Geburtsstunde des Feminismus

„Ist es nicht eben diese Hipparchia, die, schon im frühen Morgen ihres Lebens vom Licht der Philosophie angestrahlt, aus der betäubenden Dumpfheit, worin die verpuppten Seelchen ihrer meisten Ge­schlechts­schwestern ihr Daseyn ver­träumen, zum Gefühl der Würde ihrer Natur erwacht ist?“ Wieland

Fast unbemerkt vollführt sich im kynischen Mantel eine metaphysische Revolution, der Diogenes Laertius nur wenige Zeilen zu widmen weiß. Es ist die einzige Lebens­beschreibung in seinem Monumentalwerk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, die eine Frau, eine Philosophin zum Gegenstand hat. Es dürfte mehr als ein Zufall sein, die erste Philosophin, von der wir wissen und die dieses Prädikat verdient, in jenem Moment zu beobachten, als sie sich entschied, die gleichen Kleider zu tragen wie Krates, der Kyniker. Von dessen Lehre und Lebensweise nachhal­tig beeindruckt, schien sie nur noch ein Ziel zu kennen, das Leben des Krates zu teilen, und um dieses zu erreichen, widersetzte sie sich nicht nur den gesellschaftlichen Konventionen – immerhin wählte sie ihren Mann selbst –, war sie nicht nur „völlig unzugäng­lich für die Bewerbungen ihrer Freier und völlig gleichgültig gegenüber ihrem Reichtum, ihrer hohen Geburt, ihrer Schönheit“, mehr noch: „sie drohte sogar ihren Eltern, selbst Hand an sich zu legen, wenn man sie ihm nicht gebe“ (DL VI 96).

Selbst Krates‘ letzter Versuch, ihr die Konsequenz – radikale Eigentumslosigkeit – eines solchen Schrittes drastisch vor Augen zu führen, um sie von ihrer Entscheidung abzubringen, zerschellte am festen Willen dieser Frau. Als erste Kynikerin wurde sie seine Gefährtin.

Hipparchia schließt sich Krates an - Wandbild Rom 1. Jh. © Wiki gemeinfrei

Hipparchia schließt sich Krates an – Wandbild Rom 1. Jh. © Wiki gemeinfrei

Die Bedeutung dieses selbstbewußten Aktes ist nicht zu unterschätzen, brach sie doch damit die engen Grenzen einer tradiert-männlichen Kultur. Sie führte, so geht es aus den Lebensbeschreibungen hervor, wahrscheinlich ein Männerleben, nahm an den, gemeinhin den Männern vorbehaltenen, Gastmahlen teil und stritt unbeein­druckt gegen maskuline Anfeindungen. Auch daß sie Krates, nach gut diogenischer Manier, im Freien beiwohnte, erachtete der Doxograph als berichtenswert. Leicht dürfte sie es jedenfalls nicht gehabt haben, und daß ihr Leben wie „für Krates, der nur Mantel und Bettel­sack besaß … ein einziger Festtag voll Scherz und Lachen“ gewesen sein könnte, wie Plutarch meinte[1], ist für Hipparchia eher unwahrscheinlich.

Einmal bestach sie durch eine kluge sophisti­sche Rede, die ihren Gegner, einen gewissen Theodorus, der die männliche Domäne aufrecht erhalten wissen wollte, vorerst zum Schwei­gen brachte. „Dem setzte er keine Gegenrede entgegen, hob aber ihren Mantel in die Höhe“ (DL VI 97) – reagierte also, ihr mit Worten nicht mehr gewachsen, mit einer Geste, die pure Männlichkeit gegen Weib­lichkeit ausspielte. Dieses unerhört gewaltsa­me Argument konnte bei ihr nicht über­zeugen. „Allein Hipparchia ließ sich dadurch nicht in Schrecken oder Verwirrung bringen, wie es sonst Weiberart ist“ – Pussy Power auf altgriechisch. Jener, die Autorität Euripides zitie­rend, damit das letzte Register ziehend, versuchte es ein drittes Mal und fragt: „Wer ist sie, die vom Weber­schiff­chen sich entfernt?“, um auf ihre „eigentliche“ weibliche Rolle zu sprechen zu kommen. Aber auch dieser Versuch, die alte Ordnung wiederherzustellen, mißlingt kläglich, der Vorwurf wendet sich gegen seinen Sender. „Ich bin’s Theodorus; aber du glaubst doch nicht etwa, daß ich mir selbst übel damit gedient habe, wenn ich die Zeit, die ich auf den Webstuhl hätte verwenden sollen, einer tüchtigen Geistesbildung zugute kommen ließ?“[2]

Hätte es, möglicherweise aus einer feministischen Ecke, den Vorwurf gegeben, sie orientiere sich noch immer am Mann, so müßte spätestens diese Äußerung jegliche Kritik verstummen lassen. Überhaupt wäre es interessant (und evtl. aufschlußreich) nachzufragen, wie der moderne Feminismus mit dieser Frauengestalt umgeht. Ist die erste Philosophin als Vorreiterin anerkannt oder überhaupt bekannt?[3]

Zu übersehen ist der „emanzipatorische“ Gehalt der Hipparchia-Überlieferung wahrlich nicht, und er ist auch nicht mehr zu entdecken, wie die Lektüre von Wielands fast vergessenem Briefroman „Krates und Hipp­archia“ jeden belehren kann, auch wenn er sich, den Konventionen und Tabus der Zeit entsprechend, die radikalste Konsequenz urkynischen Denkens und Liebens, das öffentliche „Beylager“ etwa, scheut in die Handlung einzuflechten. Er versucht sogar, einen schüch­ternen, virgi­nen, ver­schäm­ten (ein Wider­spruch in sich) Krates und eine auf­klärungs­moralisch integere, keusche, platonisch liebende Hipparchia glauben zu machen.

Das Manko mag verzeihbar sein, macht es doch nicht frei, zeugt jedoch von Freiheit der Entscheidung und widerspricht damit auch dem mittlerweile etablierten Frauenbild des Feminis­mus, der einst antrat das jahrtausendealte patriarchale Gefüge zu zertrümmern, um letztlich Teil des nicht weniger alten und mit diesem verquickten Expropriationsgefüges zu werden, der sich einst selbst als subversive Inkarnation definierte, um von einer älteren Subver­sion, der kynischen, sich belehrt und unterwandert zu sehen. Fühlt auch der Feminismus sich verun­sichert von der Kynikerin, die alle ideolo­gi­schen Banden sprengt, die die Frage nach der Rolle der Frau in der Gesell­schaft transzen­diert, die Zentral­frage des heutigen Feminis­mus nach politischer Gleichberech­tigung einfach übergeht?

Während der moderne Feminis­mus seine subversive Kraft verloren zu haben scheint, indem er integrativer Teil im Gesamt­mechanis­mus wurde, bleibt der Indivi­dualent­scheid der Kynikerin Hipparchia un­abänderlich brisant.

siehe auch: Was ist Kynismus?

[1] Plutarch: Moralia. Leipzig 1950, S. 6
[2]Deutlicher noch in anderer Übersetzung: „Das also ist die, welche nicht mehr am Webstuhl stehen, das Weberschifflein hat verlassen wollen.“ – „Jawohl, das bin ich; meinst du, ich sei übel beraten gewesen, daß ich die Zeit, die ich am Webstuhl hinbringen sollte, für die Bildung meiner Seele verbraucht habe?“ Jawohl, das bin ich!  – Schwartz, Eduard: Charakterköpfe aus der Antike. Leipzig 1950, S. 138
[3]Soweit ich sehe, fand noch keine Auseinandersetzung statt, die klassische feministische Literatur scheint Hipparchia nicht zu kennen, und auch das „Philosophinnen-Lexikon“ weiß keine neuere Quelle zu nennen.
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