Guter Hoffnung

Über den Jahreswechsel konnten wir uns nicht sehen. Khaled war in Stuttgart.

Nun schreibt er eine kurze Mail.

Ihm geht es gut, seit einem Monat macht er einen Kurs, den er in sechs Monaten beenden wird.

Wir erinnern uns. Im August hatte Khaled geheiratet, eine syrische Frau, die er bereits aus seiner Heimat vage kannte.

Sie ist guter Hoffnung! Darauf hatte ich nur gewartet. Seine Hochzeitsnachtängste hat er also überwunden.

Im Islam und in der religiösen syrischen Gesellschaft – das versichert mir auch Hussain – ist die Verhütung nicht erlaubt, ausgenommen bei ernsthaften gesundheitlichen Risiken für Mutter oder Kind, inklusive Behinderungen.

Jetzt wurde die „Gebärmaschine“ angeworfen. Khaleds Frau verzichtet auf die Verfolgung ihrer beruflichen Karriere und bekommt ein Kind.

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6 Gedanken zu “Guter Hoffnung

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ein wahrlich weites Feld.
    Nun, ich wollte die westliche Einstellung zu Liebe und Heirat weniger kritisieren als auf ihre Folgen hinweisen. Sicher, die westliche Liebesehe endet oft in Entfremdung und Scheidung; ob bei der anderen Variante nicht ebensooft triste Arrangements herauskommen, bliebe zu prüfen. Die eine Variante kennt den „Ehrenmord“, die andere den “Mord aus Eifersucht“ – es hat alles so seine Vor- und Nachteile. Mir kam es ja in dem Zusammenhang nur auf Unterschiede im Kinderkriegen drauf an.
    Ich selbst befände mich vielleicht am wohlsten mit den Arrangements des Ancien Régime: Die sachlich begründete Ehe in Verbindung mit der ein oder anderen Seelenfreundin und Maitresse zur Rechten und zur Linken und ggfs. einer erheblichen Zahl an „fils naturels“…
    Und zuletzt für unsere Nietzscheaner: In „Menschliches, Allzumenschliches“, so meine ich, befaßt er sich in einem Aphorismus mit genau solch einer Frage.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Jetzt zwingen Sie mich, doch nachzusehen; nein, ich erinnerte mich an das hier:
        „Aus der Zukunft der Ehe. – Jene edlen, freigesinnten Frauen, welche die Erziehung und Erhebung des weiblichen Geschlechtes sich zur Aufgabe stellen, sollen einen Gesichtspunct nicht übersehen: die Ehe in ihrer höheren Auffassung gedacht, als Seelenfreundschaft zweier Menschen verschiedenen Geschlechts, also so, wie sie von der Zukunft erhofft wird, zum Zweck der Erzeugung und Erziehung einer neuen Generation geschlossen, – eine solche Ehe, welche das Sinnliche gleichsam nur als ein seltenes, gelegentliches Mittel für einen grösseren Zweck gebraucht, bedarf wahrscheinlich, wie man besorgen muss, einer natürlichen Beihülfe, des Concubinats ; denn wenn aus Gründen der Gesundheit des Mannes das Eheweib auch zur alleinigen Befriedigung des geschlechtlichen Bedürfnisses dienen soll, so wird bei der Wahl einer Gattin schon ein falscher, den angedeuteten Zielen entgegengesetzter Gesichtspunct maassgebend sein: die Erzielung der Nachkommenschaft wird zufällig, die glückliche Erziehung höchst unwahrscheinlich. Eine gute Gattin, welche Freundin, Gehülfin, Gebärerin, Mutter, Familienhaupt, Verwalterin sein soll, ja vielleicht abgesondert von dem Manne ihrem eigenen Geschäft und Amte vorzustehen hat, kann nicht zugleich Concubine sein: es hiesse im Allgemeinen zu viel von ihr verlangen. Somit könnte in Zukunft das Umgekehrte dessen eintreten, was zu Perikles‘ Zeiten in Athen sich begab: die Männer, welche damals an ihren Eheweibern nicht viel mehr als Concubinen hatten, wandten sich nebenbei zu den Aspasien, weil sie nach den Reizen einer kopf- und herzbefreienden Geselligkeit verlangten, wie eine solche nur die Anmuth und geistige Biegsamkeit der Frauen zu schaffen vermag. Alle menschlichen Institutionen, wie die Ehe, gestatten nur einen mässigen Grad von praktischer Idealisirung, widrigenfalls sofort grobe Remeduren nöthig werden.“
        Das paßt nun auch nicht ganz genau auf unsere Beobachtungen, aber dennoch. Und der letzte Satz ist doch wunderbar, da fällt mir gleich noch so einiges andere ein..

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Im gestrigen Post wurden Gründe genannt, warum viele deutsche Frauen keine Kinder haben, unter anderem die gewünschte Karriere – und das ist sicher bei Akademikerinnen oft richtig. Mir scheint ein wesentlicher Unterschied aber auch im unterschiedlichen Eheverständnis zu liegen: „Dort“ will (und soll) man (ein Khaled) eine Familie gründen und eine Frau/einen Mann haben – wer das dann ist, scheint, zumindest gefühlsmäßig, eher nachrangig, und so wird eben jemand schon irgendwie gefunden. Bei „uns“ ist das infolge eines anderen, aufgeklärt-romantischen, d. h. erst maximal 200 Jahre alten Liebesbegriffs schichtenübergreifend anders: Familiengründung ist da nicht Ziel, sondern Ergebnis der schicksalhaften Liebe – wo die nicht gefunden (!) wird, da bleiben die Kinder eben aus. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis die eine oder andere alleinstehende Frau, bei denen zwar nicht der Wunsch nach Kindern, wohl aber „Mr. Right“ bzw. die erforderliche Kompromißbereitschaft bei der Partnerwahl gefehlt haben.
    Bei diesem vorromantischen Eheverständnis kommt nach meinem Eindruck dann auch so manche Frau (und das ist jetzt böse gesagt, aber gar nicht gemeint) unter die Haube, die „bei uns“ keinen Mann bekäme – mir scheint (!) in dieser Hinsicht das gewissermaßen mehr instrumentelle, pragmatische und unromantische Eheverständnis anderer Kulturkreise fast humaner (Houellebecq!, wird jetzt vielleicht einer rufen).
    Natürlich ist auch die romantische Liebe „Selbstverwirklichung“, wenn auch nicht über die Karriere. Und daß auch die Akzeptanz homosexueller Partnerschaft in den letzten 50 Jahren im Westen nahezu universell ist, dürfte die Reproduktionsrate m. E. ebenfalls kräftig gedrückt haben: in Gesellschaften, in denen Homosexualität verpönt, wenn nicht sanktioniert ist, bekamen eben auch die Homosexuellen in konventionellen Ehen oft noch Kinder – bei uns ist das (zum Glück) meist nicht mehr so.
    Zumindest beim Thema „Zuwanderung“ mit all seinen Implikationen resultiert aus der grassierenden Kinderlosigkeit eine fatale, schwer auszugleichende Divergenz der Sichtachsen: Es fällt mir schwer, mit einer, aus den angesprochenen Gründen kinderlosen Freundin darüber zu diskutieren, was es bedeutet, wenn man sich mehr und mehr Gedanken machen muß, wo man seine Kinder noch alleine hingehen lassen möchte, welche Probleme sich in der Schule plötzlich ergeben, wofür man anfangen muß, Geld zurückzulegen (doch ein Auto? Auslandsaufenthalt der Sprache wegen?). Das wird dann schnell abgetan als Angstmacherei, Übertreibung etc. Und gerade das Argument „Du hast ja gar keine Kinder“ kommt im persönlichen Umgang mit Frauen nicht wirklich gut – da wird ein Sachargument sofort als argumentum ad feminam und überdies als perfide wahrgenommen…

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Wenn ein doch sicher nicht ganz dummer Mensch wie Montaigne geradezu anrät, die Heiraten sollten besser nicht von den künftigen Eheleuten selbst, sondern von ihren Eltern eingefädelt werden – weil die den längeren Blick haben und weniger den Rauschgefühlen der Liebe unterliegen – dann sollte einem das zu denken geben. In der Tat bemerkt man nämlich umgekehrt auch häufig, wie sich in ihrer Verliebtheit Liierende ganz fundamentale und für alle anderen erkennbare Unverträglichkeiten gar nicht selbst bemerken; das jammervolle Ende ist da oft leicht zu prognostizieren. Die romantische Liebe richtet also nach zwei Seiten Verheerungen an, durch Verhinderung wie durch Begünstigung von Ehen. Es wäre oft schon viel gewonnen, wenn die Kandidaten wenigstens mitbedächten, worüber sie sich wohl mit der Gegenpartei nach 10 oder 20 Jahren noch werden unterhalten können.

      Überhaupt frage ich mich, was Wundervolles man denn vom fleißig gesuchten „idealen Partner“ zu erwarten haben sollte. An sich selbst und im Freundeskreis erkennt man doch oft genug, dass man zwar vielleicht etwas sehr Eigenes, aber so etwas ganz Besonderes denn doch nicht ist. Wie sollten man dann so einen Wundervogel finden?

      Danke übrigens, dass sie die Selbstverwirklichung in Anführungszeichen gesetzt haben. Ein edles Etikett auf einer Flasche, die oft nichts besonders Exquisites enthält – oder sogar nur Luft. Über Konkretes lässt sich ja reden, so lächerlich solche Wünsche auch teilweise sein mögen: Ich will viel reisen, ich will den Mount Everest besteigen, ich will eine Yacht haben, ich will mir einen Namen machen, ich will über eine Hundertschaft im Beruf gebieten, ich will reich werden, ich will der Hahn im Korb sein, alle sollen mich fürchten … Aber was ist denn bloß dieses verschwommene Selbst für ein Ding?

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      • In der Kritik der romantischen Liebe kann ich meinen beiden Vorrednern nur zustimmen. Hinzu kommt freilich noch, zumindest wenn wir vom islamischen oder arabischen Kontext sprechen, daß mit dem Eingehen der Ehe eine klare Rollen- und Aufgabenverteilung einhergeht, die – man muß es wohl so sagen -, sich an den natürlichen Gegebenheiten und Vorgaben orientiert. Selbst die Vielehe wird dann meist hingenommen, auch wenn sie die Gefühle der Frauen verletzt: Gerade eben hat der „Spiegel“ im phänomenologischen, also fast wertfreien Ton, uns mit einem solchen Exempel bereichtert: http://www.spiegel.de/video/jaafars-videoblog-die-vielehe-in-deutschland-video-1732662.html

        Auch Khaleds amouröse Geschichte ist kurz und läßt sich, wie beschrieben, auf einen herausgerissenen Wisch reduzieren: Du machst dies und jenes, dafür bekommst du das und das … so wahr dir Gott helfe oder so ähnlich. Und es funktioniert, es hat zu funktionieren.

        Ärger entsteht erst dann, wenn einer der Partner beginnt, sich „selbst zu verwirklichen“ (von psychischen oder physischen Fehlveranlagungen abgesehen, die im Islam ein Scheidungsgrund sind: Gewalttätigkeit, Sexsucht bis Impotenz).

        Eindrücklich hat das Ahmed Akkari beschrieben, der das bislang wichtigste Buch über den Islamismus verfaßt hat.

        Er traf seine Frau im Libanon für ein paar von der Mutter und Tante überwachte Stunden (im Vollschutz natürlich), worauf sie sich in ihn „verliebte“. Sie heirateten und bekamen Kinder. Akkari jedoch war dänisch sozialisiert und hatte also ständig neue Projekte und Ideen im Kopf. Die Frau, die davon nicht viel verstand, hätte das ertragen, aber ihm war sie einerseits wohl ein Hindernis und andererseits – und das sagt er ganz deutlich – konnte er sie nicht lieben.

        Als westl. geprägter Muslim war für ihn die Liebe zur Zentralkategorie geworden. Er ließ sich scheiden ….

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