Das Rätsel Ungarn

Wer glaubt, Ungarn sei das gelobte Land, der irrt!

Es ist viel schwerer, an die Problemzonen eines Landes heranzukommen als die positiven Differenzen zu bemerken. Der andere Umgang mit der Geschichte, der Erinnerung, der Tradition, der Nation, mit den Kindern, mit der Einwanderung, die anderen Sitten, Gebräuche und all das wurde hier bereits thematisiert. Man könnte meinen, die Ungarn seien wunschlos glücklich. Weit gefehlt!

Es rumort im Volk, soweit ich sehen und hören kann. Davon erfährt man in den staatlichen Medien nicht viel und die Gegenseite ist leider auch nicht vertrauenswürdig. So hat sich etwa der bedeutsame  „Pester Lloyd“ – „Unabhängig, Pluralistisch, Traditionsreich“ – eine Zeitung mit langer Tradition, heute übrigens nur noch als Online-Version zu haben, zu einem monothematischen Orbán-Bashing-Schmierblatt gewandelt. Dazwischen gibt es nichts: entweder Hagiographie oder Haß: Orbán ist immer das Zentralgestirn.

Fragt man die Menschen auf der Straße, dann erfährt man schnell Ernüchterung. Man will nicht reden. Die Leute meiden Politik. Aus Erfahrung, schlechter Erfahrung. Denn die Politik spaltet bis in die Familien hinein. Auch hier scheitern Ehen, Freundschaften und Familien an politischen Meinungsverschiedenheiten.

Auch zum Nationalfeiertag, dessen Hohelied hier gesungen wurde, gab es gegenteilige Reaktionen: während Orbán seine Rede hält, die im TV übertragen wurde, gibt es im Publikum Diskussionen und Rangeleien.

Hinzu kommt ein tief verinnerlichter Rückzug ins Private. Erforscht man die Ursachen, dann wird schnell der Kommunismus zitiert. Damals ging es den Ungarn phasenweise zwar recht gut – zumindest verglichen mit anderen Ostblockländern –, man konnte jedes dritte Jahr auch ins westliche Ausland reisen, aber der Preis war hoch: man mußte die Klappe halten. Dieses Verhalten, das durch eine jahrhundertelange Geschichte der Demütigung ohnehin schon reichlich Nährboden fand,  steckt tief in den Menschen und führt zugleich zu einer Art Scham, die sie noch verschlossener macht.

So ist es mir bisher kaum gelungen, irgendwo „an die Substanz“ zu gelangen. Alles bleibt freundliche Oberfläche, selbst im privaten Umfeld. Man muß ein bißchen tricksen.

Das tat ich, als ich vor ein paar Wochen im Englisch-Konversationskurs die offizielle Übersetzung der Rede Orbáns zur Lage der Nation vom 11. Februar zum Thema machte, sprachlich natürlich, aber doch auf Inhalte hoffend.

Bereits die Ankündigung stieß auf Abwehr. Man interessiere sich nicht für Politik und könne sowieso nichts ändern. Die üblichen Standardsätze. Aber schon wurden die Köpfe rot, der Druck war sofort zu spüren, ich mußte kühlen, um die Diskussion auf die kommende Woche verlagern zu können.

Wie immer hatte ich zu hohe Erwartungen. Eine eigentlich inhaltliche Debatte kam nicht zustande. Aber die Damen begannen immerhin, frei von der Leber weg zu reden, was nicht selbstverständlich war, sind bei vier Personen eben auch vier oder zwei Meinungen möglich und einen Bruch der Gruppe wollte ich natürlich vermeiden.

Orbán lügt, meinen die meisten. Alle ungarischen Regierungen haben bisher gelogen. Überall gebe es Korruption und Vetternwirtschaft. Es wird in großem Umfang gestohlen. Ein Bauingenieur berichtet von Materialdiebstählen bei Brückenbauten, die dann improvisiert weitergebaut werden. Im Büro, erzählt eine Bankangestellte, meide man Politik um des Betriebsklimas willen. In einigen Firmen ist es regelrecht verboten. Alles drehe sich ohnehin um Budapest – Ungarn ist Budapest; hier in der Provinz komme nicht mehr viel an (was zumindest dem Augenschein widerspricht).

Zwar steigen die Löhne stetig, aber erstens auf geringem Niveau und zweitens kaum noch, wenn man die Preissteigerungen einbezieht. Das Durchschnittsverdienst betrug letztes Jahr 562 Euro Netto. Der Mindestlohn liegt bei 333 Euro – davon könnten wir nicht einmal unsere Miete bestreiten.

Viele Arbeiter hätten nur Zeitverträge, die jeden Monat neu abgeschlossen werden, womit den Menschen die Sicherheit fehle, sie erpreßbar mache und zugleich die Statistiken geschönt werden. Viele gehen ins Ausland, Deutschland und Österreich und oft arbeiten sie dort schwarz. Eine Nachbarin arbeitet in Dreiwochenrhythmen als Pflege in Österreich, eine meiner Teilnehmerinnen ist gerade abwesend, weil sie in England eine ältere Dame rund um die Uhr betreut und dafür 500 Pfund die Woche bekommt. Sie arbeitet zwei Wochen und ist zwei Wochen zu Hause …

Und in der Tat: es gibt in Ungarn Armut, richtige Armut. Man sieht diese heruntergekommenen, oft ausgemergelten und verbrauchten, von Alkohol und Nikotin aufgezehrten Menschen in der Regel kaum. Nur beim wöchentlichen Trödelmarkt bekommt man einige zu sehen: sie kaufen und verkaufen jämmerliche Habseligkeiten zu lächerlichen Preisen. Man muß in die Plattensiedlungen gehen oder einige Vororte und dort kann es, wie man erzählt, auch einmal ungemütlich werden, vor allem in den Straßenzügen, in denen die cigány leben.

Als wollte man das Klimabild bestätigen, wurden wir in unserer Diskussion unterbrochen. Ein junger Mann mit Kamera betrat das Zimmer, um einen kleinen Werbefilm für die Sprachschule zu drehen. Augenblicklich erstarb das Gespräch. Wir wollten das Thema wechseln, da zog eine Teilnehmerin einen Artikel aus der Tasche, der just einen Islam-Vortrag eines ägyptischen muslimischen Professors thematisierte, der ausdrücklich vor dem Islam in der westlichen Gesellschaft warnte und Europa in 50 Jahren verloren sieht. Wir kamen vom Regen in die Traufe. Die Situation konnte mit einem Witz gerettet werden: Let’s talk about flowers.

Aber auch diese Szene scheint mir signifikant. Innenpolitisch ist Orbán äußerst unpopulär. Trotzdem wird er gewählt. Was alles zusammenhält ist die Migrationspolitik. Die Ungarn wollen, zumindest die älteren Generationen, in der Mehrzahl wesenhaft unter sich bleiben, sie fürchten vor allem islamische Zuwanderung und solange diese Möglichkeit besteht, wird man Orbán wählen. Auch die zerstrittene und kraftlose Opposition bedient weitestgehend diese Aversion. Dem stimmte übrigens auch der ägyptische Philosoph bei: Aki európaiként áttér az iszlám hitre, az buta! – Ein Europäer, der zum Islam übertritt, ist dumm!

So lautete denn meine vorletzte Frage: Wen würdet ihr jetzt wählen? Man wisse es nicht, nur die Lehrerin würde trotz allem Fidesz wählen.

Die letzte: Wenn man die letzten vier Jahrzehnte Revue passieren ließe, welche Phase war die beste von allen? Langes Abwägen – am Ende wohl doch die jetzige oder zumindest Orbáns erste Jahre.

Rätsel über Rätsel – ich bleibe dran.

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3 Gedanken zu “Das Rätsel Ungarn

  1. Kopfrechner schreibt:

    Vor Jahren durfte ich dienstliche Reisen vorwiegend mit der seinerzeit günstigen Fluglinie Malév Hungarian Airlines unternehmen, Umsteigen in Budapest.
    In einer der kostenlos ausgelegten Zeitungen fand ich damals den mich verstörenden Hinweis, dass die Selbsmordrate in Ungarn die höchste in Europa sei.
    Nun muss selbstverständlich jede „Statistik“ genau hinterfragt werden: wie lauten die genauen Definitionen, was ist der Betrachtungsgegenstand etc. Dass es aber einen deutlichen Unterschied zwischen D und H geben mag, zeigen diese Daten, die sich auf das Jahr 2013 beziehen:
    de.statista.com/statistik/daten/studie/248379/umfrage/anzahl-der-suizide-in-ausgewaehlten-laendern-nach-geschlecht/

    Haben Sie Dank für Ihre stets lesenswerten Beiträge!

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    • Die hohe Selbstmordrate ist seit je ein seltsames Phänomen in Ungarn. Der Pester Lloyd schreibt populistisch „Orbán ist tödlich

      Doch so einfach ist das nicht. Schon in den 90er Jahren fand man in Reisebüchern die hohe Suizidrate erwähnt und in den 20er Jahren, nach dem Trianon-Vertrag war sie ebenfalls sehr hoch.

      Da spielt also wohl eine völkerpsychologische Komponente eine Rolle, deren Herkunft man debattieren kann. Mir ist nichts bekannt, wo das bereits geschehen sein könnte. Für Hinweise bin ich dankbar!

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Scherzhafte Erklärung eines befreundeten Linguisten: „Die Ungarn haben halt niemandem, mit dem sie reden können.“ (Er spielt natürlich auf die finno-ugrische Sprachinsel inmitten von indogermanischen Sprachen an.)

        Hohe Suizidrate rührt meist von geringer sozialer Einbindung, es gibt da sehr starke Unterschiede zwischen Gegenden mit vorwiegend Groß- und Kleinfamilien, eine hohe Scheidungsrate tut auch ihren Teil usw. Es gibt dazu eine frühe soziologische Studie von Émile Durkheim.

        Sarkastisch gesagt: Wenn man den ganzen Tag von anderen Menschen umgeben ist, dann lassen die einen ja gar nicht …

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