Hegemoniebegriffe

Vor dem Handeln steht das Denken – im Idealfall. Um zu denken, braucht man Sprache. Sprache bestimmt aber darüber, was wir überhaupt denken können. Wer neu denken will, vielleicht weil eine festgefahrene Situation neue Wege verlangt, muß sich reflexiv seiner Sprache zuwenden. Mitunter gelingt es, Begriffe ausfindig zu machen, die einem alternativen Denkansatz im Wege stehen. Dabei handelt es sich oft um Hegemonie-Begriffe, Begriffe also, die schon durch ihre Nennung und Nutzung Handlungsvorgaben oder Handlungsverbote beinhalten, die moralisch aufgeladen, wertbesetzt sind, Machtansprüche verteidigen.

Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ kennt eine ganze Reihe solcher Begriffe, ja, der Begriff des „Flüchtlings“ selbst und alle seine Korrelate erfüllen den Tatbestand. Man empfand den Suffix –ling als abwertend und wollte ihn durch „Geflüchtete“, „Geflohene“ oder sogar „Flüchtende“ ersetzen. Es wird von „Schutzsuchenden“ gesprochen oder von „Asylsuchenden“, nachdem auch der „Asylant“ sprachpolizeilich aussortiert wurde. Beliebt ist das englische Pendant „Refugee“ – „refuge“ ist der Unterstand, der Zufluchtsort oder als Verb das Gewähren von Zuflucht. … Diese Begriffe thematisieren das Herkommen.

Spiegelbildlich wurde uns von Politik und Medien auch ein ganzes Arsenal an Begriffen des Hinkommens angeboten. Man sprach sehr schnell von „Geschenk“ und „Chance“, von „Bereicherung“ und „künftigen Fachkräften“, von „kommenden Rentenbeitragszahlern“, also von Zukunft.

Derartige Kategorien sollen, bewußt oder unbewußt, performativ wirken, sie sollen das erreichen, was sie sagen; es sind mithin Hegemonie-Begriffe, die mit einer gewissen Subtilität die Deutungshoheit über ein außergewöhnliches Ereignis behaupten. Daher müssen sie hinterfragt und wenn möglich adäquat ersetzt werden. Die Adäquatheit muß sich dabei nicht am zu überwindenden Begriff messen, sondern an der Realität, am Tatbestand.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Begriff „Flüchtling“ ist schon deswegen nicht adäquat brauchbar, weil nur ein Bruchteil der Ankommenden tatsächlich Flüchtlinge sind – also Menschen, die unmittelbar vor einer politisch motivierten Gefahr für Leib und Leben oder einer unmittelbaren Kriegsgefahr fliehen. Es wird fast ausschließlich von Syrern gesprochen, doch machen diese lediglich circa 30% der Ankommenden aus – eine verläßliche Zahl gibt es bislang kaum – und auch unter diesen ist nur ein gewisser Teil unmittelbar aus Kriegsgebieten nach Europa geflohen. Tatsächlich lebten viele von ihnen bereits über längere Zeit in sicheren, wenn auch oft bescheidenen Verhältnissen in der Türkei oder im Libanon, hatten sich oft eigene Existenzen aufgebaut und sind beim besten Willen nicht geflohen.

Auch kann es nicht genügen, aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet zu werden oder am Meer anzustranden, um genuin Flüchtling genannt zu werden. Um den Begriff zu rechtfertigen, kann einzig und allein die Herkunftssituation herangezogen werden, und vor einem harten Leben zu fliehen oder vor einer unmittelbaren Lebensgefahr sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Unabhängig davon sind die Begriffe aus anderen ideologischen Mißbrauchsgründen abzulehnen.  Sie sind mit (a) Signifikanz aufgeladen, (b) durch einen „Diskurs“ okkupiert, (c) handlungsleitende Resultatausdrücke oder (d) handlungsleitende Zielausdrücke.

  • Wer im herrschenden Diskurs „Flüchtling“ (oder einen ähnlichen Ersatzbegriff) nutzt, hat schon recht, denn einem Flüchtling, so gebietet es unser humanistisch-christliches Erbe, muß geholfen werden! Dahinter, hinter diesen zivilisatorischen Standard, dürfen wir nicht zurück. Indem wir aber alle Ankommenden unter diesen Begriff subsumieren, machen wir uns argumentativ impotent.
  • Indem wir diesen Begriff nutzen, stimmen wir unausgesprochen dem Herrschafts-Diskurs bei. Selbst wenn wir de facto gegen die sogenannte „Flüchtlingspolitik“ sind, kommen wir argumentativ nicht aus diesem Sprach- also Denkkäfig heraus.
  • Es handelt sich um „Resultatausdrücke“. Der Begriff stammt, in Anlehnung an Hermann Lübbe und Wilhelm Schapp vom Hagener Philosophen Kurt Röttgers und beschreibt „Ausdrücke, die am Gegenwärtigen seine Gewordenheit semantisch präsent halten“, mithin „Abbreviaturen für Geschichten“ sind (140). Begriffe wie „Narbe“ oder „Witwe“ machen das besonders deutlich: „Wer solche Begriffe richtig gebraucht“, schreibt Röttgers, „der meint die Vergangenheit an der Gegenwart mit … Innerhalb von Geschichten kommen Resultatausdrücke als Kürzel, als narrative Suppositionen für einschließbare Mikro-Erzählungen“ vor. Damit werden sie zur linguistischen Gewalt. Der „Flüchtling“ erzählt immer schon die Geschichte der Not und der Flucht vor ihr, der Begriff impliziert einen kommunikativen Text und ist daher weitgehend interpretationsgeschlossen. Wer gegen die vermeintlichen Interessen (innerhalb des Herrschaftsdiskurses) von „Flüchtlingen“ handelt, hat sich moralisch delegitimiert, weil er die herzzerreißende Mikro-Erzählung, das „Narrem“, nicht ernstzunehmen gewillt ist. Es folgt die lähmende Zuschreibung der Inhumanität und Unmoral. Die Macht der Sprache.
  • Spiegelbildlich handelt es sich bei Begriffen des Hinkommens um Zielausdrücke. Sie entfalten ihre Macht durch die handlungsleitende Vision. Wer sollte denn etwas gegen „zukünftige Fachkräfte, Steuerzahler, Bereicherer etc.“ haben? Nur ein Unmensch oder Nihilist oder ein Neider oder was auch immer. Am „Zielausdruck“ wird die vulgärmarxistische-utopistische Denkhaltung von Politik und Medien am deutlichsten.

Nun käme es also darauf an, alternative Begriffe zu finden, möglichst deutschsprachig, zynismusfrei, nicht hegemonial besetzt, aber doch Resultat- und Zielausdrücke, die freilich die wahre Geschichte erzählen oder die wahren Geschichten, denn selbstverständlich darf die Vielfalt der Hergänge nicht negiert werden; andererseits sollten sie einen Abstraktionsgrad besitzen, der eine Reihe von Geschichten abdecken kann. Eine solche Begrifflichkeit könnte auch einen sachlicheren Zugriff auf die politische Situation erlauben, müßte als Mindestanforderung aber wenigstens den realitätsfernen Hegemonialdiskurs überflüssig machen.

In Anlehnung an die Nachkriegsgeschichte wurde der auch in der deutschen Geschichtsschreibung gebrauchte Begriff der „displaced persons“ vorgeschlagen. Schon der Anglizismus ist unbefriedigend und der historische Vergleich – es handelte sich meist um von den Nazis verschleppte Zwangsarbeiter – macht ihn schnell als unbrauchbar erkenntlich. Ähnlich erginge es einem Begriff wie „Heimatvertriebene“, „Exilanten“, „Staatenlose“ etc.

„Ankommende“ bezeichnet zwar einen momentanen Status, trägt durch seinen performativen und gerundiven Charakter aber bereits zur vorentschiedenen Permanenz bei. Mir scheint, daß eine bessere Begrifflichkeit im Halo der „displaced persons“, der „versetzten“, „verschobenen“, „dislozierten“, „entwurzelten“, „heimatlosen“, „fehlplazierten“, „verrückten“, „verpflanzten“ Menschen etc. möglich sein sollte, ohne daß mir ein wirklich adäquater Begriff einfiele.

Röttgers, Kurt: Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten. Freiburg/München 1982
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2 Gedanken zu “Hegemoniebegriffe

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Der Versuch, in der eigenen Sprache einen Begriff zu prägen, der genau die gewünschten ablativen wie allativen Aspekte enthält wie auch zugleich noch eine Vielfalt alternativer Schicksale, Motive, Wanderwege umfasst, muss wohl scheitern. Allgemeinbegriffe entstehen gewöhnlich durch Übertragung spezieller, weshalb sie oft noch lange deren konnotative Last mittragen, bis sie die verlieren, manchmal zusammen mit der Grundbedeutung. Bei Fremdwörtern gelingt die Ablösung von der Originalbedeutung leichter, etwa weil man die schon gar nicht so genau kennt. Aber genau das gewünschte Aspektbündel selbst auf ein vergleichsweise bedeutungsarmes Wort zu packen, ist wohl allzu schwer.

    Worte unterliegen allerdings wie reale Objekte auch einer Schwerkraft. Euphemismen kommen herunter, indem mit der Zeit die Lehre greift, die der Umgang mit ihren Designaten täglich erteilt. Nehmen Sie den Kretin, der sich aus dem französischen Christen (chrétien) ausdifferenziert hat und dem dabei sogar mehr widerfahren ist, als dass man ihm nur seine Verhüllung („auch nur ein Christ wie wir alle“) genommen hätte. Habent sua fata verba.

    Man muss wohl auf das passende Wort warten, das kann allerdings lange dauern.

    Einstweilen rate ich dazu, die verhüllenden Worte, die Worte, mit denen man ein Gleis für die Empfindungen der Bürger legen will, um sie ins Neue Jerusalem zu fahren, dann eben immer mal wieder ironisch gegen den Strich zu bürsten. Bitte abwechslungsreich und nicht verbiestert, man sollte sich ja nun nicht gerade zu einem Schaf machen, das nur einer anderen Herde angehört.

    Sagen wir also etwa manchmal
    * Hergekommene, darunter nicht wenige Hergerufene.
    * Flüchtlinge zu den Fleischtöpfen Germaniens
    * Flüchtlinge ins Land, in dem Tränen und Unterstützungszahlungen fließen
    * das Auserwählte Volk der Dame
    * Menschen, die uns zeigen, mit wie wenig wir dereinst auskommen werden
    * Menschen, die uns das bunte Kleid Josephs gebracht haben, das wir von uns alleine nie angezogen hätten
    * mehrheitlich dem Teddybären-Bombardement entronnene maghrebinische Syrer
    * usw. usf.

    Ins Leere laufen wird dagegen wohl jeder Versuch, ohne irgendeine Spitze, die an solchen Ausdrücken natürlich auch empfunden werden kann, unseren noch gebannten Landsleuten den Weg zur Aufklärung zu erleichtern. Ohne deutliche Kritik keine Einsicht. Das ad personam meide man selbstverständlich stets.

    Gegenüber den Leithammeln der Traumtänzer in diesem unseren Land erlaube ich mir allerdings etwas schwereres Geschütz.

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    • Hier sieht man wieder mal, was man davon hat, wenn man Kritik erlaubt: man kommt voran! Man sieht weiter, man sieht die eigenen Unzulänglichkeiten!

      Pérégrinateur hat vollkommen recht, die letzte Drehung war eine Überdrehung. Sprache läßt sich nicht machen, sie wächst und treibt mitunter seltsame Blüten. Freilich kann man neue Begriffe kreieren, nur ob sie sich durchsetzen werden, das ist nicht planbar oder aber man zwingt sie auf … was sie schon von Beginn an zu Verlierern macht, auch wenn sie zeitweise gewonnen haben.

      Man muß in der Tat warten, selbst wenn wir gerade auch in einer sprachlichen Beschleunigungsphase leben und Begriffe innerhalb kürzester Zeit enorme Wandlungen durchmachen können und selbst, wenn wir gerade jetzt dringend eine neue Sprachsouveränität bräuchten. Also eine Frage des Kairos: den richtigen Moment abpassen.

      Stefan George: Das Wort

      Wunder von ferne oder traum
      Bracht ich an meines landes saum
      Und harrte bis die graue norn
      Den namen fand in ihrem born –
      Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
      Nun blüht und glänzt es durch die mark …

      Einst langt ich an nach guter fahrt
      Mit einem kleinod reich und zart
      Sie suchte lang und gab mir kund:
      ›So schläft hier nichts auf tiefem grund‹
      Worauf es meiner hand entrann
      Und nie mein land den schatz gewann …

      So lernt ich traurig den verzicht:
      Kein ding sei wo das wort gebricht.

      Zu diesem Gedicht demnächst mehr – schon daher hätte mir dieser „Fehler“ nicht passieren dürfen.

      Bleibt also nur die kritische und/oder ironische Unterlaufung der Hegemoniebegriffe, die Wachheit, die Achtsamkeit und die Gelassenheit und hin und wieder – wenn die Norn einem was zugesteckt hat – zumindest der Versuch, aktiv anders zu sprechen .

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