Was macht wirklich glücklich?

Alle Jahre wieder, wenn der World Happiness Report erscheint, grübeln deutsche Journalisten darüber nach, weshalb wohl stets die Skandinavier gewinnen und die glücklichsten Menschen stellen? Dem Wundern ist auch die Frage eingebaut: Warum nicht wir, die Deutschen, wo es uns doch seit Monaten und Jahren wirtschaftlich immer besser geht, wo die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen, die Renten sicher sind und nun sogar noch menschliches Gold importiert wird, wo alles bunter und aufregender wird?

Die zweite Frage beantwortet sich durch das selbstgebaute Lügengebäude, die erste Frage ist die interessantere.

Bei den Norwegern, die 2017 den Dänen das oberste Treppchen vor der Nase weggeschnappt haben, scheint die Lage einfach – zumindest darf man es sich, wie beim „Focus“, als Journalist einfach machen: Norwegen ist reich. Es hat grandiose Natur, es hat Öl und es ist schuldenfrei.

Daß es eine Korrelation zwischen materieller Absicherung und Glücksindex geben muß, ist evident: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ und alles andere. Trotzdem sind die Norweger weder die Reichsten noch haben sie privilegierten Zugang zu grandioser Natur. Kanada, Schweden, Neuseeland, Schottland … nein, Fjorde und Berge genügen nicht. Und Öl oder Bodenschätze auch nicht, dann müßten die Staaten der Arabischen Halbinsel weiter oben landen.

„Glücksgefühle werden im Belohnungszentrum des Gehirns ausgelöst. Das gilt für Norweger wie für uns Deutsche gleichermaßen. Das kann durch Sex, Essen und Sport geschehen“  – wird weiter herumgestochert. Müßten dann nicht die Franzosen oder die Italiener, die alle ganz stolz auf beides – ihre Küche und amore – sind, viel besser abschneiden? Also muß der Sport herhalten und die damit verbundene „Gelassenheit“. Niemand kann mir erzählen, daß die Skandinavier sportbesessener wären als die Deutschen und in Fragen der Gelassenheit pilgert man noch immer nach Indien – und überhaupt ist Gelassenheit oftmals erst mit der Abwesenheit von Reichtum (der Verlustängste schafft) zu haben.

Nein, unser Schreiberling ist von Blindheit geschlagen. Er sieht nicht, er will nicht sehen, was die Skandinavier so besonders macht. Oder doch: Er sieht es unter umgekehrtem Vorzeichen, unter falschem Bewußtsein und trägt es negativ als typisch deutsche Belehrung vor: „In einer Hinsicht wünschte ich mir, daß die Skandinavier von uns Deutschen lernen würden – in Sachen Gastfreundschaft, die ja ebenfalls viel Glück versprühen kann. Laut einer Umfrage der Organisation Internations (sic!) ist es in keinem Land der Welt für Fremde schwieriger, Freunde zu finden, als in Dänemark.“

Abgesehen davon, daß das Nonsens ist, ist es auch noch falsch und zeugt von mangelndem historischem Verständnis. Zum einen gibt es da in Skandinavien den faszinierenden Begriff des „Janteloven“, des „Gesetzes nach Jante“. Dieser Begriff geht auf den dänisch-norwegischen Autor Aksel Sandemose zurück, der in seinem Roman „En flyktning krysser sitt spor” (Ein Flüchtling kreuzt seine Spur) einen ausgesprochen weit verbreiteten und gleichmacherischen Verhaltenskodex beschreibt, der alles Exzellieren untersagt. Demnach bewachen die Skandinavier einander eifersüchtig und stutzen jede Individualität durch soziale Ausgrenzung zurück. Glück sieht anders aus.

Aber auf der zweiten Ebene – vorausgesetzt, das Janteloven beschreibt Realität – leistet es etwas Positives. Es stärkt die Gemeinschaft! Und das ist das wahre Glücksrezept der Skandinavier!

Sie fühlen sich als Verbund, als Familie, als nationales Kollektiv. Sie haben eine sehr stark ausgeprägte nationale Identität. Sie lieben ihre Kultur, haben einen festen Kulturkanon, sie singen gemeinsam ihre Lieder, vergewissern sich ihrer Geschichte, sie vergöttern ihre Flagge, sie lieben und pflegen ihre Sprache … sie lieben es, unter sich zu sein. Es gibt sogar ein Wort dafür: Hygge.

Glücklich ist man, wenn man dazugehört. Dazugehört man, wenn man organischer Teil einer Gemeinschaft ist …

Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet die großartige und weit ausgefächerte skandinavische Literatur den Kollektivroman hervorgebracht hat, der neben der Einsiedlerliteratur den zweiten großen originellen Zweig darstellt, sowohl in der Hochliteratur als auch im populären Bereich. Allen voran Hans Kirk, dessen Kollektivromane in Dänemark die am meisten verkauften Bücher aller Zeiten sind. Oder William Heinesen, der große färøische Autor, der mit „Den sorte gryde“ und „Noatun“ großartige Kollektivromane geschrieben hat. Ob Julius Bomholts „Længsel“ oder Knuth Beckers epische Großwerke, ob Johan Skjoldborgs Bauernmystik oder Hans Scherfigs marxistische Gesellschaftsanalysen, ob Martin Andersen-Nexøs proletarische Romane oder Jacob Paludans Untergangsszenarien … sie alle beschrieben nationale Kollektive und selbst die Individualisten, Existenzialisten, Surrealisten wie Herman Bang, Gustav Wied, Tom Kristensen und andere, ja selbst der moderne dänische Weltbestseller – wie Carsten Jensens „Vi, de druknede“ – stehen in dieser Tradition. (Zu alldem habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet.)

Selbst die populäre Kultur ist kollektiv. Lise Nørgaard kennt in DK jeder. Sie hat, neben zahlreichen Büchern, das Drehbuch für die bedeutendste Fernsehserie „Matador“ geschrieben, in dem das dänische Kollektiv als Verbund aller Gesellschaftsschichten gefeiert wird. Die 24 Episoden werden alle paar Jahre komplett ausgestrahlt und schlagen jedes Mal alle Zuschauerrekorde; jeder Däne kann die Zentralaussagen herbeten. „Huset på Christianshavn“ (dt.: „Oh, diese Mieter – genau deshalb in der DDR ein Riesenerfolg) oder die späteren „Krøniken“, „Borgen“ und andere spielen alle auf diesem Thema und gerade läuft „Badehotellet“ mit großem Erfolg.

Der Urvater dieser ganzen Entwicklung ist kein geringerer als der Norweger Knut Hamsun, den man in Deutschland fast nur noch als „Nazi“ kennt!

Aber das sind Erzählungen aus einer untergegangenen Welt. Wer die skandinavische Presse verfolgt – die mittlerweile fürchterlich einströmig agiert – der sieht: es vergeht kein Tag, an dem nicht über Kriminalität, Bandenkriege, Sozialbetrug, Integrationsverweigerung, Segregation, Standardverlust, Gettoisierung, Kopftuch, Frauenunterdrückung, Islamisierung, Radikalisierung, demographischen Wandel … gesprochen wird. Die skandinavischen Gesellschaften beginnen zu zerfallen. Nicht, weil man nicht gastfreundlich wäre – kein anderes europäisches Land bietet den Migranten so viele Chancen –, sondern weil man an die natürlichen Grenzen der kulturellen Verträglichkeit stößt. Schwedens Entwicklung auf dem Glücksindex zeigt das an: 2007 zweiter Platz, 2012 fünfter und nun, 2017, nach der großen Sause, Platz 10.

Glück ist relativ. Sein Gegenteil ist Unglück.

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Ein Gedanke zu “Was macht wirklich glücklich?

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Nur eine kleine Bemerkung: Ich hatte das Vergnügen, vor einigen Jahren mit einem Freund ein tolles Wochenende in Uppsala zu verbringen, bei einer Art Universitäts-Sause. Eingeladen im Kreis seiner dortigen Kollegen und deren Freunde war es für diese ganz selbstverständlich, beim Mittagessen nach einem kleinen Schnaps gemeinsam ein schwedisches Lied zu singen (Melodie von „Oh Tannenbaum“). In Deutschland unter Akademikern (!) undenkbar. Höchstens praktiziert bei Burschenschaften. Und schon deshalb verdächtig..

    Gefällt 1 Person

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