Die palavernde Klasse

Hurra, die Quasselqueens sind wieder da.

Der Deutsche muß um die Jahreswende nicht nur die Bundesliga entbehren, sondern auch die Talktalker werden ihm als abendliche Sinnstifter entzogen – kein Wunder, daß die Suizidrate um diese Jahreszeit steigt (Vorsicht: Fake News!).

Anne Will („kann aber nicht“) ist wieder da und legt sich mächtig ins Zeug. Es gibt einiges aufzuarbeiten: Terror in Berlin, diverse Silvestervorkommnisse und überhaupt „die Ausländerkriminalität“. „Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern?“ – schon die Frage ist ein böses Symptom einer kränkelnden Gesellschaft; die Antwort steht in den Gesetzestexten.

Einst meinte Ernst Jünger Seismograph spielen zu können – diese Rolle wurde den Restintellektuellen in der öffentlichen Sphäre heutzutage längst entzogen, der Staffelstab an die Talkshows und den Showtalk weitergereicht. Das ist auch der einzige Grund, weshalb man sich durch Stunden öden Geredes hindurchquälen sollte: um die Stimmung im Lande einzufangen.

Gemeinhin muß man dabei auf die Zwischenlaute lauschen und auf das Nichtgesagte. Das hat sich geändert! Daß wir uns in einer Umbruchlage befinden, darauf deutet schon der erste Quasselabend des Jahres hin. Er setzt fort, was die Presse seit drei Wochen bereits vage zu verwirklichen versucht: die Segel neu setzen, in den frischen Wind.

Es tauchen plötzlich unbekannte Sterne am Medienfirmament auf. Besonders leuchtend sind sie, wenn es keine grauen weißen Männer wie Busfahrer Radke oder AfD-Konvertit Reil sind, sondern attraktive, olivefarbene, schwarzhaarige, selbstbewußte Frauen mit türkischen Namen, CDU-Parteibuch und Fronterfahrung in No-Go-Gebieten. So eine hat den Politprofis gerade mächtig die Show gestohlen.

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Da saß zum einen ein fürchterlich gollumesker Edmund Stoiber, nonchalant lächelnd, aber sofort im mundverzerrten, geifernden Erregungsmodus, sobald er das Wort bekam und ihm gegenüber die shitstormumwitterte Simone Peter. Beide Politiker fielen auf Knopfdruck in ihre einstudierten Rollen … und doch, beide wurden auch aus diesen herauskatapultiert. Die Grüne plädierte plötzlich für mehr Polizei und Überwachung als ganz natürliche grüne Politik seit eh und je, der Weißblaue fordert gar die Bundeswehr zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit, falls sich mal wieder irgendwo zufällig  tausend Möchtegern-Nafris versammeln. Die PC-Sprache kennt dafür ein populäres Wort: Populismus.

Dagegen spielte SPD-Bürgermeister Scholz den Eismann und wird von den linksgewalkten Medien gleich als neuer Messias und Spitzenkandidat ins Rennen geschickt. Die SPD-Mehrheitsfraktion bei Spiegel und Focus ahnt wohl, daß auch mit einem verschlankten Gabriel kein Staat zu machen ist, denn wie schon olle Jesus sagte: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ (Matth.15.11)

Bleiben die zwei Migrationshintergründigen – der Sozialpädagoge Samy Charchira war der andere. Sie waren das Highlight und Sinn der Show. Während der eine – ebenfalls mit Fronterfahrung – das alte Lied der Gefühlshermeneutik (alles verstehen ist alles verzeihen) sang, schlug Frau Tekkal (Tekkal, Tekkal, Tekkal, muß man sich merken) ganz ungewohnte Töne an. Sie sprach Klartext und das auch noch auf angenehme und eloquente Weise. Und so gelangen ihr gleich mehrere Wortschöpfungen, die das Zeug haben, zum Dauerrenner zu werden und vielleicht sogar mal die ehrenvolle Trophäe für das „Unwort des Jahres“ zu gewinnen.

„Flüchtling ist kein Beruf“ ist so eine Formel. „Ich will nicht ethnisieren, aber die Ethnie spielt manchmal eine unsägliche Rolle“, „der Rechtsstaat vollzieht die Rechtsanwendung nicht“, oder die Unterscheidung zwischen „Fake-Refugee und echtem Flüchtling“ sind weitere. Und auch der Satz „Es gibt keinen Kulturrabatt für Straftäter“ hat das Zeug zum Klassiker. Das Publikum, vollkommen perplex, saß schocksteif da und wagte den Applaus, trotz zuckender Hände und beifälligen Nickens, (noch) nicht.

So hat die Journalistin die Politiker entzaubert. Das ist kein großes Wunder mehr in der postcolognealen Welt.

Was aber wirklich verwundert und ein klein wenig hoffen läßt: daß auch die großen Blätter mittlerweile gewisse Sympathien für realistische Einschätzungen bekunden, zumindest aber die rotgrüne und grüngrüne Soße sehen, in der sie selber schwimmen – sie will ihnen plötzlich nicht mehr schmecken.

Gnadenlos richtet die Huff ihren üblichen Haß nun unüblich gegen die Grüne, spricht der Focus böse vom Peter-Prinzip, die Welt sieht die Frau blamiert, die FAZ beteiligt sich am Schwarze-Peter-Spiel, auch der Spiegel springt nicht schützend bei und selbst Prantls Leibblatt hält sie schon für zu eifrig  …

Ist das jetzt schon ein Sündenbock, eine rituelle oder symbolische Kreuzigung oder Schächtung? Will man das Grüne retten, indem man die Grüne hinopfert oder handelt es sich um ganz ordinären Opportunismus … ?

Wir sind gespannt – die nächste Quasselbude öffnet gewiß.

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3 Gedanken zu “Die palavernde Klasse

  1. Kurt Droffe schreibt:

    „Talk is cheap“, heißt es im Englischen, und das kommt mir immer in den Sinn, wenn ich über solche Shows lese. Wir können uns sicher sein, daß alle Parteien in nächster Zeit nicht ihre linken Frontleute, sondern ihre angestaubten „Konservativen“, „Hardliner“, „Pragmatiker“, „Realisten“ etc. in diesen Shows ins Rennen schicken werden. Wo sie uns dann den Eindruck vermitteln sollen, man kümmere sich, werde sich kümmern, nehme Bedenken ernst etc.
    Sehe ich bloß nix von: keine Gesetzgebungsvorhaben, keine Planung für die nächsten Migrationswellen, kein grundsätzliches Überdenken der Tauglichkeit des Asylrechts, von den anderen rot-grünen Politikfeldern, von Euro-Krise u.a.m. ganz abgesehen.
    Nach den Wahlen dieses Jahres werden diese Leute dann wieder zurückgepfiffen werden. Ich traue diesen Parteien nicht so weit, wie ich spucken kann.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Danke für den Überblick! Ich wollte mir das nicht antun, und als fernseh- und radioloser Nurleser nehme ich es dann gewöhnlich gar nicht wahr. Hoffen wir, dass sich die postcolognale – ein schöner Neologismus! – Zeit sogar zu einer postirrealen mausert, und rupfen wir selbst dazu die eine oder andere faule Feder aus, auch wenn die dummen Hühner dabei Schmerzen leiden. Das aufgeregte Gackern dabei ist ganz gut zu ertragen, aber das Hacken mit dem Schnabel ist unangenehm.

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