Die Kraft der Traditionen

Ich bin gerührt. Ernsthaft!

Wir waren bei der „Bandweihe“. Das ist eine Art Initiation. Zwölftklässler werden feierlich in den Prüfungszyklus aufgenommen. Man erscheint in bester Robe. Auf den Rängen in der Turnhalle sitzen hunderte Menschen, Familienmitglieder, Lehrer, jüngere Schülerjahrgänge, und warten gespannt. Es wird geflüstert. Dann erscheinen die Abiturienten, nach Jungs und Mädchen getrennt und in Schuluniform. Die Mädchen, meist aufwendig geschminkt und frisiert, in einer Art Matrosenuniform, die Jungs im Anzug.

Die beiden Direktoren der Schule halten eine Rede, in der sie die Bedeutung des Abiturs betonen und die Schüler auf die kommende Arbeit einschwören. Die Schulband spielt.

Danach wird feierlich das Band verliehen. Alle vier Klassen stehen Spalier und jedem Schüler wird es wie ein Orden ans Revers geheftet. Stolz nehmen sie es entgegen. Die Mädchen kichern ein wenig, als ihnen der Direktor, den sie fast alle überragen, das Band an die Brust hängt.

Dann verschwinden die Schüler für eine kurze Weile. Musik ertönt und plötzlich sind sie alle wieder da – die Mädchen im schneeweißen langen Tüllkleid, schulterfrei, die Jungs im Frack. Sie tanzen. Man muß es gesehen haben, um es zu glauben.

Sie tanzen Walzer, wie aus einem Sissi-Film, alles choreographiert und einstudiert, circa dreißig Paare. Sie drehen Pirouetten, die Damen werden geschwungen und gehoben, die Männer verneigen sich vor ihnen, dann ziehen sie ein rotes Band aus dem weißen Kummerbund, schlingen es um die Hüften der Mädchen und tanzen einen erotischen Dialog. Und weil es so schön war und so viel Arbeit drinnen steckt und weil das Publikum begeistert und stolz ist, machen sie das Ganze noch einmal von vorn. Während das Publikum schließlich klatscht, eilen die jungen Männer davon und holen aus einer Vase je eine tiefrote Rose, die sie ihrer Tanzpartnerin mit Knicks und Küßchen überreichen.

Zum Abschluß gibt es den Elterntanz. Die Töchter holen sich die Väter, die Söhne die Mütter zum Tanz. Beim zweiten Lied strömen dann die ganzen Familien aufs Parkett; es wird gelacht, gedrückt, geherzt. Die jüngeren Geschwister schauen staunend zu ihren Brüdern und Schwestern auf – ihre Augen leuchten; man sieht ihnen an, wie stolz sie sind und wie sehr sie selbst in dieser Rolle stecken möchten.

Wir sitzen wie im Kino und schauen zu und alle lachen, weil man lachen muß, wenn man lachenden und für einen Moment glücklichen Menschen zuschaut.

Ich bin gerührt. Ernsthaft!

Dann setzt der Kopf wieder ein. Was habe ich gerade gesehen? Was macht eine solche zeremonielle Feierlichkeit mit jungen Menschen?

Gefeiert wurde hier vieles gleichzeitig. Der Anlaß war der Eintritt ins Abitur, die tieferen Botschaften aber sind ganz andere.

Es wurde die Schule, die Klasse, die Zusammengehörigkeit und Zusammenarbeit im Sozialverbund gefeiert und gefestigt. Die ästhetische Synchronisation lehrt Einheit und Stärke in der Gruppe.

Es wurde die Reife gefeiert, das Alter, die Generation. In dieser Hinsicht kann man es mit der ostdeutschen Jugendweihe vergleichen.

Es wurde das Geschlecht gefeiert. Jungen benehmen sich männlich, Mädchen weiblich. Und beide erhalten dafür Anerkennung. In jeder Geste wird das respektvolle, aber auch anziehende Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber zelebriert. So verhält man sich zueinander: es gibt Regeln dafür, die das Geheimnis des Andersseins weder entblößen oder zerstören noch verkomplizieren.

Es wurde die Familie gefeiert, die hier sehr oft noch aus Mutter-Vater-Geschwistern besteht. Die Kinder zeigen ihre Reife, ihr Erwachsenwerden, ihre schulische Leistung, sie erheben den Anspruch auf Anerkennung, sie definieren sich damit als Teil des Familienverbundes, aber zugleich ist es auch ein Schritt in die Selbständigkeit, in die Entlassung ins eigene Leben.

Es wurde die Ordnung gefeiert, die formgebende, sicherheitsspendende Tradition, die Freiheit der Regel. Es wurde der große Zusammenhalt, es wurde die Nation gefeiert.

Und während mir fast die Tränen in die Augen stiegen, kamen mir folgende Gedanken:

Wer sich einmal so benimmt und mit Herzblut dabei ist, wer das verinnerlicht, der wird keine Wände besprühen …

Und:

Vergleiche das mit der restriktiven Geschlechtertrennung des Islam, wo junge Männer und Frauen sich nicht ohne Aufsicht begegnen dürfen und die Frauen von Kopf bis Fuß verhangen sind.

Und:

Hoffentlich kommen diese jungen ungarischen Menschen nie nach Deutschland.

Ein Gedanke zu “Die Kraft der Traditionen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Entsetzlich! Tanz, die unsemantischste aller Künste. Mit differenzierten Rollen für die Teilnehmer, die erst einmal gelernt werden müssen – das hat sicher viel Zeit zur Abrichtung gebraucht, vergeudete Zeit, in der man die Jugendlichen besser an etwas Schönes und zugleich Nützliches herangeführt hätte, beispielsweise den Beweis des Satzes von Rice. (In Ungarn gibt es einen anspruchsvollen Schülerwettbewerb in Mathematik.)

    Stattdessen zwingt man die heranwachsende Jugend zu Übungsstunden in dieser entsetzlichen Turnhalle mit mindestens zeitweisem Aufenthalt in Umkleideraumatmosphäre, damit sie am Ende möglichst perfekt im Rhythmus sich nach fremdem Taktstock bewegen. Vielleicht hatten einige sogar Vergnügen dran. Über die kann man dann mit Einstein sagen: „Wenn jemand Freude daran hat, bei Musik in Reih‘ und Glied zu marschieren, dann verachte ich ihn schon deswegen, weil er sein Gehirn nur wegen eines Irrtums bekommen hat; ein Rückenmark hätte gereicht.“ (Einstein zielt damit eher auf die moralische Qualität dieses Puppengehorsams, mir genügt aber für dessen Ablehnung schon die willig über irgendeinen Reflex erlittene Heteronomie solchen Tuns. Wenn irgendwo eine Musik erklingt, mag ich deshalb immer nur gegen den Rhythmus gehen.) Man tanzt auf einem Grund, dessen geometrische Linien einen weiteren, ganz inkongruenten, aber ebenfalls seelenausrichtenden Mannschaftsgeist assoziieren lassen, und die halbe Zeit davon zu Popgedudel.

    Was war das nochmal? Eine Feier der erlangten Reife?

    Der unbemalte Boden aus Fischgrätparkett war allerdings schön. (Wo gibt es dergleichen sonst in Turnhallen? Hoffentlich liegt darunter eine solide Dämpfungsschicht.) Auch die Holzrahmen machten sich recht hübsch, und die Hosenträger sind sicher beim Tanzen ganz praktisch, vermutlich aber eher aus Tradition üblich. Hoffentlich ziehen sich die Mädels vor der familiären Nachfeier um, auch wenn die weibliche Eitelkeit dagegen wirkt, dank derer so manche Frau willig Frosttemperaturen auf blanker Haut erduldet. Denn mit Taftrock möchte ich niemanden an einem Tisch mit offenem Kerzenfeuer sitzen sehen:

    « Un éclair … puis la nuit ! – Fugitive beauté / […] / Ne te verrai-je plus que dans l’éternité ? »

    @ Seidwalk:

    So habe ich das noch gar nicht gesehen! Ich wußte, das irgendwas nicht stimmen kann. Werde mit den Leuten wohl noch mal reden müssen – vielleicht kann man ja auch was Kreatives machen …

    @ Pérégrinateur

    „Etwas Kreaktives machen“ – damit jagen SIe mir einen noch größeren Schrecken ein. Bitte wenigstens keinen balinesischen Tempeltanz vor katholischem Hauptaltar und ähnliche kosmopolitische Aufgeschlossenheitsübungen gewähren. Meinetwegen aber gerne einen Dilettanten-Straußenritt in Formation zur Walkürenmusik. Du sublime au ridicule …

    @ fauxelle

    Ganz einfach, werte Ästheten: Eurhythmie! Ist nicht multikulti, im Gegenteil, choreographisches Kunstwerk, bildend in einem tieferen Sinne (nicht „kreativ“, sondern streng formgebend), kann auch sehr lustig sein für die Teilnehmer, sprachlich anspruchsvoll (Gedichte rezitieren und begleiten), mathematisch schulend (Raumgeometrie), und in der 13. Klasse schon hochanspruchsvoll möglich, wenn man jahrelang darin geschult wurde. Nur das Geschlechtliche fehlt fast vollständig, und das gibt mir wiederum zu denken …

    @ Pérégrinateur

    Altgeschlechtlicher Reigentanz: https://youtu.be/YIdimmUtYOI

    Liken

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