Glaubenstiefe und deutsche Härte

„Mit einem ägyptischen Handwerker … unterhielt ich mich zunächst über das literarische Alexandria“ – mit diesen Worten eröffnet Karl Heinz Bohrer eine kleine Nebengeschichte, die man in seiner gedankengesättigten Autobiographie schnell überliest, die jedoch typisch für Bohrers Herangehensweise an das Leben ist und die zudem eine aufschlußreiche Pointe beinhaltet.

„Als er dann mit der Überlegenheit der Muslime über Christen anfing, wurde es schwierig.“

Es sind wohl diese kleinen Beobachtungen, die – auch ohne politische Korrektheit – natürlich nicht verallgemeinert werden dürfen, die in ihrer Summierung jedoch wesentlich gewesen sein könnten, Bohrers Wandlung hin zum Konservatismus zu begründen. Tatsächlich hat ein Muslim – sofern er wahrer Muslim ist – an die Überlegenheit seiner Religion zu glauben; das schreibt ihm das Heilige Buch vor … und ist im Übrigen Kennzeichen aller ernstzunehmenden Religionen. Das sich säkularisierende Christentum ist in dem Moment zum Popanz geworden, als es sein Alleinstellungsmerkmal durch Propagierung der Totaltoleranz freiwillig aufgegeben hat. Norbert Bolz hatte das in seinem lesenswerten „Konsumistischen Manifest“ bereits vor 15 Jahren auf die schockierende Formel gebracht: „Religion, die es ernst meint, ist nicht tolerant. Deshalb kann sie von der Religion der Toleranz, also dem Liberalismus, nicht toleriert werden.“[1]

Darum sind Dekadenzerscheinungen wie der kleine Marx (Erzbischof Reinhard), der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm, ja sogar Papst Franziskus die letzten Totengräber beider Kirchen und Konfessionen. Die radikale Offenheit, die sie predigen, ist das Schlußkapitel. Sie sind die Vollstrecker der Utopie und des gutgemeinten Selbstbetruges des Lessingschen Aufklärungsstranges, die die Dialektik der Aufklärung nicht verstanden haben.

Bohrer: „Er pries die Deutschen: Das seien doch ernsthafte Menschen! Warum sind sie so gottlos geworden wie die Franzosen?, fragte er mich. Nachdem ich mich mit ihm über die moderne Veränderung der Religion unterhalten hatte, der sich auch der Islam aussetzen müsse, kam er nicht mehr wieder. Dabei war er ein so intelligenter Mann! Seine unabdingbare Religiosität, seine Zurückweisung jedes Arguments meinerseits waren umso irritierender. Er fühlte sich wohl von dem Deutschen verletzt, den er vor den übrigen Europäern in der Straße als möglichen Freund ausersehen hatte. Nicht weil wir Deutschen uns in der Kolonialzeit zurückgehalten hätten, sondern wegen der mir unterstellten Glaubenstiefe. Ich hatte ihn tief enttäuscht.“[2]

Immer wieder gelingt es Bohrer quasi im Vorübergehen die großen Konflikte unserer Zeit anzustechen. Diese fünf, sechs Sätze enthalten ein ganzes Problemarsenal.

Tatsächlich werden „die Deutschen“ von den muslimischen Zuwanderern a priori mit einer Menge positiver Klischees belegt. Man liebt – das bestätigen auch meine Gespräche mit „Refugees“ – an den Deutschen die Kraft zur Verinnerlichung, man liebt die Strukturiertheit – Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit, funktionierende Systeme – und man liebt die „starken Männer“ der Geschichte.

Es wäre interessant, herauszufinden, woher diese Mißverständnisse stammen. Im Falle der „starken Männer“ ist es eindeutig. Insbesondere Hitler genießt hohes Ansehen, wie auch „Mein Kampf“. Zum einen natürlich, weil er das in die Tat umsetzte, was latent in vielen muslimischen Kulturen gewünscht und in einigen Gebieten auch aktiv betrieben wird: die Vernichtung der Juden, dann aber auch, weil sein „eiserner Wille“ eine „Vision“, eine „transzendente Aufgabe“ – die man schnell mit der Mohammeds vergleichen kann, nämlich ein „Volk“ oder einen Glauben – mit Macht und ohne Rücksicht auf Verluste und auch unter Selbstaufopferung durchzusetzen, offenbar beeindruckt. Immer wieder entdeckt man die Freude an der Autorität und im Falle der Syrer scheint sich das auch auf Assad übertragen zu haben. Sie hassen ihn nicht wegen seines diktatorischen Stils, sondern weil er unmittelbar für die Ermordung von Glaubens- und Clangenossen verantwortlich ist.

In mehreren Gesprächen konnte ich eine vollkommene Unkenntnis und auch ein Unverständnis der deutschen Geschichte feststellen. Ein Luther, ein Reformator ist ihnen unbegreifbar geblieben. Dagegen genießt der Name Bismarck einen guten Klang – auch an ihm dürfte das Attribut „eisern“ das attraktivste sein. Man kann sogar die Hypothese wagen, daß ein Teil der anfänglichen Merkel-Begeisterung unter den Migranten einer Wahrnehmung als „eiserne Kanzlerin“ geschuldet gewesen sein könnte, war sie es doch, war es letztlich erneut Deutschland, das sich gegen alle anderen Staaten mit einer einsamen, aber unangefochtenen Entscheidung, also mit Macht, durchsetzte. Unter dem ausdrücklichen Schutz einer solchen Machtperson zu stehen, mußte äußerst attraktiv erscheinen.

Einen viel subtileren Punkt spricht Bohrer mit der unterstellten „Glaubenstiefe“ und „Ernsthaftigkeit“ an. Hier kann ich nur spekulieren. Es könnte erneut der feste Glaube an eine Sache, an den Sieg, die eigene Überlegenheit, das „Deutschland, Deutschland, über alles“ gemeint sein, aber es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich der Hang zur Verinnerlichung, der sich in der deutschen Geschichte von der Mystik über die Romantik bis hin zu Heidegger oder der Metaphysik erstreckt, als Klischee bis in den Nahen Osten herumgesprochen hat. Davon wissen diese meist ungebildeten Menschen natürlich nichts Konkretes, aber als „Gefühl“, „Stimmung“ oder „Begriff“ mag es durchaus verbreitet sein. Bohrers Begegnung mit dem Ägypter jedenfalls weist in diese Richtung.

Es ist nicht auszuschließen, daß dieses untergründige „Wissen“ – neben der offensichtlichen materiellen Anziehung – einen Teil der Attraktion Deutschlands ausmacht. Daß dieses Verständnis historisch hundert Jahre oder mehr hinterherhinkt, diese bittere Erfahrung müssen die Millionen Männer nun im Asylchaos und in langen von Langeweile und Nutzlosigkeit aufgezwungenen „Meditationen“ machen.

Heute darf man Bohrers Sätze wohl in der dritten und ersten Person Plural  lesen: „Sie fühlten sich wohl von den Deutschen verletzt, die sie vor den übrigen Europäern in der Straße als mögliche Freunde ausersehen hatten … Wir hatte sie tief enttäuscht.“

[1] Bolz, Norbert: Das konsumistische Manifest. München 2002, S. 28; Bolz fährt fort: „Man sollte sich hier nicht von der humanistischen Seminarerfahrung der Religionswissenschaftler und der politischen Korrektheit der Politiker irreführen lassen, die uns heute unisono einreden wollen, der Islam sei eine Religion des Friedens. Eine Religion predigt Toleranz, solange und wo sie nicht an der Macht ist. Und umgekehrt ist Macht immer ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muß. Ich bin immer dann tolerant, wenn meine tiefsten Überzeugungen nicht berührt werden, und ich bin immer dann kompromißbereit, wenn ein Sieg unwahrscheinlich ist.“ (ebda.) – Religion meint hier „richtige Religion“, gerade nicht die kleine-Marx-Variante.
[2] Bohrer, Karl Heinz: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Berlin 2017

siehe auch:

Bohrer jetzt!

Die Verteidigung des Fremden

Konservatismus und Differenz

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