Eine Frage der Cornflakes

Möglicherweise auch eine kleine lehrreiche Geschichte.

Unsere Nachbarn in England waren eine Vorzeigefamilie. Er in Singapur und Indonesien aufgewachsen, amerikanischer Staatsbürger, Diplomatenkind und sie Dänin. Als Familie lebten sie unter anderem in New York und sahen den Qualm der Twin Tower an ihrem Fenster vorbeiwabern. Drei Kinder.

Nun lebten sie in der Nähe von Oxford. Die Kinder besuchten eine internationale Schule, teils in der dänischen, teils in der englischen Sektion. Alle mehrsprachig und in vielfältigen Vereinen, Chören, Klubs, Versammlungen … engagiert.

Vielleicht um die Börse ein wenig aufzubessern – sie hatten fast eine Million Pfund Mortgage abzuzahlen – vielleicht auch, um den Kindern noch mehr Abwechslung und Internationalität zu bieten, nahmen sie gern Austauschschüler mit ins Haus.

Zuletzt ein deutsches Mädchen, das ein halbes Jahr Auslandserfahrung sammeln wollte. Ein erster Probemonat war vorgeschrieben, danach wurde der Vertrag über eine Agentur verlängert. Das Mädchen war ein Traum: freundlich, zurückhaltend, bescheiden, es half den Kindern beim Deutschlernen, ging mit dem Hund, tat alles, um bei der Familie bleiben zu können.

So wurde der Vertrag verlängert.

Am Tag danach verlangte das deutsche Mädchen eine bestimmte Marke Cornflakes zum Frühstück. Sie wurden ihr gekauft, wenn auch ungern, denn sie waren teurer als die familienüblichen. Dann wollte sie in die Stadt gefahren werden, fragte nach einer eigenen Musikanlage und als ihr das verwehrt wurde, begann sie schnippisch zu werden, beendete den Deutschunterricht, zog sich auf ihr Zimmer zurück, warf die Türen zu, verweigerte den Hundegang … Kurz: innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich das gute, nette Girl in eine Bitch.

Sie begann die Familie mit ihren Wünschen zu terrorisieren. Sie telefonierte mit ihren Eltern und klagte bei der Agentur. Die Stimmung in der Familie verschlechterte sich zusehends. Um den inneren Frieden zu wahren, wurden ihr widerwillig einige Wünsche erfüllt, andere führten zu endlosen Diskussionen.

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Fremde es geschafft, nachdem ihr Aufenthalt gesichert war, die Familie, besonders die fürsorgliche und herzensgute Mutter, an den Rand der Verzweiflung zu führen.

Die rief irgendwann die Vermittlungsagentur an und zog die Reißleine. Die Deutsche flog vorzeitig nach Hause – es war der letzte Austauschschüler, den die Familie seither genommen hatte.

Und die Moral von der Geschicht? Es gibt immer Ausnahmen! Das deutsche Mädchen war es, wie ich später erfuhr, nicht. Sie war nur die Spitze des Eisberges, Extrem einer sich mehrfach wiederholenden Geschichte.

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3 Gedanken zu “Eine Frage der Cornflakes

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Verstehe schon, worauf Sie hinauswollen, so in etwa „Nimm keine fremden Gäste nicht, weißt nie, was hinterher geschicht“ – leider fehlt im nationalen Rahmen eine Vermittlungsagentur, die lästige Probleme zurück in die Heimat expediert..
    Was im beschriebenen Fall frappiert, ist der schnelle Umschwung bzw. die vorherige, ja was, Verstellung? Die Berechnung und Konfrontationsfreudigkeit. Ist das dann die oft genannte Wohlstandsverwahrlosung, oder schlicht unvorstellbare Verzogenheit? Es geht ja nicht nur um den Charakter, sondern auch um Eltern, die so ein Verhalten anscheinend tolerieren.
    Noch fabelhafter wäre die Geschichte mit dem Dreh, daß eines der Kinder der Familie das Mädel bei seinem Benehmen noch bestärkt: „Meine Eltern sind sowieso mies, die wollen dich nur ausnutzen, Geld haben die genug, sollen sich nicht so anstellen, schließlich bist Du ein Gast.“
    Eines kann man als sicher annehmen: Solcher Art Gäste werden sich besten Gewissens immer selbst als Opfer sehen.

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    • Natürlich ist es schwierig aus Einzelfällen – aber wie gesagt, die Dynamik schien zumindest bei dieser Familie immer wieder einzusetzen – verallgemeinerbare Schlüsse zu ziehen. Jeder Lehrer, sofern er ein affirmatives Verhältnis zu seinen Schülern hat und sich also für sie interessiert, wird Ihnen beschreiben können, wie das Verhalten sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert, meist verschlechtert hat. Die Ursachen sind vielfältig.

      Mir schien diese Geschichte eine geeignete Parabel zu sein, um zu zeigen, daß Absicherung eben auch einen destruktiven Effekt haben kann, gerade in Kontrast zu gestriger Geschichte. Das heißt: Ist im Willkommenssystem mit totaler Absicherung nicht ein geheimer Undankbarkeitseffekt eingebaut, der besonders bei der jüngeren Generation zünden muß, die ohne klassische Werte aufgewachsen ist? Sobald man das Erhoffte hat, wird auf Anspruch umgestellt.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Jedes System, das im Falle der Quertreiberei nicht sanktioniert, setzt Anreize zur Ausnützung. Das mögen aber Rousseau-Anhänger nicht sehen, weil ihnen schon der bloße Gedanke an menschliche Schlechtigkeit zuwider ist. Wir leben wohl in einer zivilisatorischen Spätzeit, in der viele die Rampe gar nicht mehr sehen wollen, die uns hochgeführt hat, um manchen Preis auch, wieviel der sozialen Konformität, die man an sich selbst beobachtet und dann für natürlich nimmt, das Ergebnis vorangehender Erziehung über Generationen ist. Ein Symptom für diese Blindheit ist die naive Selbstverständlichkeit, mit der von Staaten und speziell mächtigen Staaten „moralisches“ Verhalten erwartet wird – man sieht hier das wenig anpassungsfördernde Milieu nicht, und wer tut sich schon den Melierdialog an, um die Sache rein intellektuell zu fassen.

        Bei Einzelkindern (wie mir) würde mich Prinzessinnenhaftigkeit nicht sehr wundern. Ob man hierbei aber von Verstellung reden kann? Dass so viele ihre Ansichten und Erinnerungen offenbar unbewusst und immer wieder neu nach dem Pfeil ausrichten können, der zum jedesmaligen Eigennutz weist, lässt mich daran zweifeln. Besser macht das natürlich nichts. Selbst die Garstigsten fühlen sich nämlich meist mit sich selbst im Reinen, dazu muss man nur eine nicht ganz harmlose Scheidungsepisode bei Freunden beobachten – man selbst ach so gutwillig und unschuldig, die andere Seite aber so egoistisch und bösartig.

        Die heterochthonen unter den hierzulande Anpassungunfähigen dürften allerdings nicht gerade ohne Werte aufgewachsen sein, sondern eben nur mit anderen. Die dann freilich auch nur situativ gelten.

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