Schiefe Ebene und Bumerang

Wir sind gerade live dabei, wie sich ein klassisches slippery-slope-Phänomen verselbständigt. Darunter versteht man in Logik und Rhetorik einen sich selbst verstärkenden Prozeß, der, einmal in Gang gesetzt, zu katastrophalen oder doch zumindest unabsehbaren Ergebnissen führen kann. Die Wippe kippt, das Ladegut kommt ins Rutschen und läßt die Wippe weiter kippen, was das Gut noch mehr ins Rutschen bringt …

Weltweit – wir haben hier das Beispiel Dänemark durchexerziert, es hätte auch Norwegen sein können – beginnen Firmen, also Wirtschaftsunternehmen, sich aktiv politisch zu positionieren. Natürlich gegen „Rechts“ – es ist immer wohlfeil und einfach gegen „Rechts“, es kostet keine Kraft und keinen wirklichen Einsatz, auf der Seite der Guten zu sein und was gut ist, das wurde in den Meinungshoheitsbastionen der letzten fünf, sechs Jahrzehnte festgelegt – Realkommunismus und „Nazis“ – und durch Memorierungsrituale fest in die Gehirne eingebrannt.

Steckt man einmal in dieser Falle, wird die Befreiung schwer. Der Zwang zum Bekenntnis zum Guten löst die Lawine aus, sobald jemand den ersten Schneeball den Hang hinunter rollt, denn Schweigen bedeutet verräterischen Widerstand, wer schweigt gegen „Rechts“ ist „Rechts“. Die internationale Gleichzeitigkeit des Phänomens macht die zwanghafte Dynamik wunderbar sichtbar.

Angefangen hat es wohl in den USA – alles Gute, wie etwa Cornflakes, kommt bekanntlich aus Amerika. Nach der Wahl Donald Trumps und der Ernennung des Breitbart-Chefs Bannon zum Berater wurde die Welt auf das Internet-Portal aufmerksam und war sich schnell einig, daß dort Hate Speech und Rassismus und was dergleichen Triggervokabeln noch sind, verbreitet wird.

Vermutlich um sich einen kurzfristigen Wettbewerbsvorteil durch Aufmerksamkeit zu ergaunern und vielleicht auch, um ein bißchen gut zu sein, für „ein bißchen Frieden“ einzutreten, und das schlechte Gewissen (Millionen kariöse Kinderzähne) zu beruhigen, gab der Futtermittelgigant Kelloggs seinen Abschied von Breitbart bekannt.

Möglicherweise war diese Entscheidung bereits der Not der Rutsche geschuldet, denn kurz zuvor distanzierte sich der Virtualitätsverkäufer AppNexus bereits von Breitbart … aber das ist Teil des Phänomens: Man weiß oft nicht, wo es anfing, aber alle machen mit, glauben mitmachen zu müssen. Es folgten BMW, Telekom und wenig später war der Kampf gegen „die Kloake der Altrechten“ schon in den deutschen Medien. Von da an war es nicht mehr weit bis zu fragwürdigen Aktionen wie #KeinGeldFürRechts. Plötzlich können – dank der „Neuen Medien“ – Einzeldarsteller zu Hauptdarstellern werden.

Wo die dann die Grenze ziehen, bleibt willkürlich. Wenn es einem Manne namens Hensel nicht in den Kram paßt, dann kann es auch seriöse Seiten wie „Die Achse des Guten“ oder „Tichys Einblick“ treffen: einfach Nazi-Sticker drauf und fertig. Niemand weiß, wo das Ding morgen klebt und ob nicht ein Glaube, eine sexuelle Orientierung, eine Hautfarbe, eine Lebensform, eine politische Partei … zum Auslöser wird.

Metaphernwechsel.

Damit ist ein Teil des Bumerang-Effektes beschrieben. Beginnt man diesen fatalen Weg zu gehen, kann niemand garantieren, wer morgen gegen das Geschoß läuft – es kann auch die Kurve zum Absender machen. Schlimmer aber ist der Denunzianten-Effekt, der an die Wurzel der Demokratie und den dort vergrabenen Schatz der Meinungsfreiheit grapscht.

Auch wirtschaftlich ist es ein Spiel mit dem Feuer – die Dynamik der sozialen Netzwerke ist manchmal unberechenbar und wenn Breitbart seine 30 Millionen Leser zum Gegenboykott aufruft, dann könnte das Kelloggs schwer schaden. Sollte sich eine solche Bewegung zu einem gesamtgesellschaftlichen Shitstorm verselbständigen, kann auch die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel stehen.

Am gravierendsten jedoch scheint mir die Kategorienverschiebung zu sein: das direkte, von demokratischen Abläufen nicht mehr abgefederte Eindringen der Wirtschaft in den politischen und metapolitischen Raum birgt systemrelevante Gefahren. Dessen sind sich die Guten möglicherweise nicht bewußt. Sie sollten aber bedenken: Die Mehrheit von heute muß nicht die Mehrheit von morgen, die Letzten werden die Ersten sein …

Will man sich wirklich, wenige Wochen vor Trumps Amtsantritt, auf die Amnes(t)ie verlassen?

2 Gedanken zu “Schiefe Ebene und Bumerang

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ein paar schnelle Gedanken:
    1. Ich tue mich mit dem Fall Hensel und #keingeldfuerrechts etwas schwer. Solche Aktionen verorte ich erst einmal im Raum des öffentlichen Marktplatzes der Meinungen, Haltungen und Engagements, und da kann ich sie nicht prinzipiell verurteilen. Es steht jedem frei, so etwas zu initiieren, es steht jedem die Gegeninitiative frei.
    2. Problematisch, nein, gefährlich wird es für mich dann, wenn, anstatt sich in diesem Raum auf das Spiel der Kräfte, des besseren oder schwächeren Arguments oder eben der gelungenen oder mißlungenen Aktion zu beschränken, der Staat mit seinem gesamten Instrumentarium zu Hilfe gerufen und in Anspruch genommen wird – und die Politik anfängt, zu definieren, was rechts und links, gut und böse, wahr und falsch ist (ist ja in vollem Gange).
    3. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: So falsch und unsinnig ich in vieler Hinsicht etwa so manche Positionen einer Alice Schwarzer finde, so erkenne ich doch die Ausdauer an, mit der hier, unter Einsatz der ja durchaus lesenswerten Zeitschrift „Emma“, versucht wird, die Leute mit Argumenten zu erreichen und einen Wandel (wohin auch immer) zu bewerkstelligen. Auch hier aber natürlich immer die Gefahr (Stichwort „Prostitution“), etwas mit Staatsgewalt durchzusetzen, was man über Argumente nicht erreicht und wofür man keine gesellschaftliche Akzeptanz findet.
    4. An der Aktion Hensel stört natürlich dennoch unter anderem, daß es hier um Argumente ja gar nicht geht, sondern um Labeling und „moral signaling“; insofern ist die Aktion eben ein intellektuelles Armutszeugnis.
    5. Es stört ebenfalls die verdächtige Staatsnähe der großen Werbeagenturen. Das gilt natürlich auch in anderer Hinsicht: Wenn man bedenkt, was für Öffentlichkeitsetats die Ministerien haben, dann kann man sich vorstellen, welche Möglichkeiten der Pressebeeinflussung durch Anzeigenschaltung/-nichtschaltung genommen werden kann. Das Anbiedern einer solchen Agentur bei der Politik ist suspekt, das Wort dafür ist: „Filz“.
    6. Drollig, aber eben typisch ist auch, dass eine Linke, die solche Mittel, gegen sich selbst gewandt, als unzulässige Einflußnahme brandmarken würde, kein Problem mit deren Anwendung für die eigene Sache hat. Man stelle sich den Aufruhr vor, würde Kelloggs verkünden, keine Werbung auf abtreibungsfreundlichen Seiten schalten zu wollen. Oder SIXT würde nach entsprechendem Aufruf „#keingeldfuerlinks“ den Spiegel boykottieren – heiß würden die Tränen über den „undemokratischen Einfluß“ von Unternehmen auf den demokratischen Diskurs fließen, und schnell Rufe nach heilenden Gesetzen laut werden.
    7. Und genau da haben Sie recht, und das ist immer verwunderlich: Haben die Leute, wenn Sie mit Vater Staat im Rücken regeln wollen, was „Meinungsfreiheit“ eigentlich bedeutet, gar keine Sorge, daß mal die andere Partei die gleichen Instrumente in die Hand bekommt?
    8. Zu guter Letzt, Seidwalk: Halten Sie uns auf dem Laufenden, wenn Ihr Blog einmal als „rechts“ bei WordPress gemeldet oder ins Visier der Gesinnungswächter genommen wird. Es kann nur noch eine Frage der zeit sein. Genügend Trigger gibt es da ja…

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    • zu Punkt 8: Ist er es möglicherweise sogar? Manchmal kommt man sich ja vor, als sei man ein Gaslighting-Opfer oder man zweifelt bei der scheinbar überwältigenden Welle, die Tag für Tag über einem zusammenschlägt, an der eigenen Vernunft. Deshalb sind solche kleinen Inseln der gegenseitigen Versicherung vielleicht ganz sinnvoll und notwendig. Die Kleinheit hat da einen Vorteil – man wird von den Jägern übersehen. Bislang gab es nur sachliche Kritik, keine ideologische. Auch hinter der Oberfläche erfahre ich immer wieder Unterstützung. Danke!

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