Dritte Zündstufe der AfD

Gerade herrscht Narrenfreiheit in der Auslegung der Ergebnisse des Kölner AfD-Parteitages, der Frauke Petry als Gesicht der Partei durch Alice Weidel und Alexander Gauland ersetzte. Da mach ich mit!

Entgegen der zahlreichen Untergangsszenarien halte ich den Parteitag für einen gelungenen Befreiungsschlag. Bei den Hauptmedien ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens, der „Spiegel“ zweifelte sogar, daß die Fünf-Prozent-Hürde genommen werden wird. Freilich, bis September fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter und so manches Ereignis kann das Pendel in alle möglichen Richtungen ausschlagen lassen.

Im Moment jedenfalls, mit diesem Parteitag, hat sich die AfD, die heillos zerstritten schien, selber wieder alle Karten in die Hand geteilt – es käme jetzt darauf an, die Trümpfe klug auszuspielen. Dafür ist es notwendig, die Zahl der Mitspieler zu begrenzen und die Züge zu koordinieren. Am Ende wird es eine Disziplinfrage sein, ob die AfD eine relevante politische Kraft auf Bundesebene sein kann.

Die Leitmedien konzentrierten sich auf anderes: sie wollten überall Streit und Konflikte sehen. Besonders leid schien ihnen plötzlich Frauke Petry zu tun, die etwas verloren am großen Tisch saß. Daß sie dort saß, ist dagegen das Entscheidende. Das zeigt Größe und beweist ihr ehrliches Interesse am Schicksal des Landes, ganz unabhängig, was innere und äußere Gegner schrieben. Sie wird über diese Niederlage hinwegkommen, denn sie weiß und hat es durch ihre eigene Karriere bewiesen, daß Politik in lebendigen Parteien entscheidende Fehler bestraft.

Wie vor zwei Jahren für Luckes „Weckruf“, so wurde sie nun für ihr Strategiepapier, den „Zukunftsantrag“ und die unzeitige Differenzierung zwischen Fundamentalopposition und Realpolitik abgestraft. Das Papier bewies zweierlei: Petry hatte die Stimmung in der Partei nicht mehr richtig eingeschätzt, hatte den Kontakt zu den Mitgliedern und den Führungspersonen verloren, ob nun durch Intrige, wie Klonovsky unterstellte, oder durch eigenen Führungsfundamentalismus, sei dahingestellt.

Auch wenn sich die Presse an diesen scheinbaren Zersetzungserscheinungen ergötzte, darf man nicht vergessen, daß diese Prozesse in einer jungen Partei vollkommen normal sind. Man kann sie, wie bei Raketen, als Zündstufen beschreiben, man könnte sie auch klassisch dialektisch ansehen: Negation der Negation, Kampf und Einheit der Gegensätze und Umschlag von Quantität in Qualität.

Luckes AfD war die erste Zündstufe. Sein Verdienst war der Start, das Abheben, immer der heikelste Moment. Die Partei war damals noch wenig erkenntlich und also Projektionsfläche für allerlei Phantasien, Luckes inbegriffen. Wenn Lucke mit seinem Professorenimage und seiner erz-liberalen Vorstellung scheiterte, so beweist das nur, daß das Land keinen Bedarf für derartige Kopfgeburten hatte.

Petry gab der Partei neue Konturen und ein frisches Gesicht, etablierte sie als wirkliche Alternative. Aber noch immer waren die inneren Spannungen enorm. Diese vermehrten sich gesetzmäßig mit der Zeit. Anfangs wirkt so ein Führungswechsel reinigend, alle ziehen für einen Moment an einem Strang, aber nach und nach artikulieren sich die Einzelinteressen erneut, bilden taktische Bündnisse und Gegnerschaften, lösen sich wieder auf … werden hyperkomplex und sind irgendwann kaum mehr zu entwirren. Das ist der Moment einer Grundsatzentscheidung. Entweder es gelingt der Spitze durch irgendeinen Coup wieder alle auszurichten – das versuchte Petry gerade – oder aber die Spitze selber muß weichen, oder, um im Bilde zu bleiben, eine neue Zündstufe wird gezündet.

Gauland und Weidel sind die dritte Zündstufe und ihre historische Aufgabe wird es sein, die Partei in den Orbit zu schießen, sprich in den Bundestag und dort eine stabile Umlaufbahn einzunehmen. Auch unter ihrer Führung wird es mit der Zeit wieder zunehmend Konflikte und Komplikationen geben. Die Abstände bis zur nächsten Zündstufe sollten aber, sofern sich die Partei gesund entwickelt, länger werden. Irgendwann besteht theoretisch sogar die Gefahr der vollkommenen Verknöcherung, wie das etwa in der CDU der Fall ist, wo eine Gottkaiserin alle innerparteiliche Opposition durch das Gewicht ihrer historischen Bedeutung und das perfekte Einspinnen des Apparates in die Fäden der Kabale, Abhängigkeiten und der „Alternativlosigkeit“ erstickt.

Davon ist die AfD noch weit entfernt. Sie ist noch immer eine gärende Partei und der Druck von innen ist eine größere Gefahr als der Druck des dicken Hinterns eines mächtigen Führers.

Personell hätte die Wahl nicht besser ausfallen können. Ich halte Buddha Gauland schon seit langem für den politisch Begabtesten in der ganzen Partei. Das liegt sowohl an seinem umfänglichen gesellschaftspolitischen wie auch parteipolitischen Wissen. Die lange Politikerkarriere unterscheidet ihn von vielen AfD-Politikern und seine Theoriekenntnisse in Geschichte, Politik und Philosophie hat er verschiedentlich unter Beweis gestellt. Dazu zeichnen ihn ein gelassenes Temperament, ein souveräner Stil und ein angenehm ironisches Zwinkern aus.

Alice Weidel ist noch nicht recht einschätzbar. Aber als Frontfrau bringt sie alle Kriterien mit, um von den Menschen als sympathisch angenommen zu werden. Sie ist attraktiv – das ist nicht sexistisch, sondern der Schauwelt geschuldet –, sie vertritt einen liberalen Kurs, sie ist lesbisch (ein taktischer Vorteil) und sie tritt ebenfalls ruhig auf, auch wenn ihr – wie die Diskussion mit Boris Palmer zeigte – in schwierigen Situationen die Rhetorik noch versagen kann.

Am besten am Vorzeigeteam ist freilich der gelungene vereinende Kontrast: alt-jung, wertkonservativ-wirtschaftsliberal, Mann-Frau, hübsch-hübscher. Sollte es Gauland gelingen, sich auch noch ein neues Jackett anzuschaffen, dann könnten sie bald Superstars werden.

Allerdings liegt es nicht nur in eigenen Händen. Die Medien werden ein Wort mitzusprechen haben. Von keinem Leitmedium ist Sympathie zu erwarten. Im Gegenteil, sollte das Wahlvolk das Paar mögen, wird die Propagandamaschine wieder anlaufen. Der Name Boateng wird in Zukunft verstärkt zu vernehmen sein … Dieses Paradox wird die Partei aushalten müssen: Gerade erschien ein ausgiebiges und erschreckendes Buch – „Die Getriebenen“ – über das Versagen unserer Regierung, des Innenministers, der Kanzlerin, über die Angst vor der Entscheidung, das Zuschieben von Verantwortung und nichts passiert: sie machen weiter, ohne Reaktion, nirgendwo ein Ruf nach Rücktritt, die Presse genügt sich in kurzen Rezensionen … aber wenn ein Gauland ein Mal eine wichtige Aussage mit einem fragwürdigen Beispiel belegt, erregt sich die Journaille dauerhaft und wird es ihm noch auf den Grabstein schreiben. Dies zweierlei Maß wird bis auf weiteres weiterbestehen, insbesondere Gauland wird man in die ultrarechte Ecke schreiben wollen.

Die Presse wird weiterhin versuchen, einen Keil zwischen die „Fraktionen“, zwischen Partei und Wählerschaft zu treiben und sie tat es bereits, als der Parteitag noch lief. Da wurde Pretzell mit einem Alleingang in NRW zitiert – später mußte die Aussage zurückgezogen werden – und sogar Gaulands galanter Handkuß wird vom „Focus“ als „Demütigung“ uminterpretiert.

Das zeigt aber auch das Vabanque-Spiel der Medien: sie sind längst nicht mehr die erste Macht im Land und auch nicht mehr die vierte, die Verführung zur Unseriosität ist enorm. Zu viel Eifer und Geifer wird ihnen selbst schaden und könnte der AfD letztlich sogar nützen.

siehe auch: Ist die AfD eine PFGFIDSDG?

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3 Gedanken zu “Dritte Zündstufe der AfD

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Nur kurz (ich komme derzeit nicht viel zum Schreiben): Ihr Analyse finde ich treffend, das Bild gelungen. Tatsächlich scheint mir die AfD nach Köln besser dazustehen als zuvor. Auch hat der Parteitag die Lächerlichkeit (SPD) bis Brutalität der Gegner („Antifa“) nochmal vor Augen geführt; das könnte durchaus noch einmal manchen zu denken gegeben haben.
    Das Wichtigste scheint mir in der Tat, daß die AfD überhaupt in den Bundestag kommt, coûte que coûte; natürlich der notwendigen Opposition und des „agenda-settings“ wegen, aber auch, damit ich und andere sich ein besseres Bild von der Partei, ihrem Personal und ihrer Politik machen können.
    Um Frau Petry ist es mir ein bißchen leid, ich denke, da haben sie und ihre Partei sich gegenseitig etwas verschenkt, da geht etwas für den Wahlkapmpf verloren. Ihr Antrag war wohl zu unvorbereitet eingebracht, ohne die nötigen Mehrheiten im Rücken; zudem ist die Frage Opposition/Koalition derzeit noch völlig akademisch. Im Moment muß die AfD zufrieden sein, wie ein Magnet allein durch ihr Vorhandensein die anderen nach rechts zu ziehen, alles weitere ist unabsehbar. Die anderen Parteien müssen sich auch erst einmal an die AfD gewöhnen, das ist nicht anderes als bei kleinen Kindern, da ist das Geschrei bei unliebsamem Neuen erstmal groß. Auf eine echte Auseinanderstezung darf man da erst hoffen (rechnen nicht), wenn sie merken, daß die AfD nicht einfach von alleine weggeht.
    Womit man dann allerdings bei der trüben Schlußbetrachtung endet, daß tatsächlich, anderthalb Jahre nach der (unabgeschlossenen) Migrationskrise, zehn Jahre nach der (unabgeschlossenen) Eurokrise, eine öffentliche, ehrliche Diskussion über diese Probleme weiterhin nicht stattfindet, nicht stattfinden soll – man faßt es nicht.Und wenn dieses Wahljahr für mich etwas Unterhaltsames bereit hält, dann doch die Wahlkampfstrategie der CDU: da bin ich wirklich gespannt, womit sie aus dem Dilemma der Inhaltsleere, Beliebigkeit, Fehlerbeschönigung und Kanzlerinnennostalgie herauszukommen gedenkt…
    Genug für heute.

    PS: Ihr Wort von der „quasi-liberalen Vorstellung“ Luckes habe ich nicht ganz verstanden.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Ich mag seine Jacketts, und wenn ein ganz offenbar britisch Geprägter nichts Wesentliches über Sport und Fußballer weiß, behagt mir das sogar noch mehr. Nicht dass der Punkt nun bei Wahlen entscheidungsrelevant für mich wäre. Bei anderen könnten solche Dinge ins Gewicht fallen, weil sie etwa ein politisches orientiertes Urteil, das sie nicht zu treffen vermögen, hopplahopp durch eine Entscheidung ersetzen, die ihnen leichter als alles andere fällt: Ist der da mir sympathisch oder nicht?

    Die Häufigkeit solcher Entscheidungsgründe ist wohl der heikle Punkt in der demokratischen Politik, siehe schon den schönen Alkibiades. (Nichts gegen Timons Präferenz für ihn, die war schließlich bedacht.) Ein sehr geschätzter Freund hat mich vor der Wahl Schröder versus Kohl einmal belehrt, der eine spiele schließlich Tennis, während der andere gar keinen Sport betriebe, und dass das erste für ihn Modernität anzeige. Au weia!

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    • Als ausgewiesen Anglophiler mag ich die das englische-Karo-Sakko oder Tweed an sich auch. Aber, wie Sie schon sagen, Außenwirkung spielt eine Rolle, auch weibliche Ästhetik muß bedacht werden … Mir kommt Gauland vor wie Dylan Dog

      Der trug immer rotes Hemd und schwarze Jacke – davon hatte er jeweils 17 Stück im Schrank und sonst nichts.

      Es ist wohl so, Wahlen in postmodernen Zeiten werden wesentlich irrational und „tiefenpsychologisch“ entschieden. Wie Petry sagte, die meisten lesen wohl nicht mal die Programme. Das ist ein Wettbewerbsnachteil für die AfD, da die Medien die Inhalte meist nur verkürzt und auf Schlagworte heruntergebrochen (Frau an Herd, homophob, zurück in die Vergangenheit, islamfeindlich …) wiedergeben. Daher: appearance is everything aber auch: appearance is deceiving

      @ Kurt Droffe: „PS: Ihr Wort von der „quasi-liberalen Vorstellung“ Luckes habe ich nicht ganz verstanden.“

      Da gibt es nichts zu verstehen. War der heißen Nadel und der Verführungskraft der Alliteration geschuldet.

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