Seelenfänger

Kurzer Heimatbesuch. Zwei Stunden bei Hussain sind fest eingeplant.

Es funktioniert noch immer zwischen uns. Küßchen links, Küßchen rechts, ein paar Floskeln, ein verschämtes Räuspern, eine Tasse schwarzer Tee – im arabischen Laden gekauft –, aber dann sind wir sofort wieder drin im Gespräch, im Eingemachten.

Viel hat sich nicht getan. Die Situation stagniert. Die B1-Sprachprüfung liegt ein halbes Jahr zurück. Hussain will B2 überspringen und gleich C1 machen – das würde ihm den Weg ins Studium öffnen.

Lange mußte er auf seine Ausweispapiere warten. Die Dresdner Polizei hatte sie ihm im September 2015 abgenommen und es dauerte ein Jahr, bis sie frei gegeben wurden. Jetzt bräuchte er eine beglaubigte Übersetzung seiner Schul- und Studienzeugnisse. Aber die Dokumente liegen in Chemnitz. Keiner weiß, unter welchem Stapel. Eine nachforschende Mail wurde ignoriert. Ein Brief mit Verweis auf eine andere Behörde beantwortet. Er fragt mich, was er schon einige andere Deutsche gefragt hat, und auch ich kann ihm nur antworten: Die Wege der Bürokratie sind unergründlich. Man muß warten.

„Ich muß warten“, spricht er mehrfach wie ein Mantra vor sich hin. „Ich muß Geduld haben.“ Wenn er sich unbeobachtet wähnt, gehen die Finger zum Mund, schüttelt er den Kopf. Es braucht nicht mehr viel und der junge Mensch hat einen Tic.

„Du mußt unter Deutsche“, sage ich ihm. „Du brauchst Kontakt.“ Nicht nur, um die Sprache zu lernen, sondern auch die Art und Weise der Deutschen, die Mimik, die Gestik, das Denken, das Wesen. Er weiß es, aber es ist schwer. Es gibt zu viele Fremde in der Stadt. Die Deutschen interessieren sich nicht mehr für den Einzelnen. Wäre er allein, dann wären sie neugierig, würden fragen, seine Geschichte hören wollen, aber die Innenstadt wird von jungen Migranten bestimmt. In Gruppen stehen oder sitzen sie herum und mit gesenktem Kopf gehen die Deutschen so schnell als möglich an ihnen vorbei. Sie sind zu viele, um interessant zu sein. Sie sind genug, um Ängste einzujagen. Niemand fragt nach dem Befinden eines einzelnen.

Dann erzählt Hussain, daß er vier Wochen lang Kontakt mit einem Deutschen hatte, einem Max. Sie seien ins Gespräch gekommen: über den Glauben. Max sprach vom Christentum und Hussain zeigte sich interessiert. Schon da ahne ich, was kommt. Max hat ihm auch eines dieser einführenden Anatomiebücher mit vielen bunten Bildern geschenkt, das Hussain nun Seite für Seite durchackert.

Vor allem aber hat er ihn mit religiösen Schriften versorgt. Ich lasse sie mir zeigen und werde sogleich in meinem Verdacht bestätigt. Der „Wachturm“ auf Arabisch, die „Zeugen Jehovas“. Max war auf Seelenfang. Nach vier Wochen fragte er Hussain, ob er nicht Christ werden wolle. Hussain verneint – von Max seither keine Spur mehr. Auch ihn hat nicht der Mensch interessiert – er wollte eine Seele „retten“.

Der „Wachturm auf Arabisch – Hussains Lektüre: „Der echte Glaube ist dein Weg zum Glück“

Er kann das nur, weil die Götter der Bürokratie diese Seelen verächtlich ausspucken und ins Purgatorium des deutschen Alltagslebens entlassen. Aber auch dort weiß keiner was mit ihnen anzufangen. Mit jedem Tag wird die Treppe ins Paradies schmaler und die in die Hölle breiter.

Man muß warten. Man muß Geduld haben. Man kaut Nägel.

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