Ist die AfD eine PFGFIDSDG?

oder: Alter Wein in neuen Schläuchen

Niemand hatte im letzten Jahr mit zwölf-, fünfzehn und gar 24-prozentigen Tsunamiwellen gerechnet. Aus dem Stand war die AfD ein politischer Riese geworden – zumindest auf dem Papier, zumindest in Zahlen. So verständlich die Freude bei den Anhängern war, so gefährlich ist das Ergebnis gewesen. Es schien nur noch aufwärts gehen zu können – und plötzlich droht man an der 5%-Hürde zu scheitern. Keine Zeit für Panik …

Kein geringerer als Jaroslav Haŝek, der geniale Verfasser des lustigsten Schelmenromans aller Zeiten („Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejik“), hatte vor über hundert Jahren eine radikal alternative Partei gegründet. Die PFGFIDSDG, die „Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze“, kann uns einiges lehren.

Sie hatte ein revolutionäres, jedoch überschaubares Programm, das aus nur sieben Punkten bestand:

1. Die Wiedereinführung der Sklaverei.
2. Die Verstaatlichung der Hausmeister.
3. Die Rehabilitierung der Tiere.
4. Die Einrichtung von staatlichen Anstalten für schwachsinnige Abgeordnete.
5. Die Wiedereinführung der Inquisition.
6. Die Unantastbarkeit der Geistlichen und der Kirche („Falls ein Schulmädchen von einem Geistlichen defloriert wird“).
7. Die obligatorische Einführung des Alkoholismus.

Dafür war das Parteivolk auserlesen wie selten – unter den zwei Dutzend Mitgliedern befand sich die halbe Crème de la Crème der Prager Intelligenz. Nach jahrelangen Kämpfen, u.a. in der Illegalität, verschied die Partei an Mikrosomie, an Kleinwuchs.

Die AfD hat spiegelbildliche Probleme. Sie leidet – in medizinischen Termini – seit Geburt an Akromegalie. Das ist eine hormonell bedingte Wachstumsstörung, bei der es zu enormen und allzu schnellen Vergrößerungen der Extremitäten, auch der Genitalien, kommt. Ursache ist in der Regel ein hormonproduzierender Hirntumor. Ob die AfD langfristig überleben kann, wird an der korrekten Diagnose und den entsprechenden alternativen Heilmethoden liegen.

Ohne Zweifel produziert der Tumor auch rechtsradikales Gedankengut – weniger bei den politisch Verantwortlichen, als bei einem gewissen Wählerklientel. Solange die Partei sich noch nicht in allen gesellschaftsrelevanten Fragen klar und übereinstimmend positioniert hat, wird es Anhänger geben, die ihre jeweils eigene Agenda darin verwirklicht sehen, inklusive waschechter Primitivnazis. Daher war ein schnellstmöglicher operativer Eingriff vonnöten und ist es noch immer, will die Partei im politischen Haifischbecken nachhaltig überleben. Sie muß zudem davon ausgehen, daß die anderen Haie systematisch nach derartigen Auswüchsen suchen und die gesamte Medienmaschine zur Verfügung haben, sich daran festzubeißen.

Sie wird zum zweiten die Lehre aus der Geschichte der PFGFIDSDG ziehen müssen, sie wird ein umfängliches und durchdifferenziertes Programm zu entwickeln haben, das alle Facetten des gesellschaftlichen Lebens umfaßt. Sich dabei auch auf das Problem Islam zu konzentrieren, ist mehr als berechtigt, zumal es ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, reicht aber bei weitem nicht aus. Überleben kann sie nur – auch wenn die Migrationsfrage die Überlebensfrage schlechthin bleibt -, wenn sie in anderen Fragen eine Alternative darstellt. Dazu braucht es kompetente Fachleute. Eine primär neokonservative Ausrichtung dürfte die potentielle Wählerschaft bald vergraulen.

Sie braucht eine philosophische Grundlegung, sie braucht langfristig einen August Bebel oder Ludwig Erhard oder Herbert Gruhl oder zumindest eine fundamentale theoretische nichtpersonenbezogene und handlungsleitende Begründung. Hier mußte man der Partei jedoch auch Zeit geben, denn im Gegensatz zu den etablierten Parteien ist sie nicht primär aus einer Ideologie erwachsen, sondern muß sich diese aufgrund des rasanten Wachstums und der aktuell politischen Notlage erst selbst verschreiben. Die Zeit ist jedoch abgelaufen: Marc Jongens großspurige Ankündigung eines philosophischen Manifests harrt noch immer seiner Verwirklichung. Er sollte sich die Devise seines Doktorvaters endlich zu Herzen nehmen: „Philosophie Jetzt!

Auch die konservativen und sezessionistischen „Think Tanks“ stehen in der Verantwortung – es genügt nicht, hinter den Kulissen nur Stichwortgeber zu spielen und Einzelakteure zu fragwürdigen Provokationen zu verleiten.

Wie schmerzhaft die AfD unter Akromegalie leidet, zeigte insbesondere Sachsen-Anhalt. Dort stimmte jeder vierte Wähler für die Anfänger. Nun konnte die Partei 24 Abgeordnete in den Landtag schicken, das war jedes zwölfte Mitglied! Deutlicher kann man die Gefahren des Schnellwachstums nicht machen: Es fehlt der AfD wahrscheinlich an Tiefenqualität. Während Baden-Württemberg noch einige vertrauenswürdige Vertreter aufzubieten hatte, weiß man selbst bei Andrè Poggenburg noch immer nicht recht, wie weit sein Verstand reicht. Das letzte Aufgebot in Saarbrücken symbolisiert die Personalnot kongenial. Fehler und Verfehlungen Einzelner werden jedoch immer der gesamten Partei angerechnet werden.

Hinzu kommt – und das ist ein bundesweites Phänomen – die Unerfahrenheit vieler Abgeordneter. Eine ganze Reihe von sogenannten Talk-Shows haben die Schwierigkeiten beim Umgang mit jahrzehntealten Politprofis aufgezeigt, deren routiniertem Professionalismus man sich immer wieder beugen mußte. Auch das parlamentarische Auftreten grenzt allzuoft an unfreiwillige Komik und in den Landkreisen scheint man auch oft überfordert zu sein. Hier wird ein Spagat notwendig sein, den bislang kaum jemand gemeistert hat. Einerseits sollte man sich eine gewisse Unverstelltheit und Ehrlichkeit bewahren und sich vom schleimigen Berufspolitiker unterscheiden – denn gerade von diesem Typus hatten die Menschen im Vorschulzzeitalter bis zuletzt die Nase voll –, anderseits muß ein schnelles Kommunikations- und Medientraining zu einer überzeugenden Selbstsicherheit führen. Und drittens wird man es vermeiden müssen, den feindlich eingestellten Medien permanent Kanonenfutter zur Selbstliquidation zu liefern: solange es den Annes, Maybrits, Sandras, Franks oder Olis gelingt, Studiogäste durch Einspielungen von fragwürdigen Twitter-Äußerungen des Parteimitglieds X oder Vorstandmitglieds Y in die Defensive zu drängen, solange wird es der AfD versagt bleiben, Sachpolitik medial zu verbreiten.

Es steht noch immer eine politische und rhetorische Schulung im Schnelldurchlauf an. Wo andere sich über jahrelange Hahnenkämpfe aufbauen konnten, inklusive Niederschlagserfahrungen, vielleicht sogar durch ein Politikstudium verziert, wo andere viele nutzlose Stunden in zahllosen Gremien als Polit-Exerzitien und asketisch-flagellantische Stuhlerfahrungen in Hinterzimmern absitzen konnten, läuft bei der AfD alles im Crashkurs und alles live ab. Und jeder verbale oder moralische Fehltritt wird gnadenlos ausgeschlachtet werden – der AfD fehlt die mediale Lobby in den Leitmedien vollkommen. Das verpflichtet sie umso mehr zur Seriosität!

Die letzten Wahlen zeigen die exorbitante Bedeutung der Frontgesichter: je medialer Politik ausgetragen wird, umso bedeutsamer wird die Identifikation mit der Person statt der Partei und deren Programmatik. Die Sympathiegewinnung läuft ganz wesentlich subkutan ab: Physiognomie, Zahnstand, Lächeln, Offenheit, Mimik, Gestik, Gelassenheit, Souveränität, Humor, Kleidung usw., all diese Subbotschaften wirken im Bildschirmmodus weitgehend unabhängig von der eigentlichen Kompetenz.

Die AfD könnte und sollte hier von der Dänischen Volkspartei lernen. Dort ist es vor allem einer charismatischen Vorsitzenden gelungen, über einen langen Zeitraum – 20 Jahre! – eine alternative Partei fest im System zu verankern, die ihre Besonderheit bis heute bewahren konnte. Pia Kjærsgaard, die ehemalige Haushaltshilfe und Pflegekraft, sprach proletarische und prekäre ebenso wie klein- und großbürgerliche Wähler an. Sie setzte sehr hohe ethische Standards, verbale oder lebensweltliche Verfehlungen wurden entschieden bestraft. Selten hielt sie mit ihrer Meinung hinter dem Berg, offen in die Kamera schauend, trug sie ihre Überzeugung schnörkellos vor, scheute die Berichtigung nicht, aber auch nicht den Disput. Es dürfte vor allem diese lang durchgehaltene Einheit von Wort und Tat – 15 Jahre Konstanz waren dazu nötig – gewesen sein, die mehr als 20% der dänischen Wähler goutierten. Angst vor schwierigen Themen schien sie nicht zu kennen, stets seriös, verschanzte sie sich dennoch nie hinter der politischen Korrektheit. Solche Politiker sind freilich ein Glücks- und Zufall, man kann sie kaum züchten, man kann sie nur entdecken.

Sollte es der AfD gelingen, eine ähnlich charismatische Frontperson zu installieren, dann dürfte sie langfristig gute Überlebenschancen haben. Frauke Petry hat sich in dieser Hinsicht nur teilweise bewährt. Ihre äußere Erscheinung ist sicher kein Hindernis, ihr subtiler Einsatz des sex appeals spricht für sie, doch wird das nicht reichen und die Verbandelung von Privat- und Parteiinteressen stellt sich zunehmend als Fehler heraus. Eine gewisse Arroganz scheint ihr nicht abhold, undurchschaubares ironisches Lächeln ist schwer zu entziffern und schadet wohl eher und auch argumentativ müßte sie flüssiger werden. Allerdings dürfte ein Führungswechsel kurz vor der entscheidenden Wahl kontraproduktiv sein – es sei denn man könnte, gegen alle Erwartungen, einen „Schulz-Effekt“ provozieren. Hinter und neben ihr müßten ebenso überzeugende Kräfte in den ersten drei, vier Reihen stehen. Meuthen kann sein Professor-Image durchaus pflegen – wenn es um Abgeklärtheit geht, überzeugen freilich nur die Polit- und Medienveteranen Gauland und Hampel.

Die Causa Höcke freilich war objektiv nicht mehr positiv zu lösen. Die innerparteilichen Konflikte öffentlich auszutragen, stellte allerdings die schlechteste aller Lösungen dar.

So bleibt als Fazit, nun, da die Partei bereits ihren Zenit überschritten haben könnte, nun, da die tradierten politischen Kräfte ihre Impulse aufgenommen und absorbiert haben, fast nur noch die Flucht in den Zynismus: Nur die Katastrophe kann die AfD  – sollte sie nicht augenblicklich zur Besinnung kommen und fleißig Haŝek lesen, noch retten: ein zweiter Flüchtlings-Herbst, ein gigantischer Terrorangriff, ein entfesselter Erdogan, der faktische Zusammenbruch der EU, ein Schwarzer Wochentag … plus ein anschließendes massives Politikversagen. Nichts jedenfalls, was man sich wünschen sollte.

Die AfD hat eine politische Mission zu erfüllen; ihre Existenz ist existentiell. In der Politik verzeiht Gott Kairos jedoch nichts.

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Ein Gedanke zu “Ist die AfD eine PFGFIDSDG?

  1. läuft bei der AfD alles im Crashkurs und alles live ab. Und jeder verbale oder moralische Fehltritt wird gnadenlos ausgeschlachtet werden

    Das ist bei Trump genauso, nur etwas größeres Ausmaß. Schwierig ist die Heterogenität des Parteiprogramms, besonders das Klima- und das Steuerthema wirken so, als wenn es da innerparteiliche Lobbyarbeit gibt, gegen die die Führer wenig ausrichten können, außer diesen Leuten die Ressorts zu überlassen. Das Programm ist nämlich ansonsten souverän geschrieben. Ganz so armselig und hemdsärmelig kommt es nicht daher. Eine AfD-Theorie? Wäre klasse, aber wie wäre es vorerst, wenn sie sich – wie die Identitäre Bewegung – nicht auf einen Großdenker oder Manifestschreiber kaprizierte, sondern eine kleine Reihe von Büchern (bei der IB wären das: Renaud Camus, Alain de Benoist, Alexander Dugin) als Bezugstexte offen affirmieren würde? Dann kämen natürlich gleich die Neuerechteversteher vom Schlage Volker Weiss‘ daher, würden kurz aufheulen, und gut wär’s und die AfD-Wähler könnten anfangen zu lesen. Und die Nichtleser und ihnen begnügen sich mit den klaren Islamparolen und der Kernfamilie, paßt schon. Daß da dann die Kantenschere nicht faßt, hat’s umsonst. Ich möchte nicht wissen, welche Leute so „Die Linke“ wählen oder mit ihr sympatisieren, da hat’s auch gewiß einige DDR-Hardcorenostalgiker und Straßenkämpfer aus der Besetzerszene …

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