SOS – Presse in Not!

Schöne Bredouille! Fast könnte einem unsere glorreiche Rotbannerpresseflotte leid tun. Durch einen überraschenden Einschlag von Realdialektik hat sie nun genau das erreicht, und in Potenz, was sie lange zu verhindern versuchte. Vom selbstverliebten Akteur ist sie ein gehetztes Medium geworden. Wegen Politischer Korrektheit, dem Flaggschiff des neudeutschen Journalismus, fährt sie nun mit Karacho an die Klippen.

Da hat man viele Male versucht, Straftaten auf Männer, den Mann an sich, abzuwälzen, den „ethnischen Hintergrund“ zu verschweigen, bekam spätestens nach Köln eisigen Wind und wütende Gischt ins Gesicht, mußte dann immer wieder Segelstunden für Anfänger nehmen, setzte sich später sogar an die Spitze der Bewegung und rief laut gestikulierend: „Schluß mit der Selbstzensur!“ und „der Pressekodex ist überholt!“, um dann doch immer wieder ein bißchen auszutesten, was nicht zu sagen möglich ist.

Mit dem Mord an der Freiburger Studentin ist die Welle endgültig über unsere Pressekähne zusammengeschlagen und nun haben sie vollkommen die Orientierung verloren. Was geht noch? Und was nicht?

Da zündet um neun Uhr in Kiel ein Mann seine Ehefrau an. Muß man das bringen? Vielleicht geht das nur die Kieler an, ich weiß es nicht. Ich muß es eigentlich nicht wissen, sofern nicht Terror o.ä. dahinter steckt. Beziehungstat – nun gut … Wäre man früher in den Redaktionen mal drübergeflogen und weg damit. Heute, so stelle ich mir vor, rennt Leichtmatrose Volontär mit dem Zettel in der Hand aufgeregt in die Kapitänskajüte … „Schon wieder so was! – Was soll ich denn tun?“

Und auch die Kapitäne fahren unterschiedlichen Kurs. Stand 15.30 Uhr, Mittwoch, den 7.12.2016:

Die „Zeit“ schippert gemütlich und selbstgewiß weiter und ignoriert die Meldung, bringt stattdessen einen Aufklärungstext „Warum wir fast nie über Straftaten berichten“, der schnell von aufmerksamen Sammlern von Zeitartikeln der … nun, sagen wir mal, Nichtschlüßigkeit überführt wird und der im Übrigen schon im Titel schlingert (denn es fehlt ein wesentliches Attribut).

Focus“ und „Welt“ entscheiden sich um 14.40 bzw. 15.27 Uhr zu einer Meldung, Lesezeit 2 Minuten, in der von einer Frau und einem Mann, „der seit vielen Jahren in Kiel lebt“, die Rede ist. Man nimmt ungefähren Kurs auf, der erfahrene Leser des „Neuen Deutschlands“ v.W. (vor Wende) weiß das Seemansgarn zu entschlüsseln.

Focus-Buddy „Huffington Post“ wollte 13.16 Uhr den Finger besser nicht so weit in den Wind halten und teilt noch nicht mal Andeutungen mit. Weshalb dann überhaupt berichten?

Man kann nun darüber spekulieren, was, wenn die sensationslüsterne „Bild“ – vermutlich von ihrer Lokalredaktion unter Druck gesetzt – nicht schon zwei Stunden nach der Tat berichtet hätte, (nicht) passiert wäre. Dort also lesen wir zum ersten Mal: „Wie die Polizei mitteilte, handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Mann (41), der vor rund 20 Jahren aus Afrika nach Deutschland kam und einen unbefristeten Aufenthaltstitel hat. Das Opfer (38) ist die getrennte (sic!) lebende Ehefrau des Mannes, die aus dem gleichen Land stammt (sic!).“

Aber nun – Hört! Hört! – es ist die „Süddeutsche“, ausgerechnet die Süddeutsche, die stracks nachfolgt und ganze Kontinentennamen verrät. Heribert Prantl muß die sinkende Kogge für einen Moment verlassen haben (Segeltörn auf dem Starnberger See?), oder wie ist es sonst zu erklären?

Und die „FAZ“ schwimmt im sicheren Kielwasser mit.

Recht besehen, ist die Erklärung doch ziemlich einfach. Unsere Presse ist vollkommen verunsichert, hat Angst, im  Maelstrom der öffentlichen Kontrolle, in den sie sich selber hineinmanövriert hat, Fehler zu machen und da man keine Handlungsanleitung besitzt, schaut man, was die anderen machen. Nichtberichten ist nun auch schon eine Nachricht. Nichts sagen, sagt alles.

Seien wir mal ehrlich: Jeder kann seine Frau anzünden – das hat mit Afrika nichts zu tun und hat, wie ich finde, in einer überregionalen Zeitung eigentlich nichts zu suchen. Uneigentlich aber schon, denn die wahre Botschaft der Meldung ist doch: Wir haben Angst vor unseren Lesern.

Und das sollte eine Schlagzeile in allen Blättern wert sein!

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3 Gedanken zu “SOS – Presse in Not!

  1. Ich habe mich als Studentin immer bei Mitstudenten aus der ehemaligen DDR neugierig erkundigt, wie „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ denn ging. Ich hatte es nie geübt, als BRD-Kind schien das unnötig, selbst mein aller Welt feindlicher gründungsgrüner Vater glaubte der „Tagesschau“ und den „Lübecker Nachrichten“, Ideologiekritik war nicht so seins, war ja Naturwissenschaftler. Inzwischen kann ich es, Crashkurs seit Mitte letzten Jahres, und habe eben großes Vergnügen an diesem „Schiffbruch mit Zuschauer“ empfunden, Droffe ist zuzustimmen: wenn sie’s nicht bringen, suchen sich die Leser ihre Informationen sofort woanders und es schlägt massiv gegen die Mainstreammedien zurück, die schon wieder vertuscht und verschwiegen haben. Ihnen zu drohen (Kauder! Grusel!) fürchte ich funktioniert nimmer lang.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Bei Arbeitszeugnissen gibt es bekanntlich gewisse Formulierungen, die Mängel des Beschäftigten durch Nichtnennungen andeuten („Sie hat sich stets bemüht …“ ⇒ Das hat aber anscheinend wenig bewirkt, da denn nichts von Erfolgen berichtet wird) und dann nach und nach durch Arbeitsgerichte kassiert werden, weil ja schließlich jeder Anspruch auf Lob hat.

    Man müsste wohl eine Liste entsprechender Meidensformeln der braven Presse anlegen, zusammen mit den Übersetzungen in realweltliche Konkretisierungen. Solche Formulierungen fallen gerade durch ihre Attributarmut auf. Während sonst bei den Berichten unter „Verbrechen und Unglücksfälle“ – oder wie die entsprechende Gafferrubrik heute bei den edleren Organen der Volkserziehung schonungshalber genannt werden mag – meist wenigstens der Beruf des Betreffenden genannt wird („ein 41jähriger Bäckermeister“), fehlt sie woanders völlig. Es handelt sich dann offenbar um abstrakte Menschen, die tunlichst nur in dieser mageren Qualität angesprochen werden dürfen. In der französischen Sprachgeschichte hat sich übrigens aus einem durch Allgemeinheit ähnlich verhüllend gebrauchten « chrétien » der heutige « crétin » entwickelt – der Groschen fällt halt doch irgendwann, denn: In the end, gravitation always wins. Es wäre mir persönlich jedenfalls schade um den moralisch positiv konnotierten deutschen „Menschen“.

    Vermutlich müsste man etwa so übersetzen:

    „ein Mann“ ⇒ ein Zuwanderer
    „ein Münchner“ ⇒ ein in München ansässiger Zuwanderer
    „ein Italiener“ ⇒ ein inzwischen in Deutschland ansässiger Nordafrikaner mit italienischem Asylstatus
    „ein Mann mit mediterranem Aussehen“ ⇒ ein arabischer Levantiner
    „eine südosteuropäische Einbrecherbande“ ⇒ Zigeuner
    usw.

    Natürlich treffen diese Schlüsse immer nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu, deren genauen Wert zu bestimmen man als ein Verdienst im Interesse der nichtveröffentlichenden öffentlichen Meinung ansehen muss.

    Außer den Benennungen für die Agenten und die Patienten im Satz wären wohl auch die Prädikate im Satz für ein Wahrscheinlichkeitsbetrachtung heranzuziehen. Approximativ gesagt: je bunter, desto sicherer der Schluss:

    „seine Frau dem Stier entgegengeschubst“ ⇒ Täter ist ein Flüchtling aus Spanien
    „an einer Fettleber gestorben“ ⇒ Mordopfer einer raffinierten französischen Köchin
    „an einer Lebensmittelvergiftung gestorben“ ⇒ Unfallopfer einer weniger raffinierten englischen Köchin

    Andere Beispiele von Nationalitäten, Sabinerinnen-Gruppensausen, Fahrzeugverwendungen, thermodynamischen Experimenten und Ähnlichem wollen mir gerade keine einfallen.

    Außerdem bitte ich den kruden „Zigeuner“ zu entschuldigen; ich kenne mich zwischen Roma, Sinti, Kalderasch und was sonst noch für Untergruppen nicht besonders gut aus, und manche der nichtgenannten Gruppen fühlten sich bei einer unvollständigen Aufzählung dann auf ihren tribalen Schlips getreten.

    Die oben im Artikel genannte Blogseite bei der Zeit lässt erkennen, dass die Zahl der Presseungläubigen dort inzwischen merklich angestiegen ist. Hoffentlich stammen die in größerer Zahl immer noch gutwillig dem Blogautor zustimmenden Repliken nicht mehrheitlich aus der Redaktion selbst. Sonst hätte ich das verstörende Gefühl, das sei nicht mehr meine vertraute Zeitleserschaft, und der so neuen wollte ich dann gar kein freundliches Gesicht mehr zeigen.

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  3. Kurt Droffe schreibt:

    Sehr amüsant und treffend, danke!
    Ich könnte mir vorstellen, daß die Kurve so verlaufen wird: Erst: Berichten wir nicht drüber, ist bloß ein spektakulärer Einzelfall bzw. ein regionales Ereignis. Dann (jetzt): Berichten wir drüber, scheint ja nicht nur ein Einzelfall zu sein (s. Kiel, Bochum u.ö.), und andere Regionen haben anscheinend ähnliche Probleme. Bald: Berichten wir nicht mehr drüber, ist doch der Alltag sowas. Die Leute wollen echte Neuigkeiten und spektakuläre Einzelfälle.
    Die ganze Chose zeigt doch, wie wertvoll (bei allen häßlichen, aber normalen und nicht zu verhindernden Begleiterscheinungen) das Internet ist – nicht zuletzt deshalb wird es ja auch regelmäßig von Politikern kritisiert. Aber was diese Politiker und die Medien als „echo chamber“ bejammern, ist genau das ja oft überhaupt nicht, sondern eine blitzgeschwinde Nachrichtenstaffette; ich weiß eben inzwischen, wo ich gucken muß, wenn ich mir ein genaues Bild solcher Dinge machen möchte. Und das ist sooo unangenehm, wenn man das nicht mehr kontrollieren kann! Da wird dann auch gerne mit Zensur (Maas) und Gesetzen (Kauder, wirklich beängstigend, hier: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159606823/Wenn-das-Netz-weiter-luegt-ist-mit-Freiheit-Schluss.html) gedroht.
    Aus diesem Grund sind eben Blogs wie das Ihre auch mittlerweile so unverzichtbar und wertvoll.

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