Berliner Zynismen

Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewußtsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Es hat seine Auklärungslektion gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologie mehr betroffen; seine Falschheit ist bereits reflexiv gefedert. (Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft)

Alle Jahre wieder, kommt das …“ – nein, das ist zynisch, ein Weihnachtslied mit den Ereignissen in Berlin zu verknüpfen. Zu Letzterem ist schon alles gesagt worden, lange bevor es passierte.

huff-zynismus

Forumsbeitrag in der „Huffington Post“

Gestern nun wieder so ein Abend am Bildschirm. Geschockt einerseits und in der Endlosschleife alle denkbaren Seiten aufrufend, um ja keine Information und Meinung zu verpassen und, andererseits – gestehe es dir ein – auch ein schwer zu unterdrückendes Gefühl der Schadenfreude, eines „Geschieht euch recht!“ Diese jedoch ist nicht korrekt, politisch nicht und auch nicht moralisch, sie hat nur einen Fürsprecher: die menschliche Natur. Und noch einen: Peter Sloterdijk (that’s why!).

Forumsbeitrag in der "Zeit"

Forumsbeitrag in der „Zeit“

In seinem luziden Text „Wieviel Katastrophe braucht der Mensch“ gab er diesem Unaussprechlichen, besser: Unaussprechbarem nach menschlich verursachten Katastrophenereignissen eine Stimme: „Bewußtseine sind härter als Tatsachen … Man gerät mit dieser Logik sofort in die peinlichste Eskalation. Noch liegen die Opfer von Tschernobyl in langen Agonien, da wird sich die enttäuschte Didaktik wieder melden und sagen: Tschernobyl war nicht schlimm genug, da die Internationale der Weitermacher entschlossener denn je zusammenhält.“ Tschernobyl ist nur Chiffre – lies: Madrid, London, Brüssel, Paris, Nizza, Berlin … man verliert den Überblick.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die linke Hälfte des Landes gestern am Nachrichtenticker saß und betete: Laß es einen Unfall sein, oder einen betrunkenen polnischen Fahrer, oder wenigstens keinen Muslim, keinen Islamisten, und wenn doch, dann bitte keinen Flüchtling, oh Gott, wenigstens keinen, der letztes Jahr über die offene Grenze kam, keinen, der unter falscher Identität … während die rechte Hälfte sich der Affirmation dieser Gebete angeschlossen hatte. Und ich gestehe: auch mir ging dieser Gedanke auf:

Wenn es denn schon einmal passiert, dann laß es richtig passieren, auf daß das Land erwache. Zynismus?

Ihr könnt es drehen und wenden, wie ihr wollt – es ist immer „islamistischer Terror“. Zynismus?

Und es ist so gekommen, es mußte so kommen und wenn nicht diesmal, dann beim nächsten Mal, so wie es bisher auch immer so gekommen war. Nichts von alledem ist in der Sache überraschend – nur die jeweilige Aktualisierung, das Hier und Jetzt, alles andere ist zwangsläufige, fast gesetzmäßige Konsequenz politisch geschaffener konkreter historischer Konstellationen, von Syrien bis Sommer 15, und wird sich in dieser oder jener Form wiederholen und potenzieren.

Trotzdem sollten gravierende Ereignisse wie das gestrige Attentat nicht zu Reflexreaktionen führen. Man kann, man muß das denken, aber es gehört zur Zivilisatorik, daß man nicht alles ausspricht, was man denkt. Leider haben auch einige der Leute, die ich ob ihrer intellektuellen Kraft schätze, ihre vorreflexiven Reflexe nicht im Griff gehabt und am perversen Spiel der schnellsten Meinung teilgenommen. Twitter und Facebook sind große Verführer.

Auch mich befremden Schnellschüsse wie die Tweets von Pretzell, weniger der Inhalt – über den kann man später in aller Ruhe diskutieren – als Form und unreflektierte Geschwindigkeit.

fireshot-screen-capture-017-marcus-pretzell-auf-twitter_-_wann-schlaegt-der-deutsc_-twitter_com_marcuspretzell_status_810941651258580992_langdeSie diskreditieren ihn als Politiker nicht minder wie die scheinheiligen Empörungskaskaden von Stegner und Co. oder die abgedroschenen Betroffenheitsfloskeln der „Volksvertreter“ nebst Presseschwanz, die man sich wohlfeil aus der vermotteten Klamottenkammer der polit-propagandistischen Phraseologie leiht. Das ist Zynismus!

Umgekehrt: Wenn wir wissen, daß das Medium handlungsverleitend ist, sollten wir ihm weniger Aufmerksamkeit schenken und eher verzeihen. (Eine strafrechtliche Prüfung, wie gerade zu lesen ist – 12.55 Uhr -, wäre schon deswegen absurd und stellte ein weiteres zynisches und einschüchterndes Signal dar, die freie Meinungsäußerung einzuschränken.)

Statt Zynismus bräuchten wir Kynismus. Zivilisierten, metaphorischen Kynismus, Diogenes als Lehrmeister. Nackt lief er umher – an Tagen wie solchen, muß man sich nackt machen, frei von allen polittaktischen Zwängen. Von ihm stammt das große Wort der „Parrhesia“, der Redefreiheit, die die wichtigste Sache überhaupt sei. Er suchte nach neuen Ausdrucksformen, um das andere anders sagen zu können, um aus den vorgegebenen Schienen auszubrechen. Dem Elend setzte er das würdevolle Lachen entgegen. Er ist der Vater des Stoizimus und der Gelassenheit. Als Zuschauer muß man in der Lage sein, die Dinge erstmal „philosophisch zu nehmen“, ein Synonym für „stoisch“. Hier gilt: „Let’s get metaphysical“.

Die tiefste Lehre des Kynismus stammt von Diogenes‘ Meister Antisthenes – die Verkehrung der Reihenfolge entspricht der umgekehrten Logik:

So lange müsse man philosophieren, bis man die Feldherren für Eseltreiber halten würde.“ 1

Souverän: Zeller Zeitung

Souverän kynisch: Zeller Zeitung

Lies auch: Katastrophendidaktik – Brüssel

und: Die Botschaft des Terrors

sowie: Terror und Immigration

und: Der schwarze Schwan

sowie: Die gute Nachricht

1Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Buch 5, Kapitel 6
Advertisements

Ein Gedanke zu “Berliner Zynismen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s