Warum die Deutschen?

Seit einigen Wochen gebe ich etwas Privatunterricht in Deutsch. Ein älterer Herr steht vor der Tür: Es stellt sich heraus: Er ist der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe. Nun, da er auf die 80 zugeht, will er sein Deutsch etwas auffrischen. Da weiß man sogleich, daß man einen wirklichen Charakter vor sich hat.

Die ersten Stunden gehen hervorragend, sein Deutsch ist durchaus passabel und schnell verfliegt seine Angst, mit klassischem Sprachkursmaterial konfrontiert zu werden.

Nun will er die Deutsche Nationalhymne auswendig lernen und beginnt zu singen: „Deutschland, Deutschland über alles“. Er ist überrascht, zu hören, daß man das nicht mehr singe, sondern nur noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er findet das albern, man müsse doch auch einmal vergessen können …

Und dann erzählt er begeistert von den Deutschen. Wie sie es durch Fleiß und Ordnung und Pünktlichkeit immer wieder schafften, über dem Durchschnitt zu sein. Man könne sich auf die deutsche Technik verlassen. Seit 30 Jahren arbeitet seine Abfüllinie – ein deutsches Produkt – reibungslos. Er hatte auch mit einer italienischen gearbeitet, die deutlich billiger war, aber nach 10 Jahren nur noch Probleme bereitete und nach 15 Jahren ausgetauscht werden mußte.

Auch die deutschen Arbeiter seien besser. Viele Ungarn gingen nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, dann seien sie wie ausgetauscht, dann sagen sie plötzlich zum Kollegen: „Was bist du doch schmutzig“. Irgendwann passen sie sich den ungarischen Gepflogenheiten wieder an, aber sie seien trotzdem vom deutschen Geist infiziert.

Er selbst erinnere sich an seinen Vater, der ein Bauer und sehr fleißig war. Mit ihm habe er als junger Mann über Deutschland gesprochen und gesagt: So und so machen das die Deutschen und sie sind besser. Da antwortete der Vater, der aufmerksam zugehört hatte: „Wir machen das aber so und so bleibt es!“ Ende der Diskussion.

Ich frage ihn, warum seiner Meinung nach die Deutschen so und die Ungarn anders seien? Ohne Zögern sagt er: „Die Ungarn kommen aus Asien.“ – „Sie glauben also, man müsse 1000 Jahre zurückgehen, um das zu erklären?“ – „Ja, es ist eine Frage der – wie sagt man auf Deutsch? – der Mentalität. Die Magyaren zogen in dieses Land, sie sind Nomaden, aber die Germanen, die waren schon immer da und arbeiteten“.

Ich bohre weiter: „Aber warum sollte die Mentalität der Magyaren eine andere sein als die der Germanen?“ Da schweigt er. „Ist es im Blut, in den Genen, ist es die Natur, die Umgebung, die Umstände … was ist es?“ Die Grenzen seiner Überlegungen sind erreicht, aber ich spüre, er wird darüber nachdenken und irgendwann wieder auf diese Frage zurückkommen und dann gehen wir eine Runde weiter.

Jedenfalls sieht er es ja bei seinen eigenen Arbeitern. Der starke Frost hat die Knospenherzen des Weins – ein Begriff, den ich lerne und mag – erfrieren lassen. Aber man könne das vielleicht durch einen radikaleren Schnitt kompensieren. Jetzt im Frühjahr muß das mit kundiger Hand gemacht werden.

Dafür hat er zwölf Angestellte, „alkalmi munkás” – es fehlt das deutsche Wort „Tagelöhner“ und – kleine Ironie – ausgerechnet ich muß ihm den nun üblichen Begriff „Zeitarbeiter“ oder „Leiharbeiter“ beibringen. Ob das Ungarn seien, frage ich. Nein, Rumänen hauptsächlich, Rumänen, die Ungarisch sprechen. Aber sie arbeiten schlecht, man muß sie lange einarbeiten, sie sind langsam, faul und arbeiten nicht exakt und sie stehlen. Er ist nicht zufrieden mit ihnen, hat aber keine Wahl. In Ungarn arbeitet niemand mehr für 5000 Forint am Tag. Dabei verdienen sie hier deutlich mehr als in ihrer Heimat. Trotzdem wird es immer schwerer, Arbeitskräfte zu bekommen, denn in Tschechien, wo es im Süden auch Weinanbaugebiete gibt, bezahlt man schon 12000 und also ziehen sie dahin.

Zufällig liegt eine Zeitung auf dem Tisch, die wir im Briefkasten fanden. Ein Blättchen der Jobbik-Partei. Auf dem Titelblatt lächelt der deutsche „geschickte Maurer“ Jürgen, denn er verdient 2800 Euro im Monat, und und der ungarische ebenfalls „geschickte Maurer“ József guckt vergnatzt ob seiner kümmerlichen 600 – mit denen er übrigens über dem Durchschnittslohn liegt.

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ – Jobbik

Ja, das ist eines der größten Probleme seit dem Beitritt zur EU: die massiven Lohnunterschiede lösen ganze Völkerwanderungen aus. Die besten Arbeitskräfte verlassen Ungarn in Richtung Österreich und Deutschland und stattdessen kommen die Rumänen, Moldawier, Ukrainer und weiß der Teufel. Und meistens schwarz. Die einen lernen in Deutschland, dem Wunderland, deutsche Tugenden, und bringen sie dort ein, und hier wird der Standard noch niedriger gesenkt. So blutet das Land doppelt aus und hängt andererseits am europäischen Tropf.

„Aber!“ – beendet er seine Rede – „Eines ist mir auch schon aufgefallen. Die deutschen Waren sind nicht mehr so gut verpackt wie früher, sie sind nicht mehr so zuverlässig wie früher, sie sind noch immer über dem Durchschnitt, aber sie sind schlechter als einst. Woran liegt das denn?“

Da schlägt die Uhr die volle Stunde und rettet mich vor peinlichen Erklärungen. „Ein großes Thema“, sage ich, „vielleicht beim nächsten Mal.“

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Ein Gedanke zu “Warum die Deutschen?

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Wissen Sie, was man bei Google-Books (Grundzüge der Botanik, 1843) als Synonym für „Knospenherz“ findet? „Keimfederchen“! Beides soo schöne Wörter..
    Bei einer Google-Bildersuche kommt dann leider nur kitschiger Schmuck.

    Gefällt 2 Personen

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