Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, denn nur wenn man die kleinfaserigen Differenzen bemerkt, wenn man an die tief verwurzelten, unabänderlichen Geheimnisse einer nationalen oder volklischen Mentalität gelangt, kann man begreifen, daß unter allem ein Fluß aus Werten, Ideen, Traditionen, Regeln, Gesten, Normen, Prämissen, Selbstverständlichkeiten, Unbewußtem, Mythen … Vorverständnissen fließt, der nur unter größten Mühen und in den seltensten Fällen wirklich zu überwinden ist.

Anders ist es bei den in der Fremde geborenen; sie werden in diesen prägenden Fluß hineingeworfen und widerstandslos mitgenommen – sofern sie von der Familienkultur frei gelassen werden.

4 Gedanken zu “Unter der Wurzel der Fluß

  1. Anna schreibt:

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Ich habe einige Jahre in Frankreich gelebt und nach einer gewissen Zeit, vor allem nachdem ich die Sprache beherrschte, trat eine Art Ernüchterung ein. Es stellte sich heraus, dass die Franzosen auch nicht kultivierter, freundlicher oder gar raffinierter sind als die Deutschen. Das Einzige was von meinen Vorurteiln blieb war, dass sie im allgemeinen bessere Nahrungsmittel hatten und sehr viel besser kochen können als in Deutschland – wieder allgemein gesprochen.

    Mir scheint, dass die Sprache ein wichtiger Teil der „Verwurzelung“ ist, denn sie drückt ja die Träume, Mythen und Glaubenssätze aus, welche die Kultur ausmachen…

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  2. Gestern sprach ich mit einer Frau, Deutsche, die Weihnachten bei ihrer ausgewanderten Schwiegerfamilie im Silicon Valley verbrachte. Sie erzählte viel von der völligen Entwurzelung des Weihnachtsfestes, so würde ich es jedenfalls ausdrücken („Season’s Greetings“, „Happy Holidays“, „Winter Festivity“ – ich selber hatte auch von einer amerikanischen Freundin eine Weihnachtskarte bekommen, Walt Whitman darauf zitiert mit dem Nullsprech: „Peace is always beautiful“). Sie erzählte und erzählte, auch eine jüdische Familie hatten sie am ersten Feiertag besucht, bei denen Chanukkah, man öffnete die Türe in „ugly Christmas pyjamas“. Ihre Schwiegermutter sagte, auf die Frage, welche Religion denn dort irgendwie die vorherrschende sei: „Der Konsum natürlich.“

    Und hat all das – eine kurze Urlaubsreise freilich, aber nicht die erste dieser Frau und ihrer Familie zu ihrer Herkunftsfamilie – irgendeinen Reflexionsprozeß angeregt, das Eigene zu erkennen?

    Nichts dergleichen. Ich fragte, ob sie denn überhaupt hätten in die Kirche gehen können, sie antwortete, ja, ihre Schwiegermutter wäre sehr spirituell, und da wären sie zu einem Konzert in ihr Zentrum gegangen. Ich sagte, je nun, das sei eben die Lage, wenn es keine Leitkultur gäbe. Darauf sie: “ Aber das ist doch total toll, wenn es ganz viele Religionen gibt!“. Das mit der Konsumreligion fand sie auch arg, aber zog daraus eben keinerlei Schlüsse, woher das rührt und wie sich dazu verhalten, weil ihr daraus kein Verlustbewußtsein erwuchs, sondern nur oberflächliche Freude über die „Diversity“.

    Hatte sie jetzt die Wurzeln unter dem Fluß der Amerikaner entdeckt?

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    • Hans Blumenberg hat ja immer wieder darauf aufmerksam gemacht, „wie Metaphern dirigieren, führen und verführen, jedenfalls die bloße Fortsetzung einer Gedankenkette antreiben und anleiten.“ („Schiffbruch mit Zuschauer“)

      Insofern will ich vorsichtig sein und dieses Versuchsbild nicht allzuweit fortführen. Aber es tat sich die Frage auf, ob das, was Sie beschreiben, „typisch amerikanisch“ ist? Und wenn dem so sein sollte, dann haben wir eine spezifische Situation, denn die Amerikaner haben keine Wurzel, keine so tief reichende, keine Tief- und Pfahlwurzeln. Sie sind eher ein Myzel aus verschiedenen Arten. Die einzige wirkliche Wurzel, die indianische, wurde gleich zu Beginn heraus gerissen.

      Das liegt vielleicht am Grund unserer Problematik: Daß ausgerechnet die wurzellose – und damit eben flexiblere und anpassungsfähigere, auch technikaffinere – Gesellschaftsform zur globalen Leitkultur werden mußte. Der 12. Oktober 1492 ist das Schicksaldatum. Sloterdijk hat es in mehreren Anläufen als solches vorausgesetzt.

      Seither ist Amerika ein gemischtes Myzel über den Niagara-Fällen. Es kennt keine Lethe, keinen Archeron, keinen Styx …, keinen Rhein, keine Wolga, keinen Nil … keinen trägen und tragenden Fluß, der in die Tiefen des Mythos und der dunklen Geschichte hinabreicht.

      Die Europäer haben sich die rasenden Wasser nun auf den eigenen Kontinent umgeleitet und die eigenen Flüsse zudem begradigt.

      … nun bin ich dem Bild doch aufgesessen ….

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Zur Wurzellosigkeit: Entsetzlich viele Deutschen haben einen sehr religiösen Dreh in den Hirnwindungen: Kritikaversion, Häretikerverfolgung, Gesinnungsethik, vorhiobscher Glaube an den Tun-Ergehen-Zusammenhang, moralischer Dogmatismus, Wunderglaube an das Gedächtnis des Wassers, Furcht vor Wasseradern und eisernen Bettrosten, manche importieren dazu noch Feng Shui, weil die Stockaustriebe des autochthonen magischen Denkens alleine ihnen nicht mehr genügen. Das Merkelsche „Wir schaffen das“ sagt in nichtnuminosen Worten ungefähr das Gleiche wie Luthers „Und wenn die Welt voll Teufel wär … es soll uns doch gelingen.“ Auf so eine Identität verzichte zumindest ich sehr gerne. Ich möchte stattdessen Prometheus haben und sein Feuer und dazu altgriechisches Maß!

        Zun den begradigten Flüssen im letzten Satz: Inzwischen krümmen aber zumindest die Deutschen wieder fleißig ihre Fließgewässer. Oft nach einer mit Lineal und Zirkel oder nach kubischem Spline gezogenen Ideallinie, mit einheitlicher Böschungsneigung usw. Wenn sie doch mal einen Steinblock hineinsetzen, muss der in einer Buntsandsteingegend aus Muschelkalk sein und in einer Muschelkalkgegend aus Diorit. Wenn man sich das im Zustand unmittelbar nach der Neugestaltung anschaut, fragt man sich, ob man dazu weinen oder lachen soll. Denn es genügte ja meist, die Gewässer natürlich ausufern zu lassen und 100 oder 200 Jahre zu warten. Jeht aba nich. In den 1920er und 1930er Jahren musste man unbedingt begradigen, um die Anbaufläche zu vergrößern, heute muss man wieder krümmen, aus Natur- … pardon, das natürlich am wenigsten … aus Umweltschutzgründen. Und wenn wir dereinst wohl unsere Hochöfen mit biologisch-dynamisch erzeugter Holzkohle (CO₂-neutral!) betreiben werden, braucht man sicher wieder mehr Anbaufläche und das Spiel geht von vorne los.

        Vielleicht bin ich aber auch ungerecht, und der eigentliche Antrieb ist, dass den Wasserwirtschaftsämtern, nachdem sie möglichst viel begradigt haben, nun die Arbeit nicht ausgehen darf. Ach so, Beamtenversorgung, noch so ein Identitätsapekt …

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