitunter verlieren die Autoren, die als ehemalige Menschewiki und Sozialdemokraten vorgestellt werden, etwas die Contenance, einige historische Wertungen haben sich überlebt, und menschlich ausgewogen ist die Biographie auch nicht, aber ob ihrer guten Verdaulichkeit jederzeit zu empfehlen.

Richard Friedenthal: Karl Marx. Sein Leben und seine Zeit. Piper. München 1981. 652 Seiten

Ein opulentes Werk, 620 eng beschriebene Seiten, sprachlich großartig verfaßt, legte Richard Friedenthal mit seiner Karl-Marx-Biographie vor, die allerdings einen entscheidenden Fehler hat: sie ist gar keine Biographie!

Friedenthal ist gelernter Historiker und was er dem Leser hier bietet, ist ein breit angelegtes, buntes Zeitgemälde, in dem Karl Marx nahezu untergeht. Und das in doppelter Hinsicht. Lediglich ein geschätztes Drittel des Buches beschäftigt sich ureigentlich mit Marx und, zweitens, er läßt kein gutes Haar an ihm.

Wer über die historischen Hintergründe der Pariser Kommune etwa oder der Bismarckschen Politik oder der Julirevolution oder der chartistischen Bewegung oder Königgrätz oder den Polizeirat Stieber … erfahren will, wird hier reichlich bedient, wer freilich sich für Marx interessiert, erfährt recht wenig, wenig über den Menschen, seine Gedanken, Gefühle, Sorgen und Freuden, wenig über seine Lebensumstände und noch weniger über sein theoretisches Werk. Das sei, so wird uns im Nachwort – das viel besser ein Vorwort hätte sein sollen – durchaus im Sinne des Verfassers gewesen, der anfangs eine „Darstellung der bunt zusammengewürfelten Londoner Exilwelt“ schreiben wollte, dann aber immer stärker von Marx in den Bann gezogen wurde. Außerdem konnte er das Buch nicht vollenden, was die eklatant fehlenden Aussagen ausgerechnet über das „Kapital“ (und andere Marxsche Werke) erklären soll. Das vorzeitige Ableben kann man biographisch als Entschuldigung durchgehen lassen, es macht das biographische Buch aber nicht besser. Auch die vollkommene Abwesenheit eines Quellenverzeichnisses wird mit dem vorzeitigen Ableben erklärt, wirkt sich bei den gewagten Aussagen Friedenthals jedoch katastrophal aus.

Was nun tatsächlich von Marx bleibt, ist wohl dies: Marx habe die reale Geschichte und Politik stets und immer wieder seiner Theorie angepaßt, weshalb er ein lausiger Politiker gewesen, so wie er die ökonomisch-philosophische Theorie nur nach seinen eigenen vorgefaßten Ideen abgraste und alles weitere nonchalant beiseite ließ bzw. aufs äußerste diskreditierte. Es geht dabei letztlich immer um die Deutungshoheit über die Wirklichkeit. Marx‘ Deutungen liegen fast immer daneben; das beginnt mit der Hegellektüre (die im Übrigen nie stattgefunden habe, sondern wesentlich aus Sekundärquellen bestanden haben soll), erstreckt sich über die vielen hundert tagespolitischen Kontroversen bis hin zur Pariser Kommune und verschont letztlich auch die ökonomische Theorie nicht, da Marx zum einen nur selektiv von anderen abpinselte und ihm andererseits jeglicher persönlicher Einblick in das wirkliche Leben des Proletariers wie des Bourgeois fehlte. Allein in der politischen Intrige exzellierte er, auch wenn die Ergebnisse seiner cholerischen Hinterhältigkeit und eifersüchtigen Selbstvergottung selten den angestrebten Erfolg zeitigten.

Es bleibt also nicht viel übrig von diesem einstigen Riesen. Eine nützliche Demutsübung für alle, die in der Unfehlbarkeits- und „Klassiker“-Welt aufgewachsen sind, aber wohl schwerlich ein akkurates und ausgewogenes Bild des Mannes, dessen Werk die Welt veränderte.

Appendix:

Reinhard Marx: Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen. München 2010, 336 Seiten

Mit dem Wissen eines eifrigen Zeitungslesers führt der Kardinal in den Wirtschafts- und Finanzdschungel der Jetztzeit ein. Vokabular und Gedankengang changieren zwischen marktliberal – als Retter des Mittelstandes – und sozialdemokratisch – mehr Staat, wo der freie Markt zu frei sich gebärdet. Man könnte die Probe aufs Exempel machen und jemandem dieses Buch als Arbeit eines x-beliebigen abgehalfterten FDP-Vizes zu lesen geben und ich wette, ein Unterschied würde kaum bemerkt werden. Im Grunde ist Marx, Reinhard Politiker im überdrüssigen Sinne. Da wird appelliert, aufgerufen, gemahnt, Vorstellungen und Absichtserklärungen en masse abgegeben, um hier und da eine kleine Kurskorrektur anzuregen. Dass der Luxusdampfer Industriegesellschaft auf Katastrophenkurs ist, scheint er nicht zu bemerken, erwähnt es jedenfalls mit keiner Silbe. Stattdessen hagelt es Vorwärtsparolen, die Grundrichtung stimmt – und die Kirche ist mittendrin und feuert an. Und das von einem führenden Vertreter einer Religion, deren Gründungsdokument die radikale Dauerparole ausgab: Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe! Und: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.

Einer, der es auch radikal angehen wollte – „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst“ – war Marx, der richtige Marx, der große Marx, den der kleine Marx gern etwas piesackt, von dem er aber nicht viel verstanden zu haben scheint, wie ein beliebiges Beispiel belegen mag: „Der Kapitalismus ist für Marx in sich schlecht. Es gibt für ihn keine Rechtfertigung dieses Systems …“ – dabei hat Marx Zeit seines Lebens, und nach seinem Tode hat Engels das weitergeführt, jeden Fortschritt des Kapitalismus vehement bejubelt, den er nämlich für gesetzmäßig hielt und wissenschaftlich erkennbar, nicht moralisch betrachtet wissen wollte. Es genügt schon, nur das Manifest zu kennen, um diese Unkenntnis zu entlarven. Viel deutlicher wird an dieser Stelle, dass der kleine Marx den Kapitalismus für in sich gut und in jederlei Hinsicht für gerechtfertigt hält – und das sagt doch einiges über ihn, über sein Amt und über seinen Arbeitgeber!

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