Mit Kompaß zur Unterwerfung

„Ich hätte nie gedacht, daß ich mal mit so einer braunen Socke diskutiere.“ Seither mag ich ihn, der das gesagt hat. Ein Künstler, der sich aus Deutschland zurückzog, um hier in der Puszta in Ruhe arbeiten zu können und der „beengenden Atmosphäre“ zu entfliehen – wie ich auch, nur beengt mich anderes.

Vor ein paar Wochen gebe ich ihm Kleine-Hartlages Büchlein „Warum ich kein Linker mehr bin“ zur Lektüre – das ist in zwei Stunden erledigt. Bisher noch keine Reaktion. Stattdessen bringt er mir auch ein Buch: Mathias Enard: „Kompaß“, ein 400-Seiten-Wälzer.

„Wozu?“, frage ich ihn. „Ich habe zu Hause ungefähr zwölf Dutzend liegen, alle wichtig, die noch gelesen werden müssen. Warum das jetzt?“ Nun ja, „es ist schön“, es beschreibt die Abhängigkeit des Westens vom Osten, des Abendlandes vom Islam …

Eine meiner größten Schwächen: ich lese geschenkte und empfohlene Bücher in der Regel, auch wenn die Erfahrung das Gegenteil lehrt. Immerhin, eine kurze Recherche bringt ans Licht, daß Enard just dieser Tage den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ nebst 20000 Euro einstreicht. Das macht ihn interessanter. Und: Sein Buch wird im Feuilleton als Anti-Houellebecq gefeiert … Ein Vergleich bietet sich an.

Enard erzählt die Geschichte einer Nacht. Der Held kann nicht schlafen, ist liebes- und auch richtig krank, wie er fälschlicherweise glaubt, und hängt seinen Gedanken nach. Ein Schwächling, durch und durch, ein Akademikertyp, für den das Wort des „Afterphilosophen“, wie es Schopenhauer irgendwo prägte, erfunden wurde. Ein Musikwissenschaftler, der selbst kein Instrument spielt, unglaublich belesen und ideenlos. Aber in Liebe zu einer originellen und unruhigen Islamwissenschaftlerin, die letztlich nur ihr Seelenheil sucht. Gemeinsam bereisten sie vor langer Zeit Arabien in praxis und theoria.

In einem endlosen inneren Monolog – von einigen Brief- oder Geschichtenpassagen unterbrochen – fährt er die gemeinsame Vergangenheit ab und die spielte sich wesentlich im Nahen Osten oder in muslimischen Ländern ab. Dabei kommen die hundert- und tausendfachen Beziehungen und Querverbindungen zwischen Orient und Okzident zu Tage. Falsch: zwischen Okzident und Orient, denn ohne es vielleicht zu bemerken, scheint dieser Prozeß, folgt man Enard, nur in eine Richtung zu gehen. Der Westen war immer begeistert vom Osten – Goethe, Hammer-Purgstall, Balzac, Rimbaud, Bizet, Leopold Weiss … you name it – er diente ihm als Projektionsfläche, das eigene Begehren und Unbehagen an sich selbst zu veräußerlichen. Umgekehrt sieht Franz Ritter – den Namen muß man sich nicht merken –, der selbstverständlich links denkt und sehr leidempfindlich ist – das Leid der anderen und das eigene –, umgekehrt sieht er fast nur Export von Unterdrückung und Kolonialismus.

Hatte der Westen nicht mehr zu bieten oder waren die östlichen Gesellschaften nicht in der Lage oder nicht Willens, die offensichtlichen Errungenschaften des Westens anzunehmen? Und warum?  Derartige Fragen übersteigen Franz Ritters, alias Mathias Enards, Horizont.

Stattdessen läßt er sich larmoyant treiben, kommt von einem Thema zum anderen, wirft in den Topf der tausend Namen und Orte neue hinzu, als wolle er die Aufklärungstat der Enzyklopädisten rückgängig machen: zwar alles sammeln, aber doch alles zerstreuen, entsystematisieren. So entsteht ein chaotischer, labyrinthischer – das Vorbild Eco lugt überall durch – Selbstbedienungsladen, ein Verweisexzess, in dem es nur einen Wegweiser gibt, das Wort „Kosmopolitismus“, das immer wieder erratisch aus diesem Text herausragt.

Eine penetrant aufklärerische Arbeit – Fleiß Eins –, ein postmoderner und also verspäteter, ein New Age-Text, der in eine falsche Zeit verschlagen worden zu sein scheint. Was haben wir nicht in den 90er Jahren mit Begeisterung Georges Perec gelesen – aber was sollen wir heut mit einem kalten Verschnitt?

Ein informationsgesättigtes, wissenspralles Buch von erschreckender Harmlosigkeit, von an Dummheit grenzender Intelligenz – jeden Pfennig des „Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ wert! Die Engländer haben ein schönes Wort dafür: interesting!

Und das soll als Antidot zu Houellebecq dienen?

Schon die ersten Zeilen von „Unterwerfung“ weisen einen wahren Meister aus. Der Ich-Erzähler, ebenfalls ein Akademiker im Modus des Selbstzweifels – einige auffällige Parallelen sind vermutlich kein Zufall; Enard hat sein Buch tatsächlich als Gegenentwurf angelegt und sich komplett verhoben – leidet an seiner Existenz.

Mit weit weniger Aufwand gelingt es Houellebecq, die geistige Verbrauchtheit der französischen und also der westlichen Gesellschaft evident zu machen. Houellebecq ist ironisch, zynisch, klinisch, nicht nur äußerlich ein Wiedergänger Baudelaires und Célines,  und man kann verstehen, daß Beruhigungsleser frustriert sind.

Es ändert nichts an der glasklaren Analyse, die der Autor so trocken wie intelligent und unaufdringlich liefert: Der Westen ist leer. Humanismus, Humanitarismus, Globalismus, Universalismus, Konsumismus, Kommunismus, Feminismus, Utopismus und Säkularismus haben ihn ausgelaugt und verächtlich ausgespuckt.

Das universitäre System – welch kraftvolle Parodie! – dreht sich nur noch um sich selbst und hat einen Typus Mensch gezüchtet, der in intellektuellen Blasen schwebend nur noch auf Selbsterhalt des Systems bedacht sein kann; die haltgebenden sozialen Strukturen, die Familien, die Freundschaften, die lokalen Kommunen sind zerbrochen; das politische System korrupt, die Medien ideologisch gleichgeschaltet; die Kunst hat längst gesagt, was sagbar war, selbst der Sex versagt als letzte Sinngebung … und in diese Ödnis fließt der strenge und orientierende – „Orientierung heißt: den Osten finden“, meinte Enard – Islam ein und kann quasi widerstandslos übernehmen.

Dazu bedarf es einer Menge Rationalisierungen des Wirtslandes und Houellebecq hält uns den Spiegel gnadenlos vor und zeigt uns, wie das einstige Abendland diesen Weg schleichend bereits eingeschlagen hat. Genial die Dauerreferenz auf Huysmans. Sie und viele andere nicht aufdringlich aufgetragene Verweise garantieren auch den ästhetischen Genuß der „Unterwerfung“. Das wirklich mutige Meisterwerk an einer kommenden Realität, an seiner dystopischen Einlösung zu messen, wäre ein fataler Fehler.

Als ich meiner „linken Socke“ das Buch zurückgab, sagte ich zu ihm: „Du solltest als Gegengift Houellebecq lesen; nicht weil man Enard für gefährlich halten könnte, sondern weil die Journaille ihn uns als Gegengift zu ,Unterwerfung‘ darbot.“ Wird er es tun? Wir kennen die Antwort …

Wie sagte doch unser beider guter alter Marx: „Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“

Literatur:
Mathias Enard: Kompass. Berlin 2017
Michel Houellebecq: Unterwerfung. Köln 2015
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