Too close for comfort

… so sagen die Briten, die Weltmeister im Drumherumreden, in ihrer bildreichen Sprache, wenn sie einer Gefahr, einer Unannehmlichkeit zu nahe gekommen sind.

Im Oktober 2015, als das Immigrationschaos auf dem Höhepunkt war, die Städte und Kommunen maßlos überfordert waren und die deutsche Gesellschaft sich in Riesenschritten zu spalten begann – in Plauen wurde „Wir sind Deutschland“ gegründet und die Zahl der Demonstranten wuchs Woche für Woche –, in jenem Herbst beschloß ich, mich einzumischen.

Über eine evangelische Hilfsorganisation begann ich sowohl organisiert, in einer Pfarrei, als auch privat zu unterrichten: Syrer, Eritreer, Somalier und einmalig Kosovaren und Albaner.

Gleichzeitig entstand dieser Blog, auf dem seither in hunderten Anläufen Rechenschaft gegeben, Hintergründe aufgezeigt und Zusammenhänge  hergestellt wurden.

Ich nahm Kontakt zu Syrern und Eritreern auf und begann sie, mir wildfremde und manchmal auch unheimliche Menschen, in ihren Wohnungen zu besuchen und mit ihnen Deutsch zu lernen. Nicht aus Mitleid, auch nicht als „Willkommenskultur“, sondern aus Not und aus eigener Lernbegier.

Heute bin ich mit einem Syrer gut befreundet, mit anderen gut bekannt, aber die meisten sind aus dem Blick wieder verschwunden. Ich hatte dutzenden Syrern – alles Männer (die einzige Frau verweigerte, andere wurden versteckt) – die Hand geschüttelt, sie angelächelt, sie begrüßt, sie ermutigt, die Sprache zu lernen, ihnen die politischen Implikationen erklärt, immer und immer wieder.

Sie alle gehörten zu einer Gruppe, die am 4. September die deutsch-tschechische Grenze überquerten, von der sächsischen Polizei aufgegriffen und überprüft worden, die dann circa fünf Wochen in einer Dresdner Notunterkunft verbrachten, um Anfang Oktober ohne originale Papiere nach Plauen verbracht zu werden, wo sie gemeinsame Wohnungen bezogen. Ein Großteil der Syrer in Plauen dürfte – das war zumindest mein Eindruck – zu dieser Gruppe gehören. Einige leben noch immer dort, viele sind – auch darüber habe ich berichtet – spätestens nach ihrem Asylverfahren in den Westen gezogen, weil dort Familien oder vorexistente Kommunen existierten oder schlicht und einfach gescheitert.

Heute lese ich im „Focus“, daß ein einstiger Kämpfer der Al-Nusra-Front in Düsseldorf als Kriegsverbrecher verhaftet worden sei, der im Übrigen – aber das sind Kleinigkeiten –  monatlich 2400 Euro „Hartz IV“ eingestrichen haben soll. Er war demnach direkt an der Ermordung und Enthauptung von 36 Menschen beteiligt und posierte mit abgetrennten Köpfen vor der Kamera. Sein Name: Abdalfatah A.H.

Dieser Mann kam im Oktober 2015 nach Plauen!

Habe ich diesen Namen im Oktober gehört? Beim Händeschütteln? Beim Anlächeln? Hat ein Abdalfatah zurück gelächelt?

Ich wüßte es nicht zu sagen. Damals waren mir all diese Namen fremd, ich mußte sie auswendig lernen und behielt nur jene im Kopf, die später relevant waren. Es spielt auch keine Rolle.

Allein die Vorstellung, daß ich eine Hand hätte schütteln können, die Gefangene bestialisch abschlachtete, die vielleicht ein Messer durch Kehlen zog, die Wirbelsäulen damit durchtrennte, die blutige Schöpfe hochhielt und deren Besitzer dabei in eine Kamera lächelte, ist mir – ich bekomme es auf Deutsch nicht über die Lippen –, ist mir too close for comfort!

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Ein Gedanke zu “Too close for comfort

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Sagen wir es mal etwas herb: Einer hat etwas getan und bekam danach 2.400 Euro pro Monat. Andere bekommen viel mehr und tun – nichts.

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