Ich, ein anderer

Jemand fragt hier erstaunt, weshalb ich mich so ins Ungarische stürze (was ohnehin übertrieben ist), in die Sprache, aber vor allem in die Kultur und Geschichte?

„Das“, antworte ich, „habe ich immer getan, wenn ich längere Zeit im Ausland war. Ich wollte dann mein Deutschsein klein halten, wollte Italiener, Engländer, Däne werden und über die Literatur auch Norweger. Ich würde sogar Türke oder Araber werden wollen, wenn es notwendig wäre.“

Mein Gegenüber schaut mich erstaunt und fast ein wenig erschrocken an. Er schüttelt den Kopf. „Aber die Ungarn? Dieser ganze Nationalismus und das Getue um das erlittene Unrecht und das Traditionsgespiele?“ Daß er ein Linker ist, muß man nicht erwähnen.

„Siehst du“, nehme ich den Faden auf, „das unterscheidet uns. Ihr urteilt, wir begrüßen und akzeptieren und lernen und schauen.“

Wenn ich in Ungarn lebe, dann esse ich Ungarisch, dann lese ich die ungarische Literatur, dann höre ich die Musik, dann interessiere ich mich für die Politik und Geschichte, dann folge ich dem ungarischen Fußball, dann sehe ich auf die Kleidung, achte auf die Bewegungen, studiere die Physiognomien, die Mimik und Gestik und erfreue mich an den schönen Mädchen und den interessanten Frauen – die ganz anders sind als anderswo. Ich will – für diese Zeit – nicht auf einer deutschen Insel leben, ich will mein Deutschsein ablegen, in eine andere Identität schlüpfen, will – soweit das eben geht – Ungar werden …“

„Aber geht das denn?“, fragt er. Und: „Ich dachte, du bist so ‚stolz‘ auf das Deutsche?“

„Ich habe es ja schon mehrfach probiert“, antworte ich. „Ja und Nein. Man bleibt, was man per Geburt und Erziehung ist. Was es heißt, deutsch zu sein, habe ich im Ausland erfahren. Meine Heimat zu lieben – was man auch mir abzuerziehen versuchte – lernte ich in der Fremde.  Und dennoch: ja, ich fühle auch italienisch, englisch, nordisch. Ich liebe auch diese Länder und kenne die Sehnsucht nach ihnen. Seither will ich, daß sie bleiben, was sie waren und sind: Sie selber!“

Ihr, ihr Linken aber, die ihr für die „Freiheit und das Glück jedes einzelnen Menschen“ einzutreten vorgebt, versteht die Freiheit und das Glück ganzer Völkerschaften nicht mehr …

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