Mohammed in der Literatur II

Tralow

Johannes Tralow war insbesondere in der DDR ein Gigant. Überhaupt erlangte der Historische Roman, dessen Großmeister Tralow im Osten war, enorme Beliebtheit, nicht zuletzt deswegen, weil die geschichtliche Verkleidung einerseits ideale Möglichkeiten bot, „geheime Botschaften“ weiterzureichen, und andererseits die ungestillte Reiselust der Ostdeutschen zumindest in der Phantasie befriedigte. Gerade mit seiner „Osmanischen Tetralogie“ befriedigte Tralow das Bedürfnis nach Exotik, verführte allerdings auch zu einer beschönigenden Orient-Sicht. Ich kannte jedenfalls Geschichtsstudenten, die ihr Studium zum Großteil mit seinen historischen Romanen meisterten.

Tralow war kein Kommunist. Trotzdem glaubte auch er sich anbiedern zu müssen. Sein letzter Roman – „Mohammed“ – sollte zur „Vertiefung der Freundschaft mit den arabischen Völkern“ beitragen und „für das Verständnis ihrer Kulturgeschichte“ werben. Die DDR hatte sich damals, 1967, bereits auf die Seite des „Palästinensischen Befreiungskampfes“ geschlagen.

Tatsächlich war Tralow ein weit überschätzter Autor. Es ist ihm – soweit ich sehen kann – nie gelungen, seine schreiberischen Fähigkeiten mit dem Anspruch, die Geschichte in all ihrer Komplexität darzustellen, in Übereinstimmung zu bringen. Alle seine Bücher – „Der Aufstand der Männer“ vielleicht ausgenommen – leiden an einem exorbitanten Wissensüberhang und an limitierter Sprach- und Kompositionskraft, die Fülle des Stoffes ästhetisch zu meistern. Und nirgendwo wird das deutlicher als im „Mohammed“.

Ich zweifle daran, daß der Stoff überhaupt zu bewältigen ist, sofern man nicht die Biographie oder den akademischen Text wählt. Mindestens aber müßte man sich auf einen Themenkomplex, auf eine Episode, eine bestimmte Konstellation o.ä. beschränken und somit einen Fokus schaffen, eine Konzentrationsstelle, von der aus man Mohammeds Geschichte erzählen und zu der man zurückkehren kann. Tralow hingegen nutzt das Zeitstrahlprinzip und überfordert sich damit gnadenlos.

So ist zu erklären, daß insbesondere dieser Roman trotz hoher Auflagen nahezu unbeachtet blieb. Der Versuch, die fremde Gestalt heimzuholen, ist trotzdem interessant. Früher Feminismus und Spuren von Antisemitismus prägen ihn ebenso wie der Versuch, der Prophetengestalt menschlich zu begegnen.

Starke Frauenfiguren durchzogen Tralows Romane von jeher, hier artet die Vorliebe für das andere Geschlecht sogar in eine gewisse Altersgeilheit aus. Khadidscha – Tralows Schreibweise – ist der eigentliche Kern des Islam, zumindest in der Anfangsphase. Sie legt dem Propheten die ersten Offenbarungen in den Mund und bestärkt ihn in der Verkündigung. Hinter der Offenbarung steht die weibliche List.

Später übernimmt Aischa diese Rolle, die Tralow als frühreifes und genialisches Mädchen beschreibt, die den Propheten als Neunjährige und bereits kluge, welterfahrende und männerkundige Frauengestalt aktiv zum Geschlechtsakt verführt und danach wie eine Buchhalterin das lebendige Gedächtnis der Lehre ist. Tatsächlich – das ist historisch belegt – vergaß Mohammed mitunter seine eigenen Offenbarungen und mußte von der koranfesten Aischa erinnert werden.

Ganz offensichtlich war Tralow nicht daran interessiert, die gewaltaffinen Seiten des Propheten herauszustreichen. Zwar widmet er dem Konflikt mit den drei jüdischen Stämmen in Medina viel Aufmerksamkeit, verschweigt aber die unvorstellbare Brutalität und folgt sogar der muslimischen Strategie des „Selber Schuld“. Spricht man mit Muslimen und liest man die muslimischen Geschichtsbücher, so wird man durch die Bank eine Apologie des Verhaltens Mohammeds finden: Er sei von den Juden und zuvor bereits von den Mekkanern verfolgt worden – immerhin wollte er uralte verfestigte Machtverhältnisse stürzen – und also seien sie selber Schuld, wenn ihre Köpfe dann im Sand rollen.

So genügt es Tralow, den Juden die Unfähigkeit „einen Witz einmal nicht auszusprechen“ anzuheften, um ihre Verfolgung zu legitimieren. Natürlich mußten das moderne Leser auch auf Auschwitz übertragen und daß derartige Gedankengänge keine offizielle Widerrede fanden, ist bezeichnend.

Umgekehrt wurde das Ende der berühmten Grabenschlacht, mit der Enthauptung von 800 Gefangenen, in die kurzen sarkastischen Worte gefaßt: „Zu Mohammeds großem Verdruß konnte Rabbi Issachar rechtzeitig entkommen. Sonst blieb kein männlicher Kuraiza am Leben“ (366). Was hätte ein Dichter von Rang nicht allein aus dieser Szene machen können!

Freilich kann man vielleicht im Fazit des aufgeblähten Romans, der immerhin einigen Einblick in die arabische Lebenswelt gestattet, sanfte Kritik an der Ulbricht-Partei lesen, wenn Tralow etwa die einsetzende Verknöcherung anspricht: „Von nun an hatte Mohammed, zumindest was seine neuen Anhänger betraf, statt begeisterter Hingabe nur noch Gehorsam als das Haupt eines politischen Gebildes zu erwarten. Er konnte verlangen, was zu erzwingen er in der Lage war.“ (465) Und er erwähnt zumindest die kulturtötende systemische Stagnation: „Nichts durfte also dabei der Willkür überlassen bleiben, für ewige Zeiten sollte es so bleiben wie zu Lebzeiten des Gesandten Gottes.“ (470).

Doch bleibt zu bezweifeln, daß diese geheimen Kassiber im Meer der Langeweile, der Beschönigung, des Selbstbetruges und der internationalistischen Grundbotschaft noch Empfänger fanden. Dazu ist das Werk auch handwerklich zu mißlungen, als daß es Tralow geglückt wäre, ein konzises Fazit zu ziehen.

Es bleibt die Einsicht, daß der große Mohammed-Roman noch geschrieben werden muß. Neben den enormen künstlerischen und historischen Schwierigkeiten gilt es heute auch, sich der Gefahr einer Fatwa zu entziehen, die sowohl Tralow als auch Klabund zu gegenwärtigen hätten, wären sie auch in heutigen Zeiten so mutig wie Salman Rushdie gewesen oder auch nur so leichtgläubig wie Sherry Jones.

 Quelle: Johannes Tralow: Mohammed. Berlin (Ost) 1968
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