Gott ist tot! Was nun?

Einwanderung ist kein Zuckerschlecken. Sie schafft unendlich viele Probleme; die meisten davon werden öffentlich nie diskutiert.

Kürzlich lief mir S., ein Araber, über den Weg, den ich, wie die anderen, Oktober 2015 kennen lernte. Wir kamen schnell ins Gespräch – er hatte ein offensichtliches Bedürfnis danach. Anders ist nicht zu erklären, daß er direkt auf seine zentrale Schwierigkeit zu sprechen kam.

Er hat Gott verloren! Er kann nicht mehr an diesen Allah glauben. Er ist kein Muslim mehr. Mohammeds Prophetentum war ihm zweifelhaft geworden und damit der ganze Koran. Schnell waren wir in Koranauslegungen vertieft. In Kürze ging es um die inneren Widersprüche der Schrift, konkret um die vielfach angekündigte Strafe Allahs, die all jene ereile, die nicht an ihn glaubten, die nicht nach seinen Geboten lebten.

Strafe im Hier und Jetzt, im Diesseits!

Das entspräche nicht der Realität: Gute Menschen und schlechte Menschen – man kann sie nicht an ihren irdischen Erfolgen messen. Bösen geht es gut, Guten geht es schlecht, ganz anders als von Mohammed beschrieben. Und so seit Jahrhunderten … Und wenn eine Unwahrheit im Koran steht, dann ist das gesamte Buch unwahr, dann kann er es der junge Mann nicht mehr als Offenbarung verstehen. Und so geht es vielen.

Wirklich bedenklich aber ist dies:

Ich bin der erste und einzige Mensch, mit dem er darüber sprechen kann. Vor den Freunden muß er es verschweigen, die Familie könnte es noch nicht mal verstehen und dem Imam wäre es eine große Sünde. So ist er seit Wochen und Monaten allein mit seinen quälenden Gedanken. Er bräuchte eine spirituelle Betreuung … Ich kann sie ihm nicht geben, aber selbst die zwei Stunden „Beichte“ und Gespräch erleichtern ihn sichtbar. Er müßte einen arabisch sprechenden, korankundigen, offenen Gesprächspartner haben, um all die feinsinnigen theologischen und sprachlichen Differenzen aufzudröseln. Denn natürlich zweifelt er auch an seinem neu gewonnenen Verständnis … Aus Gewohnheit betet er noch, aber ohne Glauben und als Rollenspiel besucht er die Moschee am Freitag …

Seinesgleichen bräuchte auch eine psychologische Betreuung. Die innere Spannung ist sichtbar, seine Augen glühen und seine Rede ist laut und gestenreich. Er hat seine Identität verloren – noch ist die Stelle unbesetzt. Allerdings: er scheint ein gefestigter Charakter zu sein. Ich frage ihn, ob er die Erkenntnis als Befreiung oder ob er sie ängstlich wahrnimmt. Es ist beides, das Befreiungserlebnis überwiegt.

Wäre dies auch passiert, wenn er in Damaskus geblieben wäre? Das sicher nicht! Nicht, wie ich vermute, die Konfrontation mit einer anderen Kultur sei der eigentliche Auslöser gewesen, sondern das Alleinsein. Seit er seine wissenschaftliche Arbeit verlassen habe – die ihn voll und ganz ausfüllte –, seit er hier in Deutschland fast keine gleichwertigen Gesprächspartner mehr hat, lebt er nach innen ein eremitisches Leben. Die Gedanken beginnen zu kreisen, die Fragen tauchen plötzlich auf, der Halt am Glauben, am Koran wird rutschig … Zweifel! Und niemand da, mit dem man reden kann. Es gab Momente des halben Wahnsinns – jetzt sei er da durch.

Wie viele aber haben nicht die Stärke, eine derartige Existenzkrise zu durchstehen? Wie viele mögen insgeheim ähnliche Gedanken hegen oder vor sich selbst verstecken? Wie soll ein Mensch das durchhalten?

Sie ahnen nicht, wenn sie kommen, was es wirklich bedeutet.

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3 Gedanken zu “Gott ist tot! Was nun?

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Einen Halt suchen sehr viele auch hierzulande, und wäre es um den gängigen Preis, sich dazu selbst betrügen zu müssen. Typische Formeln:

    * Das kann gar nicht anders sein, das wäre ja sonst schlimm.
    * Wenn ich so zweifeln würde wie du, könnte ich nicht leben.
    * Jeder hat seine Wahrheit, und diese hilft mir.

    Mir persönlich ist es völlig uneinsichtig, wie man den eigenen Wunsch, dass etwas der Fall sei, derart deutlich erkennen und aussprechen kann – und wie man im Lichte dieser Selbsterkenntnis dennoch weiter auf die wackligen Stützen des Gewünschten setzen will.

    Die inzwischen sehr häufig anzutreffenden hysterischen Formen der Zweifelsabwehr in Sachen Zuwanderung, Europapolitik, Moralität des politischen Handelns der „Eigenen“ beruhen wohl größtenteils auch auf dem empfundenen Bedürfnis nach einer rosafarbenen Welt und sind nur selten Ausdruck von bewusstem opportunistischem Konformismus, der doch immerhin wenigstens zweckrational sein könnte. Stecke ich den Kopf in den Sand, habe ich keinen Grund mehr, mich zu ängstigen.

    Manche ob ihres neuerweckten Zweifels Verunsicherten kann man mit dem Argument beruhigen, dass durch ihren neuen Unglauben sich in der umgebenden Welt rein gar nichts geändert hat. Nur der bemalte Vorhang vor ihr ist weggezogen, und zieht man den zurück, dann macht sie das hinter ihm auch nicht wieder besser. Zuweilen hilft das.

    Ihr Bekannter hat wohl dank einer Grenzsituation à la Jaspers (Alleinsein, Verlust des betäubenden Tätigkeitsrahmens) eine individuelle Entwicklung genommen, für die eine Gesellschaft gewöhnlich ein paar Jahrhunderte braucht, und selbst dann bleiben noch viele zurück. Er verdient Lob und Montaignes Essais auf das Nachttischchen.

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    • Montaigne – ich mußte lachen! Ja, das wärs – aber in welcher Übersetzung?

      Das Beispiel zeigt, daß die Hürden noch viel höher sind. Zwar hat er – wie es aussieht – jene Entwicklung im Schnelldurchlauf genommen, für die die Gesellschaft Jahrhunderte benötigte, aber eben nur im destruktiven Bereich, im Land des Verlustet. Was sie sich währenddessen erworben und erarbeitet hat – Montaigne z.B. – bleibt als positive Aneignung wohl nur den wenigsten vorbehalten.

      Wie viele Deutsche lesen Montaigne? Zwei Prozent, fünf? Wie viele Zugewanderte werden überhaupt nur in der Lage dazu sein?

      Lob war zu viel verlangt, aber ich konnte immerhin bestärken und auch auf meine kleine Existenz verweisen, die sich seit Anfang an auch ohne diesen Schleier irgendwie über Wasser hält.

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