Theater um die Rechte

Glaubt von den Lischkas, Haseloffs oder Kaubes dieser Welt tatsächlich einer, er müsse vor uns die Verfassung schützen? Was ist den schlimmstenfalls aus „unserer“ Richtung zu erwarten? Die Einhaltung der Gesetze trotz billig zu erntenden hypermoralischen Lorbeers? Die Wertschätzung und Förderung des wirklich produktiven Teils unseres hart arbeitenden Volkes und die Eindämmung der sinnlosen Verschleuderung des nicht vorhandenen Vermögens in Gesellschaftsexperimente? Wirkliche Ökologie, echter Konsumverzicht anstelle dieser verlogenen better-world-Mentalität der Grünen, denen ihr kleines unbeherrschtes Ich stets wichtiger ist als die dringend notwendige Askese? Mehr Achtung vor dem Staat und seinen Staatsdienern, ob in Polizei, Armee, Lehrkörper oder Verwaltung? (Götz Kubitschek)

Vor unser aller Augen führt die Landesregierung in Sachsen-Anhalt ein klassisches Theaterstück auf, mit überraschender Katharsis. Es ist ein entlarvendes zeitkritisches Stück, im Sinne der Offenlegung der Paradoxien der Epoche und der Grenzen der Demokratie. Die Fachkritik ist sich noch nicht einig, ob man es mit einer Tragödie oder Komödie zu tun hat.

Noch nicht gänzlich zu spät wurde sich das Theater Magdeburg seiner gesellschaftlichen Rolle bewußt und lud in aufgeladener Zeit zum Dialog. Es sollten im Rahmen des „Politischen Salons“ „der umstrittene rechtsnationale Verleger“ – um nur eine der zahlreichen wertneutralen Beschreibungen auszuwählen – Götz Kubitschek und Holger Stahlknecht, seines Zeichens Innenminister des einstigen „Landes der Frühaufsteher“, aufeinander treffen und Argumente tauschen.

Versöhnung der „gespaltenen Gesellschaft“, den „Themen der Zeit auf den Zahn zu fühlen“ und ähnlich hehre Ziele wurden als Rechtfertigung ausgegeben – ob man sich auch einen proppenvollen Saal versprach, bleibt Spekulation –, doch es half alles nichts: Die Veranstaltung wurde abgesagt, Herr Stahlknecht kniff.

Mußte kneifen, wie man bald erfuhr, denn er wurde zurückgepfiffen, und zwar vom Chef höchstpersönlich. Regieanweisung: „Reiner Haseloff, erregt, finstere Miene, mit schnellem Schritt, von links.“ Haseloff – Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt (Wikipedia) – pfeift den vierschrötigen Stahlknecht, ein Alpha-Tier vor dem Herrn, zurück. Wäre es ein Comic, wir müßten uns eine wortleere Sprechblase mit Totenkopf, Bombe, Ausrufezeichen, Blitz und Faust vorstellen und Dampf aus beiden Ohren.

Um es kurz zu machen: Stahlknecht zieht zurück und versucht – solange noch im Rampenlicht – Haltung zu bewahren: „Ich ducke mich nicht weg. Wir müssen uns in der politischen Debatte unmittelbar auseinandersetzen.“ Und: „Es wird versucht, meine Freiheit einzuschränken. Damit nimmt das politische System Schaden. Ich mache mich doch nicht mit Herrn Kubitschek gemein. Ich will die Chance nutzen, argumentativ gegenzuhalten.“

Aber hinter den Kulissen eskaliert die Lage. Die Komparsen treten auf:

SPD-Landesvorsitzender Lischka: „Ich bin einigermaßen fassungslos, daß sich Sachsen-Anhalts Innenminister, immerhin Chef des Verfassungsschutzes im Land, mit einem vom Verfassungsschutz beobachteten Rechtsextremisten gemeinsam auf ein Podium setzen will.“

Grünen-Faktionschefin Lüddemann: „Ich finde das unglaublich und verantwortungslos.“ (Sie meint die Einladung Kubitscheks)

Linken-Politikerin Eva von Angern: „Was denkt sich das Theater Magdeburg dabei? Die „Neue Rechte“ gemütlich im Theater kennenlernen?“

Ja, in der Tat, so hatte sich das der unbedarfte Bürger wohl vorgestellt. Die Jamaika-Koalition hingegen gerät in die Krise. Also zweiter Auftritt Haseloff, von links, mit erhobenem Zeigefinger giftet er Kubitschek an und nennt ihn: „einen wirren rechtsextremen Ideologen“, den „Vordenker des fanatischen Rechtsextremismus in Deutschland“, den „Chefideologen für Rechtsextreme“ und warnt: hätte man mit Kubitschek geredet, dann hätte das gewirkt „als ob Kubitscheks Ideologie zum normalen demokratischen Angebot gehören würde und eine denkbare Alternative wäre“ und stellte fest: „Das ist nicht der Fall“.

Spätestens hier bekam ich eine allergische Reaktion, denn was der Fall ist oder nicht, das hat Herr Haseloff nicht zu entscheiden. Also kaufte ich mir Kubitscheks neuestes Buch … doch dazu gleich.

Auch Kubitschek nahm nun Stellung, gab eine juristische Klage bekannt – man hatte ihn als Verfassungsschutzziel bezeichnet, was entweder gelogen oder Geheimnisverrat gewesen sein muß –, und selbst die Überregionalen schalteten sich ein. Darunter der Einsatz Jürgen Kaubes in der FAZ besonders erhellend: Toleranz triefend einerseits und böse diffamierend andererseits. …

Die Spurbreite des schmalen Grats“ ist eine Aufsatzsammlung Kubitscheks und vereint Artikel aus den letzten 16 Jahren. Wenn man sie liest, begreift man, warum der blasseste der 16 Blässlinge seinen immerhin konturhaft existierenden Innenminister zurückgerufen hat.

Diese Zeilen schlagen einen ganz anderen Ton an, den man in den Sesselkatakomben nicht mehr kennt und verstehen will. Es ist ein selbstbewußter, kräftiger, männlicher Ton, klar strukturiert, aus dem eine eiserne Entschlußkraft herausklingt, die sich nicht mehr wegreden läßt. Es sind Sätze, denen man ein ausgiebiges und tiefes Nachdenken, ein langes Schweigen anhört. Da gibt es kein Relativieren, kein Sich-entschuldigen, nicht die Sorge, jemandem auf den Schlips zu treten, da gibt es aber auch kein Jammern und Klagen – und Grund dazu hätte man genug.

Kubitschek weiß, wovon er spricht, er kennt die Quellen, aber er geht damit nicht hausieren. Er ist kein Zergliederer, er zieht öffentlich die Synthese der Analyse vor, wohl wissend, daß „jede These eine Simplifizierung, eine Vereinfachung der Komplexität, der Versuch, in den Griff zu bekommen, was stets ein bißchen glitschig bleibt“, ist. Er steht am Ende der Geisteskette, er definiert das „nicht mehr Diskutable, nicht mehr Verhandelbare“ und wischt damit allen Diskursismus vom Tisch.

Keine Diskussionen mehr, nur noch Setzungen“, schreibt er an einer Stelle. „Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.“ Das sind harte Worte, aber sie sind offensichtlich das Resultat langjähriger Kämpfe, die gelehrt haben: Wenn man sich auf dieses Parkett begibt, wird man in Grund und Boden getanzt. Man will schließlich nicht zuhören, sondern mimt es nur noch: „Nein, diese Mittel sind aufgebraucht, und von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht.“

Da steht man als unbedarfter Leser vorerst indigniert, ratlos oder schockiert da. Aber dieses Denken ruht in einer unerbittlichen Entschlossenheit: „Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, daß jeder, der ernsthaft am Zustand unserer Nation leidet, diesen bitteren Konsequenzen nicht auszuweichen vermag. Wer ihnen zu lange entkommt, ist nicht erkennbar. Wessen Leben und Tun keine bitteren Konsequenzen nach sich zieht, hat sich zu gut getarnt, hat zu oft geschluckt … Wer also ein Leben lang an sozialer Ächtung und Anfeindung vorbeisteuert, war zu geschickt für das, was unsere Zeit braucht: weniger Schläue, mehr Mut, weniger Glätte, mehr Kante.“ Das klingt nach Manifest und kann bis zum Aufruf gehen: „Wage den Sprung!“

Doch sollte man nicht glauben, man hätte es mit einer Eindimensionalität zu tun. Nein, die Arbeiten sind mit melancholischen Melodien ebenso durchwoben, wie auch immer wieder ironische, selbstironische und humorvolle Gedanken aufblitzen, die freilich blitzschnell in existentiellen Ernst umschlagen können. „Nostalgien sind erlaubt“, schreibt er über das alte Preußen, „aber bloß im Privaten, nie in der Politik: Sie hindern uns daran, das zu tun, was unserer Zeit gemäß ist.“

Eines macht Kubitschek aber auch deutlich: „Fundamentalopposition ist nicht die Sache politischer Konservativer von heute: Die BRD wird als der Staat akzeptiert, als ein auf Funktionstüchtigkeit angelegtes, Sicherheit gewährendes, den Ordnungsraum der Nation bildendes Gehäuse.“ Und: „Alles ist am Ende angelegt auf Einspeisung in die große intellektuelle Debatte – mit erkennbarer Marschrichtung zwar, aber es marschieren letztendlich doch nur die Gedanken, die wiederum zum Denken auffordern – und nicht zur Aktion, und sei sie auch nur symbolisch.“

Marschierende Gedanken! – es die Angst vor diesen Gedanken, die, bedacht und bedächtig ausgesprochen, den Politsprech nicht nur unterlaufen, sondern auch besiegen könnten, die den Politikprofi, der ein Leben nichts anderes getan hat, als verschleiernd, aufweichend und drumherum zu reden, das Fürchten lehren und letztlich sogar an seiner Existenz sägen. Macht man diese Tür ein einziges Mal auf und verläßt sie vor Publikum gedemütigt, dann könnte das gesamte Diskursgebäude, das Reden ohne Konsequenz, ins Wanken kommen.

So erklärt sich auch, wie Haseloff in einer perversen Umwertung der Werte Geradlinigkeit als „wirre Ideologie“ bezeichnen kann.

Quelle:
Götz Kubitschek: Die Spurbreite des schmalen Grats 2000 – 2016. Verlag Antaios. Schnellroda 2016
Zur Posse mit Haseloff und Stahlknecht siehe:
MDR, MDR, Mitteldeutsche Zeitung (Interview Haseloff), Mitteldeutsche Zeitung: Kenia-Koalition vor Zerreißprobe, Volksstimme: Riesenzoff, Volksstimme: Interview Haseloff, FAZ, taz: Kubitschek schweigt und profitiert, Handelsblatt, Zeit, Sezession
und nachdem dieser Artikel geschrieben war (sonst hätte ich sie verklagt), noch einmal die „Zeit“: Viel Theater für einen Populisten:

3 Gedanken zu “Theater um die Rechte

  1. Kurt Droffe schreibt:

    In der Sache stimme ich zu: Das ist ein intellektuelles wie politisches Armutszeugnis für die, die bei jeder Gelegenheit die „demokratische Streitkultur“ einfordern (aber natürlich bitte nur mit konsensfähigen Positionen!).
    Nur in Ihrem Verdikt zu Kaubes Artikel kann ich Ihnen nicht folgen, den finde ich mit „Toleranz triefend einerseits und böse diffamierend“ nicht adäquat charakterisiert. Er hält nicht viel von der Ideenwelt Kubitscheks, das ist sein gutes Recht, und das darf er in einer 40-Zeilenglosse auch pointiert und mehr spöttelnd als diffamierend so sagen. Viel wichtiger und, ja, redlicher ist aber der Tenor seines Artikels, nämlich: 1. Moralische Empörung und Ablehnung reichen in einer demokratischen Streit- und Argumentationskultur, die dieses Namens würdig sein möchte und sollte, eben nicht aus; 2. Man muß sich eben auch eine Lektüre der anderen Seite mal zumuten, und auch intellektuell eine gewisse Anstrengung zu unternehmen bereit sein.
    Ich schätze Kaube sehr, er ist m. E. der klügste Kopf bei der FAZ, und jeder seiner Artikel lesenswert. Gerade, weil er nicht, man kann fast sagen: nie, moralisch argumentiert. Das tut immer sehr gut.

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    • ….“im Horizont von Extremen der Weimarer Republik“, „Sinn für das politische Antiquariat“, „die völkische Trompete“, „Pegida-Aufmärsche“, „den neurechten Mischmasch aus Volk, Kyffhäuser-Getue, Ideen von 1914, Etatismus und Feier des faschistischen Stils“, “ Unfug der Antiquariate“, „Argumente zu Gunsten der repr. Demokratie“ (siehe Eingangszitat Artikel) … ist nicht diffamierend, vorverurteilend und im Grunde genommen doch sagend: Spart euch die Lektüre dieses Quarks? Damit reißt er m.E. die schnell aufgebaute Kleckerburg der Toleranz mit dem Hintern wieder ein. Man meint diesen Zeilen auch die vollkommene Unkenntnis der Texte anzuhören.

      Es werden immer wieder Attribute – nicht nur von ihm – benutzt, „Narrative“, wenn man das närrische Wort benutzen darf, die schlicht nicht stimmen, die einer vom anderen abschreibt und die man verhindern könnte, wenn man sich einfach mal die Mühe des offenen Lesens machen würde. Dann fiele evtl. auch die Berührungsangst einiger Konservativer.

      (Außerdem ist es eine zirkuläre Argumentation, wenn ich den Konservativen das Konservativ-Sein, also die Besinnung auf alte Texte und Werte, vorwerfe.)

      Schönes Beispiel auf Tichys: Diskussion Wallasch-Kubitschek: http://www.tichyseinblick.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/kubitschek-er-waer-so-gern-revolutionaer/

      Warum nicht harte Textkritik? Würde mich auch interessieren – vielleicht liege ich ja falsch und Kubitschek ist wirklich ein blanker Nazi?

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Wer hat Angst vorm bösen Götz … Ein jämmerliches Bild, was das Vertrauen in den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ angeht und ein Erlebnis, wie es nur allzu leicht sogar einem nachmaligen Kaiser widerfahren kann:

    „aber es waren noch mehr Leinweber zugegen, die plötzlich zu den Prügeln griffen, da sie keinen Verstand bei der Hand hatten.“

    Ludwig Tieck, Leben des berühmten Kaisers Abraham Tonelli, I, 6, Siehe http://gutenberg.spiegel.de/buch/-5497/1

    []

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