Lob der Torheit Trumps

Eine scheinbar abseitige Szene könnte neues Licht auf die Zukunft der Weltdiplomatie werfen. Donald Trump hatte die Glückwünsche der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-wen entgegengenommen. Sofort schwappt ein Empörungstsunami von China ausgehend über die USA bis nach Europa.

© Spiegel 3.12.16

© Spiegel 3.12.16

Der Grund: Seit 1979 gab es offiziell keine Kontakte auf höchster Ebene zwischen den USA und dem China-abtrünnigen Taiwan. Damit akzeptierte man die „Ein-China-Politik“ des Mutterlandes, das die Abspaltung durch Tschiang-Kai-schek, trotz guter Beziehungen, offiziell nie anerkannte.

Die westliche Presse nutzt den diplomatischen Affront vor allem zum fortgesetzten Trump-Bashing. Die Geschichte vom tumpen Trump ist einfach zu verlockend und längst zum Meme geworden, als daß man sich die Gelegenheit entgehen lassen kann.

Sie kann auch als beunruhigende Panikmache gelesen werden, denn wer weiß, was der Elefant Trump in seiner Unkenntnis und Direktheit noch für diplomatisches Porzellan zertrümmern wird. Die schrecklichsten Folgen könnten daraus entstehen, gar chinesische Atomraketen scharf gemacht werden …

Eine dritte Lesart ist das Lob auf die Torheit. „Warum sollte ich den Anruf nicht annehmen?“, fragt Trump fast ein bißchen naiv und indigniert. Why not, indeed? Ist es nicht das Allernormalste, eine ganz alltägliche Höflichkeit, eine Forderung der Sittlichkeit, daß man den Hörer freundlich abnimmt, wenn es klingelt, noch dazu wenn ein Staatsoberhaupt am anderen Ende ist? Fuck your prejudices!

Trumps „Torheit“ unterläuft – über die Ursachen mögen sich andere Gedanken machen – ganz subtil die Hinterhintergedanken der internationalen Diplomatie, die ewige „Cui bono?“-“Cui malo?“-Dialektik, die Verstellung, die Lüge, die man euphemistisch als diplomatische Schläue verkauft. Und als US-Präsident hätte er die Macht, die „Diskursregeln“ neu zu definieren, denn wer glaubt schon daran, daß China wirklich die schweren Geschütze hervorholt, nur weil Trump ganz offen mit Frau Ing-wen oder dem Dalai Lama spricht oder andere „personae non gratae“ unverstellt gratifiziert? Und je unschuldiger, je offener und ehrlicher das alles geschieht, desto weniger wird man daran Anstoß nehmen können.

Gewagte (Syn)These: Vielleicht erleben wir eine neue Ära der politischen Unverstelltheit!

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