Besuch bei Hussain

Diesmal komme ich unangemeldet und überraschend. Wir haben uns lange nicht gesehen.

Hussain ist nun doch in Plauen geblieben. Sein Plan, nach Leipzig zu ziehen, scheiterte an einer geeigneten Wohnung, aber ich glaube, er hat gar nicht ernsthaft gesucht. Hier hatte er einen neuen Kurs angeboten bekommen und freie Wohnungen gibt es hunderte. Die zugeteilte Wohnung mußte er verlassen, nun wohnt er in einem großen Block, maximal unpersönlich, aber doch modern und hell eingerichtet. Ein Zimmer mit Bad.

Er freut sich, das sieht man ihm an. Die Luft ist etwas stickig, gerade hatte ihn ein Freund verlassen. Ein großer Teller von Sonnenblumenkernhülsen und vier benutzte Kaffeetassen legen Zeugnis ab und die Syrer lüften im Winter nicht gern.

Wir brauchen keine Minute um wieder warm zu werden. Im Moment macht er einen Kurs an der Volkshochschule, zwei Mal die Woche und mit eigenem Geld bezahlt: 100 Euro. Er sagt: „Ich will etwas machen, will nützlich sein“. Anfang Januar bekommt er ein zehntägiges Praktikum im Helios-Krankenhaus. Er zeigt mir die Arbeitsbeschreibung, auf der steht, was er tun und lernen darf und was tabu ist. Thermometer austeilen und Reinigungsarbeiten und Kaffeekochen, Betten nach Standard beziehen … werden seine Betätigungsfelder sein sowie hygienische Maßnahmen erlernen. Verboten sind ihm Injektionen oder Kanülen legen. „Ich vermute“ sage ich, „du wirst vor allem Kaffee machen und Kehren“. Er lacht: „Egal! Ich mach alles. Aber ich kann das und das“ – er zeigt auf die Injektion und die Kanüle – „ich habe das schon gemacht.“ Wie das? Sein Bruder ist Arzt und der hat es ihm beigebracht und da hat er es bei Großvater und Tante schon geübt. Nur das Blutnehmen ging schief.

Irgendwo hat er eine Einführung in die Psychiatrie aufgetrieben. Die liest er jetzt, Wort für Wort – überall stehen arabische Übersetzungen über den Begriffen – um sein Deutsch zu verbessern, um seinem Traum, wie der Bruder Arzt zu werden, näher zu kommen. Er sagt: Manchmal weiß man nicht, wer verrückt ist, der Patient oder der Psychiater.

Der Bruder ist noch immer in Kafar Aweed, südlich von Idlib. Schon sind wir beim Thema Syrien. Hussain befürchtet ein neues Massaker in Idlib, jetzt wo die Kämpfe um Aleppo entschieden scheinen. In manchen Familien kämpfen die Söhne gegeneinander: der eine unter Assad, der andere bei der Freien Armee und ein dritter vielleicht beim IS. Er kenne eine Familie, wo zwei Brüder aufeinander geschossen haben. Manchmal leben sie im selben Dorf, nur am anderen Ende. Alles ist vollkommen durcheinander.

Daher wage ich zu sagen: Syrien wird nur unter einer erneuten Diktatur befriedet, oder es wird in verschiedene Teile zerfallen. Hussain nickt und denkt letzteres.

Es wird keine Demokratie in Syrien geben“, sage ich, „denn Demokratie muß von innen heraus wachsen und das dauert lang“. Ich erkläre ihm die Idee Francis Fukuyamas, der vom Ende der Geschichte sprach, von einem Endlossieg von sozialer Marktwirtschaft und Demokratie. Der Westen glaubt, er sei stark, aber im Inneren ist er hohl. Seine Menschen haben keine Kraft mehr, sie sind dumm, fett, leer und gelangweilt. Sie wissen nicht, was Schmerz ist, sie fürchten den Tod und glauben ewig leben und gut leben zu können, aber ihrem Leben fehlt der Sinn und die Ausrichtung. Sie schalten abends die Glotze ein, saufen Bier und fressen Chips und denken, Krieg und Elend gibt es nur auf dem Bildschirm. Dabei klopft es schon laut an die Tür, und ihr, ihr Syrer seid die ersten Botschafter …

Hussain schaut etwas erstaunt über meinen Ausbruch, aber dann sagt er: „Ich verstehe“ und ich weiß, daß er verstanden hat.

Fast alles ist falsch im Westen – jetzt hast du einen Fernseher, aber denke daran, was man dort gut nennt ist oft schlecht und umgekehrt.“

Dann sprechen wir über den Terror – es ist der Tag des Todes des Anis Amri. Hussain hat die Demonstrationen in Berlin gesehen. „Die Leute haben Herzen hoch gehalten und andere die Nationalhymne gesungen“. „Siehst du, das ist ein großartiges Beispiel. Wer, glaubst du, ist gut?“ Prompt kommt die richtige falsche Antwort. Wir lachen. Er hat verstanden.

Es ist wie mit der Psychiatrie: Manchmal ist alles umgekehrt. Deutschland ist ein Irrenhaus.

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