Cat Stevens und das Ende der Kunst

Menschen meiner Generation haben meist sehr angenehme Erinnerungen an Cat Stevens. „Die sensibelsten Frauen“, wie Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit dem Künstler gestand, legten meist eine seiner Platten auf, zündeten eine Kerze an, gossen ein Glas Wein ein … der Rest ist Geschichte, sweet, sweet memory bis … „Morning has broken“.

Dabei ist der einstige Superstar ein paradigmatisches Beispiel für die unheilige Verbindung von Kunst und Islam. Es lohnt, seiner Geschichte – übrigens nicht nur aus diesem Grund – ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Steven Demetre Georgiou ist der Sohn eines griechischen Zyprioten und einer Schwedin und wuchs im Herzen Londons auf. Die Eltern wurden geschieden, als der Junge gerade acht Jahre alt war. Der Vater führte ein arbeitsaufwendiges Restaurant, in dem alle mitarbeiten mußten. Das Kind zog sich oft zurück und wurde zum musikalischen Autodidakten. Im einsamen Kinderzimmer konnte ein frühes starkes religiöses Bedürfnis wilde Blüten treiben. Es dürfte sich alles um die Frage gedreht haben: Wer bin ich?

Die Mutter versuchte ein neues Leben in ihrer alten Heimat und nahm den kleinen Steven Demetre mit, ein Experiment, das schnell scheiterte. In diesem typischen postmodernen Kuddelmuddel der 60er Jahre konnte nur ein Mensch entstehen, dem eine eigentliche Identität nie vergönnt war, der aber umso stärker nach einer suchte.

Die Suche wurde durch den unerwarteten Erfolg seiner ersten Produktionen scheinbar unterbrochen. Die Musikindustrie war zu einer hungrigen Verdauungsmaschine geworden, permanent auf der Suche nach neuen künftigen Stars, der sich entwickelnde Markt schien schier grenzenlos. März 1967 hatte der junge sensible Künstler, gerade 19 Jahre alt,  sein erstes Album („Matthew & Son“) auf dem Markt, im Herbst kam das zweite („New Masters“), bald folgten die ersten Chart-Platzierungen, Tourneen, die mediale Aufmerksamkeit … in rasendem Tempo wurde Cat Stevens, wie er sich nun nannte, von der Maschine verschluckt.

Es folgt, was immer folgen muß: Alkohol, Drogen, Termine, Reisen, Hektik, Bekanntschaften, Arbeit über Arbeit und das permanente Erlebnis, immer im Mittelpunkt zu stehen. Er wurde zum Kettenraucher. Ein Jahr nach seinen ersten Erfolgen kollabierte seine tuberkulöse Lunge, nur knapp entrann er dem Tod.

Das monatelange Krankenlager wurde zur Zäsur, zur Besinnung. Stevens studierte den Buddhismus – oder das, was man im New Age dafür hielt. Später setzt er sich mit dem Christentum auseinander, dem Hinduismus, mit Zahlenmystik, Zen, Yoga, Meditation, Sufismus, vertraut dem I-Ging, Horoskopen, der Astrologie … das charakteristische Potpourri der Beliebigkeit. Er glaubt an UFOs und behauptet, von einem aufgesaugt, von Aliens untersucht worden zu sein.

Die seelische Veränderung schlägt sich vor allem in seiner Musik nieder, die sanfter, emotionaler, besinnlicher und auch sinnlicher wurde. Nach drei Jahren Pause erscheint „Mona Bona Jakon“, darauf der Klassiker „Lady D’Arbanville“. Mit den LPs „Tea for the Tillerman“ und „Teaser and the Firecat“ gelingt ihm der weltweite Durchbruch. „Wild World“, „Father and Son“, „Morning has broken“, „Moonshadow“, „Peace Train“  u.a. wurden unsterbliche Meisterwerke, die auch heute noch frisch und zeitlos wirken, geschaffen. Cat Stevens brachte einen vollkommen neuen, individuellen, emotionalen, meditativen, ehrlichen Ton in die populäre Musik.

Aber das Ungetüm ist größer als jeglicher menschliche Wille. Erneut wird der Mensch verschlissen. Ein lebensbedrohliches Ereignis wird zur Wende. Eine starke Strömung im Pazifik treibt den Schwimmer aufs offene Meer hinaus. Als ihn seine Kräfte verlassen und er mit seinem Leben abschließt, fleht er zu Gott, ihn zu retten, und gelobt – ganz wie einst Luther –, ihm danach zu dienen. Tatsächlich spült ihn eine große Welle an den Strand.

Wenig später entdeckt er den Koran. „Der Koran war so anders als alle Bücher, die ich kannte. Trotzdem kamen mir die Worte bekannt vor. Ich las und dachte, das kann kein Mensch geschrieben haben.“

Man kann nur darüber spekulieren, was die Attraktion des Korans ausmachte. Es dürfte einerseits die Spiegel-Funktion gewesen sein, die dem Leser die längst gefühlte „Falschheit“ und „Unwahrhaftigkeit“ seines Glamourlebens deutlich machte, vor allem aber – und das unterscheidet den Koran von den anderen religiösen Lektüren – offeriert er ein festes Gerüst, einen starken Halt und eine absolute Unterwerfung. Das Problem der Freiheit – bei Buddha etwa exorbitant wichtig und offen – wird hier radikal aufgelöst. Für einen identitätsschwachen Menschen kann das wie das Manna vom Himmel wirken.

Wenig später konvertiert er zum Islam, gibt sich den Namen Yusuf Islam. Zwar werden noch zwei vertraglich notwendige Platten produziert („Isitzo“, „Back to Earth“), doch hört man diesen das neue Verhältnis zur Musik längst an – sie sind musikalisch leer und bedeutungslos.

Man muß beide Seiten der Medaille sehen! Cat Stevens hat mit dem Islam seinen inneren Frieden gefunden. Man sieht es ihm an. Das ist ein hoher Wert. Für die Kunst war jedoch ein großes Talent auf immer verloren.

In einem Interview mit Thomas Gottschalk gesteht Yusuf Islam, Perfektionist zu sein. Mit dieser Einstellung stürzt er sich in den neuen Glauben.

Es dauert fast zwei Jahrzehnte, bis er erneut mit Tonaufnahmen auf sich aufmerksam macht. In „The Life of The Last Prophet“ liest er die stark eingefärbte Lebensgeschichte Mohammeds, in „Prayers of The Last Prophet“ sind rituelle Gebete zu hören, alles in der arabischen Tradition. Kreative Kunst ist das nicht mehr, viel mehr reine Apologetik. Auch diese Scheiben verkaufen sich gut – das Publikum ist freilich ein ganz anderes; Beifall gibt es nicht mehr, denn der ist unislamisch. Sofern Musik eine Rolle spielt, werden nur die islamkonformen Trommeln und die Stimme benutzt. Weltberühmt und typisch für religiöses Herrschaftsdenken wurde sein islamisches ABC-Lied: „A is for Allah, nothing but Allah“. Fünfzehn Jahre lang rührt er keine Gitarre mehr an. Als dann zufällig eine herumliegt, kann er nicht anders, als sie zu spielen. Seither nutzt er sie dezent wieder.

Derartige Szenen zeigen aber auch die Unterdrückung der eigenen Natur durch diese Religion, die mit viel Rationalisierungsaufwand dann gerechtfertigt wird: in einem BBC-Interview 2006, auf die Gitarre befragt, wies er darauf hin, daß diese von den Arabern erfunden worden sei.

Ansonsten lebt Yusuf Islam ein muslimisches Paradeleben. Seine Frau lernt er durch Heiratsvermittlung kennen, die Eltern führt er zur Konversion, sein Vermögen nutzt er, um geschlechtergetrennte islamische Schulen einzurichten[1] oder für andere Benefizunternehmen. Aufsehen erregte eine Äußerung während der Rushdie-Affäre, als er in die Kamera sagte, daß nach islamischem Recht und koranischem Verständnis die Todesstrafe für Salman Rushdie gerechtfertigt sei.

Das Beispiel Cat Steven zeigt: Kunst im westlichen Verständnis ist im und mit dem Islam nicht möglich. Islams späte Produktionen und Ansichten sind Beweis einer geistigen Verarmung einerseits und einer individuell-geistlichen Bereicherung, die auf strenger Limitierung und Negierung des Nichtkonformen beruht, andererseits. Sein Leben steht symbolisch für einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, zumindest in den sogenannten „Parallelgesellschaften“.  Werden diese dominant, ist das Konzept der künstlerischen Freiheit am Ende.

Und das mag man begrüßen oder nicht …

Quellen:
Eigner, Albert: Cat Stevens Yusuf Islam. Mit Welthits auf dem Weg zu Allah. Höfen 2006

 

[1] Seine Schulen sind die ersten Islam-Schulen Englands. Richard Dawkins hatte eine davon (keine Yusuf-Islam-Schule) in einem aufschlußreichen Video besucht.

siehe auch: Falsche Erwartungen

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