Wenn Asylanten scheitern

Kleine Auseinandersetzung mit meinem syrischen Schützling. Der Kontakt wird schriftlich aufrecht erhalten und leidet darunter natürlich. Meist geht die Initiative von mir aus.

Ich frage ihn, wie sein Praktikum im Krankenhaus läuft. Für zehn Tage sollte er einfache Handlanger- und Pflegedienste machen, der ideale Einstieg in seine erhoffte Berufskarriere als Arzt. Im Dezember, beim letzten Besuch, hatten wir noch darüber gescherzt, daß er wohl zehn Tage lang nur Kaffee kochen würde und wischen von früh bis abends. Er sagt: „Ich mache alles“.

Umso erstaunter erfahre ich nun, daß er nach nur einem Tag das Handtuch geworfen und den Einsatz abgebrochen hat.  Er sei krank gewesen. Nun gut, das passiert.

Dann aber auch: „anstrengende Arbeit ohne sprachliche Vorteile“ und „böse Chefin“.

Ich gebe zu, die Antwort entsetzt mich ein wenig und legt sofort versteckte Vorurteile frei. Also frage ich nach und schreibe: „Das ist natürlich schade! Von der Erkältung abgesehen – was ist denn passiert? Wieso war die Chefin böse? Was hat sie gesagt oder getan?

Du solltest dir darüber bewußt sein, daß Mediziner einer der physisch und psychisch anspruchsvollsten Berufe ist. Im Krankenhaus wird in 24-Stunden-Schichten gearbeitet …“

Klug wie er ist, kapiert er natürlich und erklärt: „Ich verstehe ganz gut, was du meinst. Aber meine Arbeit im Helios Klinikum hatte nichts mit dem Medizin zu tun. Ich verbrachte die ganze Zeit mit Putzen, Kaffee und Geschirrspülmaschine, Aufräumen und Müllsäcken. Und hinzu hat die Chefin (Krankenschwester) zu mir so schnell und ohne klare Erklärungen gesprochen, als ob ich Deutscher wäre, und dann geschimpft ,Alles im Arsch‘. Ich hatte  kein Wert in dieser Position. Alles paßte nicht mit meinen Plänen nach der Sprache und das Studium Medizin zusammen.“

Meine Erwiderung: „Ich fürchte, ich muß dir hier widersprechen. Es wäre auch schön, wenn du, bevor du solche wichtigen Entscheidungen triffst, dich mit mir besprichst.

Ich hätte es eigentlich vorher wissen müssen und dich warnen oder darauf einstellen sollen. Daß du das Praktikum abgebrochen hast, war ein Fehler. Höchstens die Erkältung kann das rechtfertigen.

Du solltest darauf vorbereitet sein, daß viele Menschen von dir mehr erwarten als von einem Deutschen. Und nicht alle sind den Flüchtlingen wohl gesinnt. Außerdem sind Leute wie die Krankenschwester einfache Menschen. Vermutlich hat sie Vogtländisch, also Dialekt gesprochen und sie kann auch gar nicht anders.

Vor allem bedenke: wenn es in deinen Akten auftaucht, daß du Praktika oder Kurse abgebrochen hast, wird es schwerer werden, irgendwo angenommen zu werden, denn die Leute werden dann denken: Ach, wieder so einer, der keine Kraft oder keinen Willen hat.

Die deutsche Gesellschaft macht viele Angebote an die Flüchtlinge. Wenn diese nicht angenommen werden, werden die Vorurteile zunehmen. Was meinst du, was die Krankenschwester jetzt über Syrer denkt? Ob das nun richtig ist oder nicht, ist einerlei: So ist die Lage.

Egal, ob dich das Praktikum sprachlich oder medizinisch voranbringt, solche Erfahrungen muß man machen. Und zehn Tage sind zu überstehen. Ich war drei Jahre bei der Armee und habe jeden Tag sinnlose Dinge getan, aber sie haben mich trotzdem voran gebracht.“

Seine Antwort ist kurz und klingt zerknirscht: „Es war ein schlechter Tag und alles war schlagartig gegen mir. Ich konnte es nicht vertragen und bin daran nicht gewöhnt. Es war das erste Mal, daß ich arbeite.“

Immerhin, das sagt ein junger Mann, der im Sommer 2015 durch halb Europa gelaufen ist, der drei Tage in Röszke verbrachte, der seinen Landsleuten hilft und als Autorität gilt, der bisher immer gesagt hatte: Ich mache alles! Und der fällt beim ersten Windstoß um.

All das paßt nicht zu meinem Bild von ihm. Was also könnte passiert sein? War es die Erkältung? Man kann es nicht ausschließen. Aber vielleicht spielt auch folgendes eine Rolle – wir haben es bei Mohammed live verfolgen können: Die jungen Männer sitzen seit anderthalb Jahren auf ihren Zimmern und warten. Sie haben Kurse, wenn sie Glück haben, und sind ein paar Stunden pro Woche beschäftigt – mit Sitzpädagogik. Ansonsten besuchen sie sich gegenseitig, trinken Tee, plaudern leeres Zeug. Wer nicht selbst darauf achtet, vernachlässigt auch noch seinen Körper. Früher oder später müssen psychosomatische Probleme auftreten, mindestens aber wird das innere Energieniveau gesenkt. Allein die Religion und das Gebet geben Halt und einen Rahmen.

Wenn es dann darauf ankommt, ist ein Teil der Männer entkräftet und demotiviert. Das deutsche System hat ihnen Energie geraubt.

Ich glaube und hoffe, daß es sich in diesem Fall um eine Ausnahme handelt. Mein syrischer Eleve ist nach wie vor motiviert und er wird sich – mit konkretem Ziel vor Augen – auch an schwere Arbeit gewöhnen. Aber er ist auch eine intellektuelle Ausnahme.

Andererseits: vielleicht hat ein Handwerker wie Salim oder ein Arbeiter wie Khaled nicht solche Probleme?

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Ein Gedanke zu “Wenn Asylanten scheitern

  1. BRAVO! Auch ich habe oft „niedere“ Arbeiten machen müssen, um wenig Geld zu verdienen. Im Winter faulige Kohlblätter vom Rest der Frucht entfernen, irgendwelche Teile der Industrie zusammen stecken, Kohlen schaufeln, ….. , „irgendjemand muß es machen“, dachte ich mir, die Anderen haben dabei auch nicht gemault.
    Ich frage nur ängstlich : Wer baut in Syrien wieder auf? Werden wohl alle hier bleiben wollen.

    Gefällt 1 Person

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