Volklichkeit

Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)

Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!

Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?


Ist’s der Mund, vielleicht die Nase,
woran man es erkennen soll?
Findet man’s, versteckt vor allen,
Nur in Hünengrabes Hallen?
Ist es hinter Pflug und Knick
Jeder Fleischkloß grob und dick?
Mit Verlaub zu fragen!

Priester, Adel, Bürger, Bauer,
Künstler, Lehrer, Steuermann,
sind sie alle denn des Teufels,
wenn man sie deutlich unterscheiden kann?
Was soll gelten hier alleine:
Meine Ansicht oder deine?
Soll’n wir alle nunmehr streiten
Ärger schaffen auf beiden Seiten?
Mit Verlaub zu fragen!

Sieben Kluge müssen passen,
wenn ein einz’ger Tor so fragt;
selbst wenn sie als Weise gelten,
wird die Antwort stets vertagt.
Doch, wie dumm auch Fragen fallen,
Antwort gibt`s in Odins Hallen,
Antwort gibt’s an Odins Brust,
Antwort Mimer hat gewußt!
Schallt es aus dem Walde!

Völker gab`s in alten Tagen,
sowohl große, als auch klein.
Ob’s noch immer Völker gibt,
soll nun hier bewiesen sein:
Volkes Geister sind alle wach,
die einen flink, die andren schwach,
was ein jedes kann und will:
alles setzen auf das Spiel
Schallt es aus dem Walde!

Blut, Geburt sind Volkes-Gründe,
nicht Ideenhauch und wen’ger Stahl.
Doch des Volkes Muttersprache
Ist der Grund noch überall.
Wie sie klingt, und wie sie schafft:
Wie bei Dänen, so bei Juden,
hält sie insgeheim verbunden,
Geistes oder Himmels Kraft.
Schallt es aus dem Walde!

Alle, die zum Volk gehören,
die sich selbst zu ihm bekannt,
freuen sich der Muttersprache,
brennen für das Vaterland.
Die sich nicht zum Volk bekennen,
sondern eigenwillig trennen
selbst vom eigenen Geschlecht,
leugnen selbst ihr Bürgerrecht!
Schallt es aus dem Walde!

Brechen nun des Reiches Stände
Aus gemeinem Volksgeist aus,
handeln Kopf und Füß‘ und Hände
lächerlich auf eigne Faust;
dann ist ja das Reich zerrissen,
und der Väter Zeit gewesen;
müde schläft das Volk dann ein,
schwer wird es zu wecken sein!
Schallt es aus dem Walde!

War der gute Geist des Volkes
Mehr als Luft und Windigkeit,
wartet es getrost, daß Leben
eingeatmet wird erneut:
Wird das gyldne Jahr entfalten
Nachglanz der Goldzeit der Alten;
Offenbar wird alles dort,
licht das Leben, klar das Wort!
Schallt es aus dem Walde!

So auf uns nun hier im Norden
Atmet unser Volkesgeist,
bricht mit unsrer Pest den Frieden,
Deutsch des Landes verweist,
weckt im ganzen Dänenreiche
all das Dän’sche, Volkesgleiche,
daß es uns in Kopf und Brust,
Schrift und Stimme wird bewußt!
Schallt es aus dem Walde!

Werden dänisch die Gesetze,
dänisch Schulen neugestalt,
dänisch Pflüge wie Gedanken,
neu wird unser Ruf so alt:
„Dänen ist das Glück gegeben,
auf dem Meer in Fried zu leben.“
Was das Volk dann denkt, faßt an,
volklich ist das Ganze dann!
Schallt es aus dem Walde!

Priester, Adel, Bürger, Bauern,
Künstler, Schiffer, Lehrerstand
heißen Übel, was undänisch,
kämpfen für des Dänen Land.
Trotz verschied’nen Werkbereichen
Alle doch einander gleichen,
teilen doch Geburt und Blut,
Muttersprache, Löwenmut!
Schallt es aus dem Walde!

Unser Väter Kämpen, Skalden,
Schicksal, Glück und Rat und Tat
Nennen Dänen all ihr eigen,
fragen Mimer gern um Rat.
Unter Buchen best zumute
Erinnern sie den Friedenskönig (Freyr),
starr’n verzückt auf Wellen blau,
spielen noch, wenn’s Haar schon grau!
Schallt es aus dem Walde!

Volklich ist in unserm Lande
Eines noch aus Herzensgrund:
Volklich ist das Lied der Liebe,
dänisch echt zu jeder Stund;
nicht im Feld und nicht im Tinge
Frau’n und Kinder zähln geringe;
Wie sich alles auch erweist,
Dänisch immer Liebe heißt!
Schallt es aus dem Walde!

Quelle: „Folkeligheden
Von mir korrigierte Übersetzung nach: N.F.S. Grundtvig – Schriften in Auswahl. Göttingen 2010, S. 567 ff.

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