Deutsche Bahn und Toleranz

Wer es noch nicht kennt, sollte sich jetzt die 52 Sekunden Zeit nehmen und das neue Werbevideo der Deutschen Bahn anschauen.

Die Propagandaleistung ist nicht zu übersehen – darüber muß man unter vernünftigen Menschen kein Wort verlieren. Ein klein wenig Interesse kann man dem Filmchen abgewinnen, wenn man auf die Wahrheit der Bilder schaut und wenn man die Geschichte im Geiste weiterspinnt. Dann wird die perverse Verlogenheit der Szene überdeutlich.

Ein Student sitzt einer jungen Muslima mit Nasenring (!) gegenüber und fragt sich: „Warum trägt sie dieses Kopftuch? Muß sie das? Will sie das? Will das ihre Familie oder ihr Mann? Obwohl, so alt ist sie ja gar nicht. Andererseits … Was liest sie da überhaupt? Den Koran wahrscheinlich. Was sonst. Egal, morgen ist Anatomieprüfung, ich muß mich konzentrieren …“

Sieben Fragen stellt sich der Student, alle von eminenter Bedeutung. Beantwortet wird nur die am wenigsten wichtige, die Frage nach ihrer Lektüre. Statt des Korans liest die junge Frau den Sobotta „Atlas der Anatomie des Menschen“, Band 2 – im Übrigen eine heillos veraltete Ausgabe aus den 80er Jahren; seither zieren den Sobotta explizite Innenansichten, die den politisch korrekten Filmemachern wohl zu nah an Gunther von Hagens „Körperwelten“ waren. Band 2 behandelt „Brust, Bauch, Becken, untere Extremitäten“ – insofern scheint die Geschichte konsistent, da die Studentin den Bereich des ersten Bandes (Kopf, Hals und obere Extremitäten) bereits hinter sich hat und den nucleus opticus zuzuordnen weiß.

Indem man die letzte Frage, die nach der Lektüre, mit einem überraschenden Coup beantwortet, werden die anderen sechs Fragen nonchalant übergangen. Also beantworten wir sie uns selbst:

„Warum trägt sie dieses Kopftuch?“ – „Die Muslimin schmückt sich mit dem Schleier der Ehre, Würde, Keuschheit, Reinheit und Integrität und verzichtet auf alle Handlungen und Gesten, die die Gefühle anderer Männer als ihres Ehemannes in Wallung bringen oder die Menschen an ihrer Tugendhaftigkeit zweifeln lassen könnten. … Der Schleier gibt ihr die Möglichkeit, ihre Seele vor Schwäche, ihren Verstand vor Nachgiebigkeit, ihre Augen vor lüsternen Blicken und ihre Persönlichkeit vor Sittenverfall zu bewahren.“[1] Sie trägt es also – es ist sicher statthaft, das auch für das Kopftuch anzunehmen –, weil es die islamische Moralordnung vorschreibt.

Es wird immer wieder betont, daß der Koran hinsichtlich des Kopftuches schweige. Das stimmt nur zur Hälfte. Geschrieben steht: „Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer ihren Ehegatten, ihren Vätern, den Vätern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen, den Söhnen ihrer Ehegatten (sic!), ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und den Söhnen ihrer Schwestern, ihren Frauen, denen, die ihre rechte Hand besitzt, den männlichen Gefolgsleuten, die keinen (Geschlechts)trieb mehr haben (d.i.: Eunuchen), den Kindern, die auf die Blöße der Frauen (noch) nicht aufmerksam geworden sind.“ (24.30f.)

„Muß sie das?“ – Ja, das muß sie in der Regel, sofern sie aus der Gemeinschaft nicht ausgeschlossen werden will, sofern sie moralischen, psychischen oder physischen Zwang nicht erleiden möchte. Selbstverständlich ist das abhängig vom jeweiligen individuellen Umfeld.

„Will sie das?“ – Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten! Viele muslimische Frauen sagen selbstbewußt: „Ja, ich will das!“ Aber kann man eine gesellschaftliche Norm, die man angenommen hat, auch tatsächlich wollen oder ist der Wille nicht letztlich doch ein aufgezwungener, muß sie wollen müssen? Hier hilft die Gegenfrage: Was würde geschehen, wenn sie es nicht wollte?

„Will das ihre Familie …“ – Die Familie ist in erster Linie und an der Oberfläche der Vater und der „will“ die „Ehre“ seiner Tochter gewahrt wissen, genauso wie das auch die Mutter „will“, die unter dem gleichen „Willen“ stand und steht und selbstverständlich „wollen“ es auch die Brüder, die sich meist ebenfalls große Gedanken um die Ehre der Schwester und der Familie machen.

„… oder ihr Mann?“ – siehe oben

„Obwohl, so alt ist sie ja gar nicht.“ – Ein heikles Thema. Der Prophet, dessen Leben den meisten Gläubigen als exemplarisch gilt, heiratete einerseits die 40-jährige Khadidja, als er 25 Jahre alt war, und andererseits die sechsjährige Aischa, als er 53 Jahre zählte, und „vollführte die Ehe“ drei Jahre später, vermutlich nach ihrer ersten Regel. Damit wurden extreme Altersunterschiede in beide Richtungen sanktioniert, die Sexualität des Mannes präferiert freilich die jüngere Frau. Heutzutage gibt es je nach Herkunftsland und Religionsgruppe unterschiedliche Bestimmungen für das Eheeintrittsalter, es ist in der Regel aber  niedriger als in westeuropäischen Gesetzgebungen. Die zugfahrende Muslima könnte also durchaus nach islamischem Recht schon lange verheiratet sein. Möglicherweise drückt das „Andererseits …“ diesen Zweifel aus.

All diese Implikationen, denen gegenüber eine gewisse „Intoleranz“ (der Intoleranz) vielleicht angemessen ist, verschweigt die „Deutsche Bahn“. Gemessen an der Realität lügt das Video jedoch auch aktiv. Wie wir oben sahen, ist es den Frauen nicht erlaubt, den Blick zu heben. Ein direkter Augenkontakt, noch dazu mit leicht koketter Aufladung, gilt als Sünde. Ich selbst habe das erfahren, als muslimische Frauen im Kopftuch es weder wagten, die Hand zu geben noch einen bei der Begrüßung anzuschauen.

Auch das traute Nebeneinandersitzen der beiden ist eher unrealistisch. Wieder schaut die Frau den Mann von unten her, mit geneigtem Kopf, also flirtend, also durchaus erotisch aufgeladen, an. Das sind Männerphantasien aus einer anderen Welt.

Spinnen wir die Geschichte, die auch eine Liebesgeschichte enthält, fort. Was würde geschehen, wenn die beiden sich verliebten? Hätte diese Liebe eine Chance? Wohl nur unter zwei Bedingungen. Entweder die Frau löste sich gewaltsam aus ihrem religiösen Kontext und gäbe alle sozialen Beziehungen auf oder aber der Mann konvertiert zum Islam. Es ist eines der raffiniertesten Konzepte des Geburten-Djihads, der schon auf Mohammed zurückgeht, daß die Ehe zwischen einem muslimischen Mann und einer christlichen oder jüdischen Frau (Atheisten oder Buddhisten kannte der Prophet noch keine, Polytheisten sind immer tabu[2]) erlaubt ist, sofern die Kinder islamisch aufgezogen werden, daß es der muslimischen Frau aber versagt ist, außerhalb der eigenen Glaubensgemeinde zu ehelichen.

Abgesehen davon muß man eine solche junge Frau wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen – sie ist vollkommen atypisch. Es kann keine Migrantin sein, dafür ist ihr Deutsch zu gut. Ergo ist sie mindestens zweite Generation, mutmaßlich aus einem streng gläubigen Umfeld. Die Wahrscheinlichkeit eines Studiums ist statistisch deutlich geringer als bei deutschen Jugendlichen und wird deutlich verringert, wenn es sich um eine Frau handelt. Andererseits genießt der Arzt enormes Ansehen in muslimischen Kreisen. Selbst der bedeutendste Philosoph und Universalgelehrte der islamischen Geschichte – Avicenna – ist den meisten Muslimen lediglich als Mediziner bekannt. Wie viele Muslime aber studieren Geisteswissenschaften? Geht man in die Katakomben der großen Bibliotheken in Dresden oder Leipzig, wird man zahlreichen arabischen Medizinstudenten begegnen – jedoch ausschließlich Männern.

Wofür also wirbt die Werbung? Kaum für das Produkt – in einer Gesellschaft, die in Deutschland und Europa mehrheitlich muslimische Einwanderung oder das Kopftuch ablehnt. So etwas kann nur eine Firma wagen, die ein alternativloses Produkt anbietet.

Und hier ist der Konnex: die Alternativlosigkeit.

[1] Büyükçelebi, İsmail: Leben im Lichte des Islam. Praktische Regeln für Muslime. Mörfelden-Walldorf 2005, S. 211
[2] Vgl.: Khoury/Hagemann/Heine: Islam-Lexikon Bd.1, S. 194
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4 Gedanken zu “Deutsche Bahn und Toleranz

  1. Zu fauxelle:
    „Fragen zu stellen ist nicht mehr erlaubt! Schlimmer: Fragen i m K o p f zu haben ist schon das Gesinnungsverbrechen, gegen das nur Propaganda hilft …“

    Peter Brückner, vor beinahe 40 Jahren:

    „Im posthistoire beginnt die Zivilcourage damit, daß einer die jeweils besondere Situation gegen die übermächtige Tendenz zur Homogenität, zur Normalität, zur Linearität v e r t e i d i g t, ja sogar: daß er sie als ‚besondere‘ w a h r n i m m t. Zivilcourage erscheint jetzt bereits als Spontaneität, das heißt als Wagnis eines respektlosen Denkens, das sich dem majoristischen Druck der Normalität, den g e- o r d n e t e n Verhältnissen, der bröckeligen Glätte des Funktionierens entgegenwirft. Die Realität könnte anders sein: dies noch zu sehen, ist – schon – Zivilcourage.
    (…)
    Innerhalb der dominierenden Struktur des posthistoire tarnt sich kein besonderes gesllschaftliches Interesse (das in einem materiellen Sinn ‚partikular‘ wäre) als das “Allgemeine“ Es emanzipiert sich dabei von den Schranken, die ihm ein vorgestriges System von Herrschaft setzt, und wird zum abstrakten System von Herrschaft selbst; es ist der S t a a t – als Planung, Verwaltung, zentralisierende Macht – der sich da emanzipiert.
    Unter solchen Umständen kann es bei Zivilcourage nun nicht mehr um den Mut gehen, wirklich die eigene Meinung zu sagen – eine “Meinung“, die das ist etwas, worin sich ein konkurrierendes gesellschaftliches Interesse ausdrückt, alte Erde – es geht um den Mut, eine wirklich eigene Meinung zu h a b e n. Eine Meinung, also eine Parteinahme – das ist etwas, worin sich der Aufstand gegen die N o r m a l i t ä t, gegen die zentralisierende Macht, ausdrückt. Zivilcourage ist so das Resultat einer Abweichung, die dem Druck der ‚realen Normalität‘ nicht erliegts, auch nicht dem Druck der ‚realen Politik‘ – und dies bis in die Wahrnehmung, Sinnlichkeit und Gedanken hinein.“

    Peter Brückner, Über Zivilcourage am unsicheren Ort. In: ders., Vom unversöhnlichen Frieden, Berlin (Wagenbach) 1984 . Zuerst in Freibeuter 1, Berlin (Wagenbach) 1979

    (Anm: gesperrt geschriebene Wörter sind im Original kursiv hervorgehoben)

    Als ich dies Ende der 70er Jahre zum erstmal las, unpolitischer Student auf dem zweiten Bildungsweg, erschienen mir die Worte Peter Brückners seltsam zahm, wie eine Art Rückzug ins eigene Gehäuse. Immerhin gab es ja noch die Ausläufer von ’68, Aktivitäten diverser K-Gruppen an der Uni HH, Häuserbesetzungen und Großdemonstrationen gegen Notstandsgesetze, Springer, AKWs und NPD. Heute erscheint mir die gesellschaftliche Lage verändert: Die europäischen Staaten haben sich mittlerweile zu Dienstleistern kapitalistischer Interessen einiger weniger Akteure herabgewirtschaftet. Anderes haben sie nicht mehr zu verteidigen, ihr Machtverlangen mit einhergehender Gewaltausübung muss daher an Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit zunehmen.
    Unterhalb der veröffentlichten Meinung marktbestimmender Medien und von diesen ignoriert bzw. gelegentlich wie exotische Erscheinungen im Feuilleton als kulturelles Schmankerl (auch wir sind auf der Höhe der Zeit) herausgestellt, mittlerweile einen großen und zu Teilen global breit vernetzten Bereich von Bewegungen, Organisationen, Aktivitätszellen, die – und das ist neu – sich nicht mehr in erster Linie g e g e n etwas richten (diese Aufgabe verfolgen Avaaz, Greenpeace, Campact etc.) , sondern explizit sich f ü r eine andere Welt, f ü r andere Lebensformen, f ü r zukunftsfähiges, gleichwürdiges Wirtschaften und f ü r Gemeinwohl einsetzen. Der „Aufstand gegen die zentralisierende Macht“ erfolgt heute eher als Unterwanderung eines nicht mehr reformierbar erscheinenden Systems in einem Umstülpungsprozess, in dem jetzt „Wahrnehmung, Sinnlichkeit und Gedanken“ ihr Recht finden. Die Welt der „Normopathen“ (zu denen wir manchmal anfallsweise vielleicht auch noch selber gehören) beherrscht aber noch die Realität, während die Wirklichkeit, das, was als ungeplanter Prozess wirkend etwas hervorbringt, auch wenn es nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, dem gedankenlosen Blick verborgen dabei ist, von politischen Ideologien weitgehend unbelastet neue Lebensformen zu erproben.

    So weit hat mich jetzt Ihre eine Bemerkung geführt. Vielleicht wäre den beiden jungen Leuten – im Anschluss an seidwalks Kommentar – geholfen, wenn ihnen Gedanken, wie jene Brückners begegneten. Und vielleicht könnten sie darüber hinaus gehen – in der inneren Freiheit und Ich-Stärke, die junge Leute heute zunehmend in die Welt bringen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Zwei junge Leute, die sich eine etwas längere Darlegung mit Sätzen von über drei Zeilen Länge zumuteten, in denen überdies keine der „angesagten“ blenderenglischen Vokabeln vorkommt, die finden Sie heute mit einer Wahrscheinlichkeit von ε². Das Umstülpen dürfte auch nicht gerade häufig wie gewünscht ausgehen; viele glauben anfangs umzustülpen und werden am Ende doch nur selbst umgestülpt.

      @Wolfgang Mattern:

      Als Antwort auf Pérégrinateur.

      z.B. hier: https://vimeo.com/user3458561/videos

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  2. „Das ist die Geschichte von Max und Günistan“ sangen einmal zwei linke Liedermacher, und ich hörte ihnen als Schülerin in meinem Heimatort zu, und fragte mich schon damals (erste Asylantenwelle 1993), ob das nicht andersherum realistischer wäre: Mutlu und Anke. Nachdem aber die Geschlechterrollen gemäß der kulturhegemonialen Doktrin austauschbar sind, wird hier in dem Video (was daran wirbt eigentlich spezifisch für die B a h n ? Daß sie im Sommer vor zwei Jahren eine durchaus unrühmliche Rolle gespielt hat, die es jetzt zu kompensieren gilt?) doppelt Propaganda geschoben: Geschlechterrollen und Herkunft sind flexibel.
    Subtil propagandistisch und deswegen umso haarsträubender (mir stellten sich wirklich die Haare an den Armen auf, sicheres Zeichen für Propaganda in meinem psychosomatischen Haushalt) ist übrigens auch, daß die (allesamt berechtigten!) Fragen des Studenten als innerer Monolog so wirken sollen, als wären das lauter illegitimes Vorurteile („Was liest sie überhaupt? Bestimmt den Koran. Kopftuch? Muß sie das eigentlich tragen?“) – das heißt im Klartext: Fragen zu stellen ist nicht mehr erlaubt! Schlimmer: Fragen i m K o p f zu haben ist schon das Gesinnungsverbrechen, gegen das nur Propaganda hilft …

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    • Sehr gut gesehen, der letzte Punkt. Danke! Es geht letztlich um die Schwere im Kopf, die hier einoperiert werden soll!

      Und während ich über Ihren Gedanken nachdachte, wurde auch deutlich, daß es sich erneut um ein Derailing-Phänomen handelt. Im Zusammenhang mit der Bahn hätte mir das nicht entgehen dürfen.

      Der Zuschauer wird fast unmerklich umgeleitet, auf ein anderes Gleis gesetzt, indem die Aufmerksamkeit auf die sechs Fragen durch den Erzählcoup abgelenkt und statt einer notwendigen Problemdiskussion ein unwahrscheinliches Happy End konstruiert wird.

      Man könnte die Geschichte auch weiter erzählen. Während die beiden sich glücklich anlächeln kommen die Brüder oder Glaubensbrüder des Mädchens durch den Gang und sind gar nicht glücklich mit ihrem und seinem Verhalten … Sowas soll ja tatsächlich schon vorgekommen sein.

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