Europäische Szenen

Sage noch einer, Europa funktioniere nicht oder Schengen sei gescheitert. Es genügt eine einzige Autofahrt nach Ungarn, um diese Verleumder zu überführen.

Schon nach Wien wird das Straßenbild deutlich europäischer. Wagen mit vornehmlich rumänischen und bulgarischen, dazwischen auch moldawischen oder ukrainischen Kennzeichen, werden immer öfter überholt. Sie können nicht so schnell, denn sie haben schwere Anhänger zu ziehen, manchmal auch zwei.

In Ungarn wird es dann unübersehbar – oder muß man sagen: unübersichtlich? Jedes zwölfte oder fünfzehnte Gefährt stammt nun aus den schönen Ländern vom Balkan. Entweder sind es weiße Transporter oder kraftvolle PKW. In der Regel lehnt ein Arm lässig aus dem Fenster, der das Lenkrad locker hält, während die Rechte mit einer Zigarette oder einem Handy beschäftigt ist; das Gesicht meist unrasiert. Nicht selten hängen ausgediente deutsche Firmenanhänger hinten dran – eine Fleischerei aus Bochum oder ein Handwerksbetrieb aus Castrop-Rauxel.

Darauf oder darin: Autos. Immer wieder Autos. Meist ohne, und wenn doch mit, dann mit deutschem Nummernschild. Manchmal sind es Unfallwagen, Schrottwagen sogar, aber es können auch kunstvoll-individuell gespritzte Luxuskarossen sein. Man scheint es im Süden zu lieben, gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, man wittert förmlich die berühmte Arbeitslust, aus den Blechkisten wieder etwas zu machen, denn ein Fahrer kann auch gleich mal zwei oder drei Karossen transportieren oder einen Pflug und zwei Autos oder eine verschlissene Pferdebox und zwei Autos … und wer weiß, was in den geschlossenen Transportern harrt.

So rauschen sie ungebremst durch halb Europa. Kein Mensch vermutlich ahnt, ob diese Wagen irgendwo verschwunden oder wo – wenn überhaupt – sie erworben wurden.

Aufmerksam wird an der Tankstelle unser alter Golf beäugt. Wir gehen besser nicht zusammen zur Toilette, damit nachher nicht zwei Karren dort stehen. Was ihn plötzlich so attraktiv macht, ist vermutlich die Technik, die fehlende. Man kann an ihm noch mit Hammer und Zange fast alles reparieren oder ausschlachten, während die hochtechnologisierten Neuwagen den verschwitzten ölverschmierten Handwerker im Hinterhof überfordern dürften.

An der Grenze in Nickelsdorf spielt sich – ein Jahr nach den Chaostagen – eine weitere typisch europäische Szene ab. Neben uns halten zwei junge Männer mit dunklerem Teint in zwei Schlitten. Ein Wagen trägt ein Essener Kennzeichen, der andere ein mir unbekanntes – Gibraltar vielleicht, Monaco, San Marino, Lichtenstein …? Sie steigen aus, sie sprechen ein südländisches Idiom. Direkt vor der Mautstation wird der Schraubenzieher gezückt und am helllichten Tage die blauen  Nummernschilder gegen ungarische ersetzt. Dann springen die beiden wieder in ihre Sitze und brausen davon.

Als Geburtsdeutscher kann ich nicht anders, als dieses seltsame Gebaren zu melden. Der junge Mann am Change-Schalter schaut mich verwundert an. „Das passiert hier jeden Tag“, sagt er. „Aber das macht es doch nicht legal“, antworte ich. Also informiert er gelangweilt die österreichische Polizei und versichert mir: „Die haben es sich aufgeschrieben.“ Beruhigt fahren wir weiter – bald werden die mutmaßlichen Ganoven gefaßt werden.

Das nenne ich europäische Zusammenarbeit!

 

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